"Bettelstudent": In Zementschuh beim Zitatenfest

2. Mai 2016, 07:55
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Premiere von Carl Millöckers "Bettelstudent" an der Wiener Volksoper

Wien – Eine Filmreise, ein Google-Earth-Trip: Vom Weltraum richtet sich der Blick auf die Kugel, Erde genannt, die größer wird, bis Städte und also das liebe Krakau sichtbar werden. Zur edel umgesetzten Ouvertüre dann eine Postkartenreise in die Historie: Krakau seinerzeit, Krakau noch früher, Krakau 1704, der Vorhang hebt sein Haupt, und es tanzen Statuen mit ihren Barockperücken als Vorboten besonderen Musiktheaters, das dann leider nicht folgt.

Der konventionelle Spaß gerät zwar recht nett; den Pointen erschweren jedoch mattes Tempo und Timing das Leben. Es bewegt sich Millöckers Bettelstudent, dies Verwirrspiel um einen beleidigten Oberst und polnischen Heirats- und Freiheitskampf, dahin, als hätte er Zementschuhe an.

Es zahlte sich aus, einen Zahn zuzulegen: Die Verwirrkomödie wurde ja von und für Regisseur Anatol Preissler opulent frisiert, austapeziert und angekleidet: Der Beleidigte (witzig, aber etwas starr Martin Winkler als Oberst) trägt eine Windhundfrisur, seine Offiziere scheinen einem Fantasiebarock zu entstammen, das schon in der Serie Babylon 5 betörte. Und Gefängniswärter Enterich (ausgelassen Boris Eder) macht auf Jack Sparrow, was auch mit der Kennmelodie aus Fluch der Karibik untermauert wird.

Zitatenfreudig bleibt der Abend: Wenn die Gräfin und ihre Töchter (solide Elisabeth Flechl, Anja-Nina Bahrmann als Laura und Mara Mastalir als Bronislawa) Armut thematisieren, erschallt Tevjes Wenn ich einmal reich wär ... Und wird es gefährlich, so ein Diener mit einem Küchenmesser vorbeikommt, spielen die Streicher die scharfen Staccati aus Alfred Hitchcocks Psycho.

Nun, es überleben alle, auch Lucian Krasznec (als passabler Symon Rymanovicz) und Alexander Pinderak (als solider Jan Janicki). Einen Hauch von klangvoller Noblesse schaffte Dirigent Wolfram-Maria Märtig. Es wirkte nie aufgedreht, aufdringlich, nie unangenehm bombastisch, dafür mitunter edel, glutvoll und zumeist ausgewogen. Applaus. (Ljubisa Tosic, 2.5.2016)

5., 8. Mai, 3., 7., 18., 22., 24. Juni

  • Rache ist sein Begehr: Martin Winkler als Oberst Ollendorf.
    foto: barbara palffy / volksoper

    Rache ist sein Begehr: Martin Winkler als Oberst Ollendorf.

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