"Die Gastgeberin der Hölle": Tante Margit, das Monster

30. April 2016, 12:00
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Wenn ein Massaker wie jenes von Rechnitz zur Familiengeschichte gehört: Sacha Batthyanys großartige Aufarbeitung "Und was hat das mit mir zu tun?" geht uns alle etwas an

Es ist ein gewöhnlicher Wochentag im April 2007, Sacha Batthyany sitzt an seinem Arbeitsplatz in der Redaktion der Neuen Zürcher Zeitung und schreibt gerade an seinem nächsten Artikel, als ihm eine Kollegin einen Zeitungsausschnitt auf den Tisch legt: "Was hast denn du für eine Familie?"

Der Ausschnitt stammt aus der FAZ, "Die Gastgeberin der Hölle" steht in großen Buchstaben, gemeint ist ein Familienmitglied, das dem Autor als dominant, exaltiert und unnahbar in Erinnerung ist. Tante Margit, eigentlich seine Großtante. Als Kind ist er dreimal im Jahr mit ihr zusammengetroffen, immer in den teuersten Restaurants von Zürich – und nachher war man jedes Mal froh, wenn es vorbei war. Das hat sich eingeprägt. Auch dass Tante Margit Krokodilledertaschen geliebt und Kinder gehasst hat. Dass da noch etwas mit der "Thyssen-Milliardärin" war, blieb dem Autor lange verborgen. Nun muss er in der Zeitung über sie lesen: Sie war kalt, sexbesessen, ein "Monster", hatte Affären mit Nazis und war zu Kriegsende in einen Massenmord verwickelt. Die Bild titelt gar: "Thyssen-Gräfin ließ auf Nazi-Party 200 Juden erschießen", in englischen Zeitungen wird sie "killer countess" genannt.

"Wieso war Margit ein Monster?", fragt Sacha Batthyany seinen Vater, zu einem Zeitpunkt, als er noch gar nicht weiß, dass er Jahre später ein Buch über diese abgründige Geschichte schreiben wird. Für den Großneffen, geboren 1973, beginnt 2007 etwas aufzubrechen, was bis dahin völlig tabu war – in der Familie wurde einfach nicht über Rechnitz geredet.

Rechnitz im Burgenland, die Nacht vom 24. auf 25. März 1945. In ihrem Schloss gibt die Gräfin ein rauschendes Fest für die SS. In derselben Nacht werden im Ort ungefähr 180 ungarisch-jüdische Zwangsarbeiter ermordet – von Teilnehmern des Festes. Nach dem Krieg wird Margit Batthyány, geborene Thyssen, zwar der Mittäterschaft verdächtigt, aber bis zu ihrem Tod 1989 in der Schweiz gelingt es ihr, mit dem Verbrechen nicht in Verbindung gebracht zu werden. Auch in Rechnitz selbst hält das Schweigen erstaunlich lange an – das Massengrab ist bekanntlich bis heute nicht entdeckt.

Die Geschichte holt jedoch die Nachgeborenen ein. 2007 beginnt für Sacha Batthyany ein Bewusstseinsprozess, in dem Zeit- und Familiengeschichte einander durchdringen: Tante Margit, die Juden, der Holocaust. Aber da ist auch der Großvater, der zehn Jahre im Gulag war, und mehr noch die Großmutter, die ihr Leben lang nicht damit fertig wurde, eine jüdische Familie nicht gerettet zu haben. Genug, um das bisher ahnungslose Leben des Autors nachhaltig zu erschüttern. Er beginnt zu recherchieren, sieben Jahre dauert die Spurensuche, die ihn nach Ungarn, Moskau, Sibirien führt. Jahre, die sein Leben verändern und in denen er sich manchmal wie in einer Zeitmaschine vorkommt, in der ihm das Gestern und das Heute verschmelzen. In diesen sieben Jahren wird er Vater dreier Kinder, lernt Windeln zu wechseln und Brei zu kochen. Zweimal die Woche legt er sich bei einem Psychoanalytiker auf die Couch, um über Massengräber, den Holocaust und Stalin zu reden. 2009 fährt er erstmals nach Rechnitz, als anonymer Teilnehmer einer Gedenkveranstaltung, und kontaktiert Verwandte, die er bisher nicht gekannt hat. Am Ende wird er schreiben: "Es war ein Massaker an 180 Juden, das mich meiner Familie näherbrachte."

Aber was hat das mit ihm zu tun? Eines Abends begegnet er in einem Restaurant zufällig dem Schriftsteller Maxim Biller, der sich die Geschichte anhört, um schließlich zu fragen: "Und was hat das mit dir zu tun?" Muss ihn die "Nazi-Gräfin", die angeheiratete, von der Familie ungeliebte Großtante wirklich etwas angehen? Aber es geht nicht nur um sie, es geht um die ganze Familie, Täter die einen, Opfer die anderen und alle zusammen "Bastarde der Zeitgeschichte", die Fragen noch aus dem Grab heraus abwimmeln: "Das verstehst du nicht ... vergiss es ..." Doch der Enkel, der Großneffe beharrt, möchte wissen, "was von früher in meinen Knochen steckt ..., was Ereignisse aus der Vergangenheit aus uns machen."

