Tatort "Narben" aus Köln: Vernarbte Geheimnisse

30. April 2016, 10:30
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Opfer werden Täter. Verdächtige werden Opfer. Es ist ein Rätsel, das schwer zu lösen ist. Alle Narben wurden den Protagonisten schon früher zugefügt.

Cecile wurde im Kongo gefoltert. Auch in Köln, wo bei einer Razzia im Flüchtlingsheim ihre Freundin stirbt, fühlt sie sich nicht sicher. Und dann ist da noch der Arzt Dr. Wangila, ebenfalls Kongolese, der in Köln ermordet wird. Sonntagabend läuft die Tatort-Folge Narben in ORF 2 und ARD. Eine Weile sieht man nur die schaumgebremste deutsche Witwe, betroffen schauende Ärztinnen und Krankenschwestern. Wonach die Kommissare Schenk und Ballauf auch fragen, es geht nichts weiter. Ein Tatort, der nur langsam in die Gänge kommt.

Ruhig geht man durch kühle Bilder. Es werden viele Irrwege über eifersüchtige Ehefrauen und rassistische Cops beschritten. Langsam aber drehen sich alle Klischees zu einer anderen Geschichte. Opfer werden Täter. Verdächtige werden Opfer. Es ist ein Rätsel, das schwer zu lösen ist. Rainer Butt hat das Drehbuch geschrieben. Seine Figuren entwickeln sich still. Als die Wahrheit näherrückt, wird sie doch dramatisch. Nur ist selbst dann noch nicht klar, wer den Arzt ermordet hat. Der böse Fremde, die Bogenschießerin oder die Alkoholikerin?

Torsten C. Fischers Regie bleibt bis zuletzt in ihrem Flow. Hat man keine Geduld, kann das schwierig werden. Aber Sonntagabend ist Zeit für Geduld. Tatorte, an denen die Nerven blankliegen, gibt es genug. Immerhin: Selbst, wenn man sehr ängstlich ist, hält man hier bis zum Ende durch. Alle titelgebenden Narben wurden den Protagonisten schon früher zugefügt. Fabian Römer und Steffen Kaltschmid komponierten den düsteren Soundteppich. Auf ihm wandeln Frauen wie nicht von dieser Welt. Chancenlos, wer ihre Gedanken lesen will. Tatsächlich steht am Ende alles in Briefen. (Colette M. Schmidt, 30.4.2016)

  • Anne Ratte-Polle als Vivien Wangila.
    foto: orf/ard/uwe stratmann

    Anne Ratte-Polle als Vivien Wangila.

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