Salzburg: Von Alm zu Alm am Hochkönig

5. Mai 2016, 17:00
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Die besten Stellen auf dem Hochkönig haben sich Salzburger Senner vor langer Zeit für ihre Almen gesichert. Heute finden da oben auch Wanderer, Schnapsbrenner und Murmeltiere ihre Lieblingsplätze

Meistens kommen die Ersten gegen zehn Uhr, wuchten die Wanderrucksäcke von den Schultern, sichern sich auf den Holzbänken vor der Hütte einen guten Platz und lauschen in die Stille. Der Morgennebel ist dann bereits aus dem Tal verschwunden, und längst hat irgendwer über Salzburg die Sonne gehisst. Manchmal knarzen die Bodenbretter der Terrasse unter den Füßen, ab und zu trägt der Wind das Glockengeläut der Kirche von Maria Alm weit unten im Tal herauf und lässt es über der Mußbachalm wieder fallen. Plötzlich muht eine der sechs Kühe auf der saftigen Wiese in sieben Schritten Entfernung – um vieles lauter als es mancher Städter bis dato für möglich hielt.

Es ist so etwas wie ein Weckruf aus der Träumerei, ein kraftvolles Hier-wird-auch-gelebt! – obwohl nichts vom gewohnten Alltagslärm heraufdringt. Das solarbetriebene Radio hat Anita Grießner nur selten an, meist wenn keine Gäste da sind. Sie kommt ganz gut ohne eines aus, kennt selber von klein auf, dass nur der Wind die Musik macht, nur die sechs Kühe, drei Schweine, ein paar Hühner und zwei Katzen den täglichen Klangteppich ausbreiten.

foto: picturedesk / franz neumayr
Die meisten Sennerinnen am Hochkönig tragen Dirndl als Arbeitskleidung. Dieses hier hängt, ebenso wie die Lederhose, gerade zum Lüften in der frischen Almluft.

Die meisten Almbauern haben sich ihren Lieblingsplatz auf dem Plateau zu Füßen des Hochkönigmassivs in Salzburg schon vor Jahrzehnten, manchmal vor Jahrhunderten, mit einer stattlichen Hütte gesichert. Heute verdienen sie etwas dazu, indem sie Wanderer verköstigen, an zwei, drei Tischen vor dem rustikalen Sommerquartier am Hang, selbstgebackenes Brot mit Topfen und Kräutern servieren, dazu hausgemachte Kräuterlimonade oder Tee auftischen und Käse, Zuckerln, Honig oder selbstgebrannten Schnaps oder Salben nach überlieferten Rezepturen verkaufen.

Anita Grießner macht es auf ihrer Mußbachalm nicht anders. An manchen Tagen kommt keiner, an anderen sind nacheinander drei Dutzend Besucher da. Und am späten Nachmittag, wenn alle längst wieder ihren Hotels im Tal entgegenstreben, hat sie die Ruhe zurück und ihren Lieblingsplatz auf der Terrasse vor der Hütte für sich allein. Dann kümmert sie sich um die Tiere im Stall, sammelt Kräuter, rührt Salbe gegen Gelsenstiche an.

Augenaufschlag auf der Alm

Am 1. Mai 1816 wurde in der Alten Residenz der Stadt Salzburg jener Vertrag unterzeichnet, mit dem das Land Salzburg offiziell ein Teil von Österreich wurde. Diese 200 Jahre wirken hier heroben wie ein Augenaufschlag, blicken doch viele der Salzburger Almwirtschaften auf eine stolze Geschichte von mindestens 2.000 Jahren zurück. Über 70 bewirtschaftete Hütten gibt es heute in der Region oberhalb der Orte Maria Alm und Hinterthal am Hochkönig, dessen Gipfel fast 2.940 Meter hoch aufragt.

foto: hochkönig tourismus gmbh/johannes felsch
Gefühlt ist die Großstadt Salzburg weit weg, und so manches erinnert an ein Leben wie vor 200 Jahren.

Die meisten sind inzwischen über Wanderpfade oder Wirtschaftswege miteinander verbunden, viele Tagestouren sind ausgeschildert. Die Stadt Salzburg ist von hier aus etwas mehr als eine Autostunde entfernt. Gefühlt ist die Großstadt noch viel weiter weg, und so manches erinnert an ein Leben wie vor 200 Jahren. Umgeben sind die Hütten von einem Ring aus Fastdreitausendern.

Der Hochkönig ist überall

Werner Schafhuber aus Hinterthal kennt hier jede Alm, fast jede Tanne, gibt den Murmeltieren Namen und duzt sie. Ein halbes Leben lang hat er in der Region als Wanderführer gearbeitet. Wo es am schönsten ist? "Früher war mein Lieblingsplatz der Gipfel des Hochkönigs. 40-mal war ich oben. Heute finde ich es 2.000 Meter tiefer schöner – mit Blick auf diesen Ring aus Bergen, auf diese wie gemalte Kulisse. Ich bin glücklich, die Berge von unten zu sehen."

