Einfach mal Dampf ablassen

30. April 2016, 18:00
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Alter Verführer in neuem Gewand oder sinnvolle Alternative: E-Zigaretten werden in Österreich jedenfalls immer beliebter

Wien – Früher roch es im Wohnzimmer von Robert Schwaiger nach kaltem Rauch, jetzt steigt einem eine Mischung aus irgendetwas Fruchtigem und Nuss in die Nase. Kirsche und Erdnussbutter seien seine Lieblingsgeschmäcker, sagt er und nimmt einen Zug aus seiner elektronischen Zigarette.

Den "echten" Zigaretten hat er vor einem Jahr abgeschworen. "Das Dampfen sah ich als gute Möglichkeit, mit dem Rauchen aufzuhören", sagt Schwaiger, während er eine regelrechte Wolke aus dem Mund bläst. Rauch könne man das nicht nennen, denn bei der E-Zigarette werde ja nichts verbrannt. Nach fünf Minuten ist das Zimmer zwar vernebelt, dafür riecht es nach Früchten statt nach Aschenbecher.

Schwaiger ist in großer Gesellschaft: Der Österreichische Dampfer-Club schätzt, dass in Österreich bereits 250.000 Menschen dampfen. Allein in Wien gibt es etwa vierzig spezielle Shops, in denen vom Gerät bis zum Zubehör alles gekauft werden kann – die meisten Trafiken haben ebenfalls ein kleines Sortiment. Das Marktvolumen der jungen Branche ist auf 15 Millionen Euro jährlich angewachsen.

Flucht vor der Zigarettensucht

Im Juni wird zudem eine große Veranstaltung über die Bühne gehen: Die Vienna Vape Show. Dort werden nicht nur Händler zusammenkommen, sondern auch sogenannte Vape-Tricks prämiert, also die tollsten Formationen aus Dampf. Die Dampfer sind zu einer regelrechten Community geworden – was sie antreibt, ist die Flucht vor der Zigarettensucht.

E-Zigaretten werden als gesündere Alternative zum Rauchen von normalen Zigaretten verkauft. Ob und wie viel gesünder sie tatsächlich sind, ist strittig. Die meisten Experten sind einig, dass durch die ausbleibende Verbrennung zumindest die Zahl der entstehenden und in der Folge inhalierten Schadstoffe deutlich niedriger sei.

Nikotin kann – je nach Geschmack – trotzdem enthalten sein. Die Flüssigkeiten, die in den Tank der E-Zigarette gefüllt werden, gibt es mit unterschiedlichem Nikotingehalt oder auch ganz ohne. Viele, die sich, wie Schwaiger, das Rauchen abgewöhnen wollen, reduzieren den Gehalt in den Liquids schrittweise.

Wie eine E-Zigarette funktioniert, ist recht schnell erklärt: Das Liquid wird durch ein Trägermaterial, meistens Watte, aufgesaugt und durch eine elektrische Spule geführt. Durch den Kurzschlussstrom über die Spule wird das Trägermaterial und das sich darin befindende Liquid erhitzt und verdampft dann.

Allerdings unterscheiden sich die verschiedenen Geräte in Liquidkapazität, Akkukapazität und eventueller Regelung der Versorgungsspannung. Auch das Aussehen variiert: Manche Geräte sind einer Filterzigarette nachempfunden und dünne Stifte, andere sind massiver und erinnern eher an Walkie-Talkies.

Von Apfel bis Drachenblut

Auch bei den Flüssigkeiten sind der Fantasie keine Grenze mehr gesetzt – die Geschmacksrichtungen reichen von relativ normalen Aromen wie Apfel über Tabakgeschmäcker und Cremiges wie Cappuccino bis zu verrückten Mischungen, die Namen wie "Drachenblut" oder "Fresh Green" tragen.

Wer sich mit Geschmäckern eindecken will, hat in Wien bereits einige Möglichkeiten. Diese Dampf-Shops standen vor wenigen Monaten noch vor einer ungewissen Zukunft. Der Verfassungsgerichtshof verhinderte im Oktober 2015 allerdings ein Gesetz, wonach die E-Zigarette samt Zubehör nur mehr in Trafiken hätte verkauft werden dürfen. Die Shops hätten zusperren müssen.

Die Dampfbar in einem Hinterzimmer des Café Einstein am Rathausplatz war einer der ersten Dampf-Shops in Österreich. Die Eigentümer des Einstein, Bettina und Josef Gross, waren vor drei Jahren noch starke Raucher, die ständig nach einem Weg suchten, um aufzuhören. "Wir haben einfach alles probiert", erzählt Bettina Gross.

