Die Angst der Meinungsforscher vor der Wahl

Blog30. April 2016, 10:00
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In der Branche herrscht Uneinigkeit, ob vor der Stichwahl Meinungsumfragen veröffentlicht werden sollen

Bei der Stichwahl könnte es eigentlich recht einfach für die Meinungsforscher sein. Eine 50:50-Chance wie beim Elfmeter. Trifft oder trifft nicht (zu).

Doch ganz so einfach ist es dann doch nicht: Die Umfragen vor der ersten Runde der Präsidentschaftswahl haben gezeigt, dass sich viele Wähler erst knapp vor der Urne entscheiden beziehungsweise auch wenn sie bereits eine Tendenz haben, diese nicht vorher preisgeben wollen.

Umfragen sind keine Prognosen

Meinungsforscher Christoph Hofinger vom Sora-Institut wehrt sich im STANDARD-Gespräch gegen die Skepsis gegenüber seiner Branche. Denn: Meinungsumfragen seien keine Prognosen. "Wir können nichts dafür, wenn die Beipacktexte – also die Schwankungsbreite – ignoriert werden", sagt Hofinger. Das müsse den Lesern bewusst gemacht werden.

Und: Er will nicht für das schlechte Abschneiden der Kandidaten der Regierungsparteien, Rudolf Hundstorfer (SPÖ) und Andreas Khol (ÖVP), verantwortlich gemacht werden. "Wir sind nicht die Sündenböcke für vergeigte Wahlkampagnen", sagt der Meinungsforscher.

Ob Umfragen jetzt überhaupt noch vor der Stichwahl veröffentlicht werden sollen, darüber ist sich die Branche uneinig. Das hängt auch vom Auftraggeber ab – den Medien. DER STANDARD wird vor der Wahl keine Umfrage mehr publizieren. Dies geschieht auch in Absprache mit anderen Medien. Ausnahme ist beispielsweise "Österreich". Am Freitag titelt das Fellner-Blatt mit einer Umfrage, durchgeführt vom Gallup-Institut.

Geschäftsmodell

Doch Hofinger hält nichts von einem Veröffentlichungsverbot. Das wäre eine Selbstbeschränkung. Die jüngsten Umfragen haben die Grenzen der Meinungsforschung aufgezeigt, aber anders als oft angenommen, sagt er: "Umfragen können andere Dinge besser als Wahlergebnisse vorhersagen: etwa den Zusammenhang zwischen Ängsten und Wahlverhalten feststellen."

Günter Haunlieb vom Gallup-Institut sieht es etwas pragmatischer. "Das ist auch unser Geschäft", erklärt er. Aber es wählten nur einige wenige Prozent der Wähler taktisch, daher sei der Einfluss auf das Wahlverhalten gering. Es gebe eine Tendenz der Spaltung in der Gesellschaft, die sich hier abbilde. Gibt "Österreich" noch eine Umfrage in Auftrag, wird Gallup sie auch durchführen.

Um zu sehen, welche Faktoren und welche Wählergruppen bei der Stichwahl entscheidend sind, empfiehlt Hofinger Tools wie den Stichwahlrechner. Hier könne man gut erkennen, was sich in letzter Minute ändern kann. (Marie-Theres Egyed, 30.4.2016)

  • Bei der Stichwahl könnte es für Meinungsforscher recht einfach sein, richtig zu liegen: Wie beim Elfmeter – trifft oder trifft nicht.
    foto: apa/stiplovsek

    Bei der Stichwahl könnte es für Meinungsforscher recht einfach sein, richtig zu liegen: Wie beim Elfmeter – trifft oder trifft nicht.

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