Wenn er es sich nun zu Hause im Liegestuhl bequem macht und in die Gegend schaut, dann fühlt es sich ohnehin an, als stünde der Hochkönig im eigenen Garten – oder am Ende der Straße, neben der Kirche, vorm Skikindergarten, hinterm kleinen Supermarkt. Der Hochkönig ist hier überall. Was früher anders war? Damals, als er vor über 45 Jahren hierherzog? "Da war hier die Welt zu Ende." Heute gibt es die Straße durchs Tal, ein paar Hotels und Pensionen, Seilbahnen, all die Wanderwege.

foto: imago/westend61
Über 70 bewirtschaftete Almen liegen auf dem Hochplateau am Hochkönig.

Anita Grießner ist in der Gegend geboren, ihre Kinder sind auf der Mußbachalm aufgewachsen. Sie mag sich auch heute kein anderes Leben vorstellen: "Im Frühjahr freue ich mich, wenn ich unseren Hof unten im Tal verlassen und endlich wieder mit ein paar Tieren auf die Alm ziehen kann – und ebenso im Herbst, wenn es wieder hinuntergeht."

Nur die Melkmaschine betreibt die Sennerin mit Solarstrom, alles andere muss ohne Elektrizität auskommen. Und auf einen Fernseher verzichtet sie nur zu gern: "Schließlich kann ich aus dem Fenster schauen." Aber eine E-Mail- Adresse hat sie: "Nur sage ich die keinem – weil ich sowieso nur im Winter in das elektronische Postfach schaue."

Beste Plätze für Schnaps

Schnapsbrenner Siegfried Herzog aus Saalfelden weiß genau, was auf welcher der Almen am besten gedeiht. Er kennt sie alle, die bevorzugten Plätze der Kräuter, die seinen Schnäpsen und Likören das richtige Aroma verpassen.

Von überall aus der Umgebung bekommt er die Ingredienzien seiner Schnäpse – und von Juli bis Dezember kommt er kaum zur Ruhe: Dann ist Brennbetrieb von vier Uhr früh bis zehn Uhr abends, weil so viel Obst zur selben Zeit frisch hereinkommt – und dann auch noch körbeweise Vogelbeeren, die sein pensionierter Vater zusammen mit Freunden in der Region von Maria Alm, Hinterthal und Saalfelden sammelt – alles in allem ein paar Tausend Kilo im Jahr.

foto: helge sobik
Eine davon, die Mußbachalm, wird von Anita Grießner betrieben. Ihre Kinder sind dort oben aufgewachsen.

Was daraus wird? Williams-Vogelbeere-Schnaps, einer der Bestseller der Brennerei. Schmeckt das nach dieser Region, nach Bergen und Weite, nach den Plätzen, wo er selbst am liebsten ist? Der Brennmeister grinst: "Vor allem schmeckt es gut."

Neben Wanderern schätzen auch Murmeltiere die Region wieder. "Früher", erinnert sich Werner Schafbauer, "da waren sie hier überall, wurden dann über die Jahre immer weniger, waren auf einmal so gut wie verschwunden." Aber jetzt sind sie zurück – vor allem die Enzenalm ist ihr neuer Lieblingsplatz: "Dort sind die meisten, sie hocken auf der Wiese und beobachten aufmerksam den Wanderweg." Anita Grießner hat auch wieder welche gesehen, zu Hause auf der Mußbachalm. Vermutlich waren sie nur auf der Durchreise zur Enzenalm.

Hahnenschrei und Kuhglockengeläut

Wer ganz früh loswandern mag, noch bei Dunkelheit, um sich oben seinen eigenen Lieblingsplatz zu sichern, der kann herausfinden, wie ein Tag auf der Alm beginnt: mit Vogelgezwitscher in der Dämmerung, mit einem Konzert, dessen Klang mit den ersten Sonnenstrahlen durch den Wald und über die Hänge wandert, mit einem Hahnenschrei keine zehn Minuten später und mit dem Läuten der Kuhglocken weitere 20 Minuten später.

Erst im Herbst kommt noch ein Geräusch dazu – eines, an das man sich gewöhnen muss, eines, über das man beim ersten Mal erschrickt: Es ist das Röhren der Hirsche in der Brunft. Die Herren sind Frühaufsteher. Nachts gegen drei Uhr melden sie sich das erste Mal. Was für ein Lärm! (Helge Sobik, RONDO, 5.5.2016)

Almen in Salzburg

karte: der standard

Almen auf dem Hochkönig
Viele der 70 Hütten in Maria Alm, Dienten und Mühlbach bieten Unterkunft: www.hochkoenig.at

Mußbachalm
Info-Tel.: +43/6584/81 16

Hüttenurlaub in Salzburg
Das Gesamtverzeichnis findet man unter: www.salzburgerland.com/de/huettenurlaub

Hotel
z. B. das Landhotel Schafhuber in Hinterthal

Die Reise erfolgte auf Einladung der Wanderhotels

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