Auch mit E-Zigaretten habe sie sich schon länger befasst, sei aber nie überzeugt gewesen – "bis ich eine Dame in einem Shoppingcenter ansprach und einen Zug von ihrem Apparat nahm. Keine zwei Stunden später waren mein Mann und ich mit einem Starterset zu Hause." Sofort kam die Idee, das Dampfen ins Einstein zu bringen, und so entstand vor zweieinhalb Jahren die Dampfbar.

Hört man den Gesprächen in der Dampfbar ein paar Minuten lang zu, wird schnell deutlich, dass es sich beim Dampfen um mehr handelt als um ein Mittel zum Zweck. Drahtstärke, Mischverhältnis, elektronische Einstellungen – das klingt nach Fachgesprächen. Für viele sei es das auch, sagt Gross. "Ich berate nur noch die Einsteiger. Bei den richtigen Bastlern lasse ich unsere Profis ran."

Die perfekte Wolke

E-Zigaretten sind ein Paradies für Bastler: Will man die ganze Wicklung im Apparat nicht alle paar Wochen neu kaufen, kann man alles selber machen. "Das tun sehr viele, denn es ist auf die Dauer um einiges preiswerter", erzählt Verkäufer Christian Knapp zwischen zwei Zügen aus seinem Gerät.

Das Ziel beim Basteln ist meistens, eine noch bessere Dampfentwicklung hinzubekommen. Beim sogenannten Cloud-Chasing messen sich Dampfer darin, wer den meisten Dampf ausstößt – auf Youtube gibt es viele solcher Videos zu sehen.

In der Dampfbar haben sich mittlerweile zwei Frauen eingefunden, sie wollen sich das Dampfen einmal ansehen. "Beim Erstgespräch ist ganz wichtig, wie viel und wie lange bisher geraucht wurde", erzählt Knapp.

"Wenn Nichtraucher kommen, raten wir generell ab. Wir wollen nicht, dass das Dampfen zum Einstieg für das Rauchen wird." Nachdem ein passendes Gerät gefunden wurde, geht es ans Geschmäckertesten. Rund 280 verschiedene Liquids gibt es in der Dampfbar.

Das dürfte bald Geschichte sein, denn mit dem generellen Rauchverbot ab 2018 ist auch der Dampf gemeint. Christian Knapp und Kollege Walter Kaserer verstehen die Welt nicht mehr. "Das ist ja kein Rauch, sondern Dampf", sagt Kaserer. Für ihren Verkauf sei das künftig schwierig: "Wer will denn schon die Katze im Sack kaufen?"

Bleibt die Frage, ob das Dampfen nicht auch eine Sucht ist und die Zigarette nur gegen etwas anderes eingetauscht wurde. "Das Aufhören würde mir jetzt auch schwerfallen, es wäre aber doch leichter", sagt Bettina Gross. Denn das Ritual, das viele Raucher brauchen, bleibt auch beim Dampfen bestehen: Man führt etwas zum Mund, atmet ein, spürt – falls das Liquid Nikotin enthält – auch den Flash, den so viele Raucher brauchen.

Knapp hat vom Kettenrauchen auf Dampfen ohne Nikotin reduziert und nach einem Jahr "ohne" einen Selbstversuch gestartet: Nach zwei, drei Monaten mit Nikotin und Flash konnte er ohne Probleme wieder auf null Nikotin wechseln. Er ist sicher, dass das Aufhören kein Problem wäre. Geplant habe er das aber nicht. (Lara Hagen, 30.4.2016)

  • E-Zigaretten gewinnen in Österreich an Beliebtheit. Im ganzen Land gibt es bereits mehrere Dampf-Shops mit spezieller Beratung. Das Rauchverbot 2018 wird aber auch die Dampfer treffen.
    foto: christian fischer

    E-Zigaretten gewinnen in Österreich an Beliebtheit. Im ganzen Land gibt es bereits mehrere Dampf-Shops mit spezieller Beratung. Das Rauchverbot 2018 wird aber auch die Dampfer treffen.

  • Beim sogenannten Cloud-Chasing messen sich Dampfer darin, wer den meisten Dampf ausstößt.
    foto: christian fischer

    Beim sogenannten Cloud-Chasing messen sich Dampfer darin, wer den meisten Dampf ausstößt.

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