Prozess: Ein Dutzend Opferstockdiebe und eine grantige Richterin

3. Mai 2016, 05:30
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Zwölf Bulgarinnen und Bulgaren sollen in zahlreichen Kirchen Geld aus dem Opferstock gefischt haben. Manche wollen nur gebetet haben

Wien – Ob Gott – so er existiert – wirklich alles sieht, ist schwer zu sagen. Die Überwachungskameras in Kirchen sehen jedenfalls ziemlich viel. Genug, um ein Dutzend Bulgaren vor Richterin Andrea Wolfrum zu bringen, da sie immer wieder Geld aus Opferstöcken gefischt haben sollen.

Die Angeklagten, zehn Männer und zwei Frauen, bieten einen recht breiten Querschnitt der Bevölkerung. Sie sind 29 bis 59 Jahre alt, manche sind unbescholten, ein anderer ist 15-mal mit dem Gesetz in Konflikt gekommen, die Bildung reicht von Matura bis zu keinerlei Schulbesuch. Ein Merkmal verbindet die meisten: Elf von ihnen sind arbeitslos, der zwölfte sagt, er sei Geschäftsführer einer Baufirma, verdiene 300 bis 400 Euro und besitze eine Wohnung und ein Haus in Bulgarien.

Angeklagte verärgern Richterin

Die Richterin ist augenscheinlich mäßig gut aufgelegt und sitzt zwischen einem Berg Aktenordner, im Lauf des Verfahrens wird sie allerdings wirklich grantig. Die Angeklagten verschweigen teils Vorstrafen, reden dazwischen und widerrufen bei der Polizei abgelegte Geständnisse.

Schon der Erstangeklagte soll weit mehr als ein Dutzend Diebstähle begangen haben, bei vielen wurde er gefilmt. Er will das Video sehen, da er die Zahl nicht glaubt. Und überhaupt könnten die Bilder auch lügen.

In einem Fall beharrt er: "Ich war nur in der Kirche, aber ich habe nichts gestohlen." – "Was haben Sie sonst dort gemacht?", fragt Wolfrum. "Ich habe mir die Kirche angeschaut." – "Auf dem Foto sitzen Sie aber direkt neben dem Opferstock." Zufall, meint der Angeklagte. Eine Angeklagte erklärt, sie habe in einem Fall nur gebetet.

Mit Plastikstab und Klebeband

Manche der Angeklagten sind miteinander verwandt, andere haben sich zufällig in einer Caritas-Einrichtung kennengelernt. Es gab auch "Lehrer", die anderen beigebracht haben sollen, wie man mit einem Plastikstab und doppelseitigem Klebeband das Geld herausfischen kann. Das große Vermögen ist damit nicht zu holen. Einer sagt, er habe in zwei Monaten 200 Euro erbeutet, bei einem anderen waren es von Herbst bis Februar maximal 400 Euro, wie er behauptet.

Für eine Überraschung sorgt ein junger Mann, der bei der Polizei noch mehrere Komplizen detailliert belastet hat. Nun widerruft er seine Aussage komplett. "Die Dolmetscherin war parteiisch", behauptet er. Und: "Ich wollte möglichst schnell in Untersuchungshaft. Bei der Polizei habe ich nur eine verseuchte Decke voller Läuse und Flöhe bekommen, und sie haben mir weder Wasser noch Nahrung gegeben." Daher habe er seine Angaben erfunden.

Da die Einvernahme der Angeklagten deutlich länger dauert als gedacht, muss Wolfrum schließlich vertagen. (Michael Möseneder, 3.5.2016)

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