Rund, bunt, verspiegelt: Sonnenbrillentrends

9. Mai 2016, 18:00
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Neben den Platzhirschen machen sich immer mehr kleine Labels auf dem Sonnenbrillenmarkt breit

Sie haben hohe Nasenflügel, ihre Gläser sind rund, verspiegelt und ragen über die Augenbrauen hinaus: "Sonnenbrillen mit flachen Gläsern ohne Glaskurve sind gerade der letzte Schrei", erklärt Nikolaus Hauser, Chef der Brillenmanufaktur in der Wiener Neubaugasse. Ein bisschen müsse man sich die aktuellen Modelle wie eine Verbeugung vor den Vorgängern aus den 1930er- und 1940er-Jahren und dem zusammengeschraubten Steampunk-Brillengestell aus kreisrunden Linsen vorstellen, das Johnny Depp Ende der 1990er-Jahre in Richard Burtons Gruselfilm "Sleepy Hollow" trug, erklärt er.

Nicht umsonst gilt die Sonnenbrille als die modische, die launige Schwester der optischen Brille. Oft begleitet sie ihre Träger nur für kurze Zeit – über die wenigen Sonnenmonate hinweg. Das gilt nicht nur für billige Mitnahmemodelle von der Tankstelle oder aus dem Drogeriemarkt. Clemens Moritzer, CEO von Rodenstock Österreich, erklärt: "Frauen tragen ihre Sonnenbrille durchschnittlich eineinhalb Jahre, Männer mit rund zweieinhalb Jahren etwas länger.

Zehn Jahre mit dem optischen Brillengestell

Die optischen Brillengestelle, tägliche Begleiter für den Alltag, sitzen dem österreichischen Durchschnittsverbraucher mit gut zehn Jahren eine halbe Ewigkeit auf der Nase, weiß Katharina Plattner, Geschäftsführerin und Designerin beim steirischen Brillenlabel Andy Wolf. Oft werde deshalb vorsichtshalber zu schwarzen und braunen Gestellen gegriffen.

Im Sonnenbrillensegment geht es zum Glück abwechslungsreicher zu. Und in diesem Sommer erst recht. Bei Andy Wolf werden runde sowie Cat-Eye-Modelle in Pastellfarben, Senf- und Rosttönen auf die Nase gesetzt. Die junge experimentierfreudige Käuferschaft weiß Form- und Farbenspiele zu schätzen. Der Chef der Brillenmanufaktur, der sich auf kleinere Hersteller wie Mykita, Monokel, Oliver Peoples spezialisiert hat, beobachtet: "Die ,Nicht-Passform' wird zur Passform erhoben."

Oft ragen die Brillen weit über das Gesicht hinaus, derzeit produzieren die Labels vor allem rau belassene oder mattierte Gestelle. Von den Billigmodellen aus der Drogerie können sich die Nischenanbieter in erster Linie übers Material absetzen. Echte Innovationen, das bestätigt Moritzer von Rodenstock, finden ausschließlich da statt: Gefeilt wird bei dem Münchener Hersteller am Glas, der Belastbarkeit von Scharnieren oder dem Gewicht.

Anfang des 20. Jahrhunderts entwickelte sich die Sonnenbrille aus Staub- und Schutzbrillen, heute würden Sonnenbrillen für unterschiedliche Verwendungszwecke von der Piste bis zum Sport entwickelt, so Moritzer. "Eine Sonnenbrille kann nie alle Zwecke erfüllen." Breite Designtrends sind hingegen nur noch schwer auszumachen. Wie in der Mode existiert auf dem Sonnenbrillenmarkt ein heterogenes, nahezu unübersichtliches Nebeneinander an Formen und Farben.

