"Kapitalismustribunal": Wirtschaft trifft Richter

29. April 2016, 15:56
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Im Brut-Theater beginnt ab 1. Mai ein "Kapitalismustribunal" mit fiktiven Prozessen gegen das, was am Neoliberalismus als sehr fragwürdig angesehen wird

Wien – Wirtschaftsdelikte sind schwer zu judizieren. Offenbar, sonst wären die Gefängnisse womöglich mit mehr Managern belegt. Aber kann auch ein ganzes ökonomisches System angeklagt werden – besonders jetzt, da durch TTIP die Diskussion aktuell wurde, ob mit dem Abkommen nicht auch staatliche Gerichtsbarkeit ausgehebelt wird?

Ja, das geht. Vorerst im Rahmen der Kunst, wie ein Kapitalismustribunal im Brut jetzt ab Sonntag unter Beweis stellen will. Am Tag der Arbeit wird dieses Wiener Theater in einen "Gerichtshof" umgewidmet. Darin soll dann an sieben Verhandlungstagen (4. bis zum 10. Mai) "gegen Gebaren und Produktionsweisen des europäischen Kapitalismus und ihre Auswirkungen auf Menschen, Gesellschaft und unseren Planeten Anklage erhoben" werden. Rund 250 Klagen wurden bisher gesammelt.

Durchgeführt wird diese Gerichtsperformance in Kooperation mit dem Club of Rome vom Haus Bartleby, das Alix Faßmann, Jörg Petzold und Anselm Lenz im Berliner Bezirk Neukölln betreiben. Die Verhandlungen mit Anklägern, Verteidigern und Richtern beginnen kommenden Mittwoch jeweils um zwölf Uhr mittags. Teilnehmen werden unter anderen die Soziologin Saskia Sassen, der ehemalige deutsche Bundesrichter Wolfgang Neskovic oder Rechts- und Wirtschaftstheoretikerin Katharina Pistor. Möglicherweise kommen auch Thomas Piketty und Naomi Klein.

Das Kapitalismustribunal ist mit Arbeiten von Milo Rau verwandt, die sich vom Reenactment – "Moskauer Prozesse" – zur fiktiven Gerichtsverhandlung – "Zürcher Prozesse" – entwickelten.

Das hat Tradition: Bereits in Aischylos' Orestie (458 v. Chr.) tagte ein Gericht. Beim Tribunal im Brut wird jetzt unter Titeln wie "Psychologie des Kapitalismus" (4. 5.), "Arbeit im Kapitalismus" (5. 5.) oder "Eigentum im Kapitalismus" (6. 5.) verhandelt.

Nach den Prozessen gibt es jeweils ab 19 Uhr Diskussionen. Am 12. Mai wird das Brut bei einem "Emma Goldman"-Tanzfest wieder zum Theater. (Helmut Ploebst, 29.4.2016)

Eintritt frei. Auftakt 1. 5., 19.00

  • Am Tag der Arbeit wird das Brut in einen "Gerichtshof" umgewidmet, der sich mit brisanten Fragen zu Kapitalismus und Gesellschaft befasst.
    foto: haus bartleby

    Am Tag der Arbeit wird das Brut in einen "Gerichtshof" umgewidmet, der sich mit brisanten Fragen zu Kapitalismus und Gesellschaft befasst.

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