Isolation Berlin: Weltschmerz von der Stange

2. Mai 2016, 15:22
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Die hochgejubelte deutsche Band tourt diese Woche durch Österreich

Wien – Der Vorschuss war beachtlich. Nichts weniger als die neuen Joy Division seien sie. Das konnte nur Unfug sein, und derlei Hochstapelei schadet jeder Band mehr, als sie ihr nützt. Auch Rio Reisers Gesang wurde als Vergleich strapaziert, und zumindest in Deutschland haben das die meisten Medien brav nachgeschrieben. Immerhin haben die vier Berliner Jungs von Isolation Berlin ja ein Lied von Joy Division nachgespielt, auf Deutsch, das bei ihrem Namen naheliegende "Isolation".

Doch näher werden sie Joy Division nie kommen. Und als Isolation Berlin im Februar zwei Alben veröffentlichten, hörte man dar auf nichts von der drückenden Schwere, nichts von der gefrorenen Schönheit der Band aus Manchester. Stattdessen krakeelte jemand im Zustand des späten Stimmbruchs "Ich würde dir so gerne gefallen". Man war peinlich berührt.

Entschuldigt, Nino und Dirk

Schließlich, so hieß es im Vorschuss weiter, formuliere der Sänger die Befindlichkeit einer Generation. Auch das wurde vervielfältigt. Tatsächlich reicht es nicht einmal für knackige Slogans. Stattdessen dient sich die Band über Gemeinplätze dem Publikum an. Da hängen die Schultern so klischeehaft wie die Zigarette im Mundwinkel, und man möchte sich beim Nino aus Wien oder Tocotronic für alles entschuldigen, was man je Schlechtes über sie gedacht hat.

Tobias Bamborschke, Max Bauer, Simeon Cöester und David Specht sind wütend und durch mit der Welt. Trotz dieser narzisstischen Kränkung möchten sie geliebt werden: "Alle wollen dasselbe, doch nur für sich allein",_wehklagen sie, oder "Du hast mich nie geliebt", was jetzt auch nicht direkt ein Alleinstellungsmerkmal transportiert.

Die Slums von Prenzlauer Berg

Diesen Weltschmerz aus den ärgsten Slums des Bezirks Prenzlauer Berg überträgt die Band in einen oft unfreiwillig komischen Zornschlager, der den Blick nicht über den Rand des eigenen Nabels hebt. Drollige Studentenpoesie, verfasst im Schmerz der Trennung von Mutters Küche, wird mit Gitarrenrock von der Stange vertont und empfangen von einer Klientel, die ihre Abscheu vor dem Kapitalismus mit den ärgsten Klamotten von H&M zum Ausdruck bringt, die sie mit der Kreditkarte ihrer ätzenden Eltern begleichen.

Die Band schließt sich derlei Klischees willfährig an und posiert für die Promotionfotos auf dem eingeschlagenen Karriereweg zum Popstar im Schmuddel-Look. In abgewohntem Ambiente mit kleinen Bieren. Selten gab es die Verzweiflung so billig.

Es tropft

Trotz dieser Lächerlichkeit wird die Band heuer wohl bei den großen Festivals spielen. Zuvor dreht sie noch eine Runde durch kleinere Clubs, diese Woche geht es nach Wien, Innsbruck und St. Pölten. Die beiden Alben heißen "Und aus den Wolken tropft die Zeit", eine Sammlung von Singles ist als "Berliner Schule Protopop" erschienen. (Karl Fluch, 3.5. 2016)

Isolation Berlin live:
5. 5. Rhiz, 6. 5. Weekender, Innsbruck; 7. 5., Cinema Paradiso, St. Pölten
Beginn jeweils 21.00

  • Unfreiwillig komisch ist auch komisch. Die Band Isolation Berlin vertont ihren Weltschmerz und gebiert bloß Wutschlager.
    foto: staatsakt

    Unfreiwillig komisch ist auch komisch. Die Band Isolation Berlin vertont ihren Weltschmerz und gebiert bloß Wutschlager.

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