Kastig und geometrisch

Es lohnt dennoch, genauer hinzuschauen. Wer die Gestelle von Luxuslabels kauft, tütet Glamour und Image gleich mit ein: Gucci führt passend zu Schlaghosen und Schluppenblusen kastige, übergroße Retromodelle mit gelb getönten Gläsern, bei Dolce & Gabbana sitzen Früchte und Blumen auf den Gestellen, das schwedische Label Acne verkauft futuristisch zackige, geometrische Formen, für Silhouette entwarf der amerikanische Designer Wes Gordon eine smarte, randlose Neuauflage des runden Lennon-Klassikers.

Die Vielfalt und Verspieltheit der Designersonnenbrillen täuscht darüber hinweg, dass der internationale Markt von fünf großen Produzenten beherrscht wird. Allen voran das in Mailand ansässige Unternehmen Luxottica, das nicht nur für Oakley, Persol und Ray-Ban produziert, sondern auch die Lizenzen für große Luxusmodefirmen wie Chanel, Armani, Prada innehat.

2014 hat das Unternehmen mit Brillen und Sonnenbrillen über 7,6 Milliarden Euro umgesetzt. Die Atemlosigkeit der Mode hat jedenfalls längst auf das Geschäft mit den Sonnenbrillen übergegriffen, auch wenn die Entwicklungszyklen von Brillen langsamer als die der Mode seien, erklärt Moritzer.

Ein bisschen Fifties

Seit 2015 produziert das in München ansässige Unternehmen Rodenstock, Ende des 19. Jahrhunderts als "optisches Institut" gegründet, nicht nur Sonnenbrillen für Porsche, sondern auch für Jil Sander. In diesem Sommer werden die großen, ovalen Gläser mit Farbverlauf von hochgezogenen Cat-Eye-Rahmen in Pastell umfasst. Ein bisschen sehen die Modelle aus wie die Brillen, die das Unternehmen in den 1950ern mit Stars wie Marianne Koch und Senta Berger bewarb.

Neben den etablierten Platzhirschen haben sich aber auch kleine Unternehmen einen Namen gemacht. Im Brillensegment ist in den letzten Jahren das Bewusstsein für lokal gefertigte Produkte erwacht. Davon profitiert das steirische Label Andy Wolf. Dessen Erfolg lässt sich an seiner Expansion ablesen. Vor zehn Jahren arbeiteten in der Produktion in Hartberg 18 Personen, heute sind es 62. Rund 35 Sonnenbrillenmodelle bieten die Steirer an, erhältlich sind die rund 250 Euro teuren Brillen nur beim Optiker.

Den boomenden Onlinehandel mit Sonnenbrillen haben sich hingegen die Monopolisten unter den Nagel gerissen. Auf Websites wie glasses.com (sie gehört zu Luxottica) können die Kunden Gläser, Gestelle und Farben zusammenstellen und mit einem Schriftzug versehen lassen. Individualität vom Fließband, so was muss man wollen. (Anne Feldkamp, RONDO, 9.5.2016)

  • In diesem Sommer herrscht ein unübersehbares Nebeneinander von Formen und Farben im Sonnenbrillensegment: Das Berliner Label Mykita setzt auf Retromodelle mit Nasenflügeln ...
    foto: mykita

    In diesem Sommer herrscht ein unübersehbares Nebeneinander von Formen und Farben im Sonnenbrillensegment: Das Berliner Label Mykita setzt auf Retromodelle mit Nasenflügeln ...

  • ... Ace and Tate aus Amsterdam bringt Modelle, die an die fünfziger Jahre erinnern.
    foto: ace and tate

    ... Ace and Tate aus Amsterdam bringt Modelle, die an die fünfziger Jahre erinnern.

  • Große Gläser von Prada.
    foto: hersteller

    Große Gläser von Prada.

  • Wes Gordon hat für Silhouette eine Brille entworfen.
    foto: hersteller

    Wes Gordon hat für Silhouette eine Brille entworfen.

  • Rodenstock realisierte Katzenaugen für Jil Sander.
    foto: hersteller

    Rodenstock realisierte Katzenaugen für Jil Sander.

  • Andy Wolf mag's kompakt.
    foto: hersteller

    Andy Wolf mag's kompakt.

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