Das Ergebnis ist ein packendes, heftiges, sehr persönliches Buch, umso mehr, als der Autor mit seinen Fragen allein bleibt. "Wozu das alles? Bringt das was?", bekommt er von seinem meist einsilbigen Vater zu hören. Zu tief hat offenbar der Mechanismus der Verdrängung gegriffen. Ein einziges Mal, in einer fiktiven Tischszene, lässt Batthyany seine Großtante zu Wort kommen: "Wir haben alle gelitten ... Du hast keine Ahnung, was wir in Rechnitz durchgemacht haben ..." Die klassische Täter-Opfer-Umkehrung. Worauf ihr Mann beschwichtigt: "Jetzt lasst's doch die alten Zeiten ruhen ... Lasst uns lieber feiern." So wird 1957 in der Villa Mita in Lugano geredet.

Die Verdrängung lebt auch noch fünfzig Jahre später fort, und Gleichgültigkeit. "Wozu alte Geister wecken?", bekommt Sacha Batthyany von der Verwandtschaft zu hören, als er an einem Familientreffen im Burgenland teilnimmt. "Wozu?" "Was haben wir damit zu tun?" "Was in den Zeitungen steht, ist Unsinn." Ein älterer Herr meint schließlich: "Vielleicht hat das Massaker gar nicht stattgefunden?" und faselt von "jüdischer Propaganda". Und überhaupt: "Die Jelinek ist auch eine Jüdin."

Die eigentliche Geschichte

Natürlich Elfriede Jelinek. Ihr 2008 uraufgeführtes Rechnitz-Stück Der Würgeengel provoziert – in erster Linie die Familie. Das tut Sacha Batthyany nicht. Für ihn hat Tante Margit wohl von dem Verbrechen gewusst und die Täter gedeckt, an den Erschießungen teilgenommen aber habe sie nicht. Stattdessen hat sie gefeiert: "Sie lachte und tanzte, während die ausgemergelten Körper in die Erde fielen. Sie lachte und tanzte mit den Mördern, als diese um drei Uhr morgens wieder ins Schloss zurückkamen."

Und dann wurde für den Rest des Lebens geschwiegen. "Ihr alle wusstet von diesem Massaker ... Aber ihr wart zu höflich zu fragen. Ihr wolltet es euch nicht mit ihr verscherzen." Tante Margit hatte bestimmt, worüber gesprochen wird und worüber nicht. Sie hatte das Geld und die Macht.

Aber das allein kann es nicht gewesen sein. Denn auch über das Schicksal der jüdischen Familie Mandl wurde in der Familie nicht geredet, und diese Geschichte hat mit Tante Margit nichts zu tun. Sie betrifft Sacha Batthyanys Großmutter Maritta, eine Geschichte, die auch erst mit Verspätung in das Bewusstsein des Autors drang: Zwei Jahre nach ihrem Tod im Jahr 2009 übergab ihm sein Vater eine Tagebuchmappe und Aufzeichnungen, die er eigentlich auf ihren Wunsch hin hätte vernichten sollen. Darin beschreibt Maritta Batthyány eine Schuld, die sie ihr Leben lang gedrückt hat – und die den Enkel am Ende seiner Recherchen nach Argentinien führt. Und damit beginnt das Buch, dass der Autor im Oktober 2013 im Wohnzimmer einer Holocaust-Überlebenden in Buenos Aires sitzt und Apfelstrudel isst.

Eigentlich handelt das Buch ja vielmehr von ihr: Die über 90-jährige Frau, die sich für den Besucher aus Europa schöngemacht hat, hieß einmal Agnes Mandl und war eine Jugendfreundin seiner Großmutter, Agnes und Maritta sind im selben ungarischen Dorf aufgewachsen. 1944 trennten sich die Wege, Agnes und ihr Bruder wurden nach Auschwitz deportiert, ihre Eltern mussten Zwangsarbeit auf dem Gut von Marittas Familie leisten. Dabei kam es zu dem Vorfall, den Maritta in ihren Aufzeichnungen in verschiedenen Versionen festgehalten und der sie ihr Leben lang nicht mehr losgelassen hat: Die Mandls flehten Marittas Vater um Hilfe an, kurz darauf wurden sie erschossen, Maritta hat es mitangesehen. "Wenigstens die Mandls hätte ich retten können", wird sie später beteuern. Zumindest sie wird es aufs Papier schreiben, erzählen wird sie es niemandem: "Ich kann nicht in den Spiegel schauen, ohne an die Mandls zu denken."

Siebzig Jahre später sitzt der Enkel, der das Tagebuch der Großmutter in seiner Tasche trägt, dieser Agnes gegenüber. Dass sie überlebt hat, hat seine Großmutter nie erfahren, und auch Agnes wird am Ende nicht erfahren, wie ihre Eltern ums Leben gekommen sind: Das war der Wunsch von Agnes' Töchtern, sie am Ende ihres Lebens nicht damit zu belasten. So bleibt es bei einem unverfänglichen Gespräch, Erinnerungen werden ausgetauscht. "... wir freuten uns mit ihr", schreibt Batthyany, "obwohl uns allen nicht danach zumute war. Weil wir die Wahrheit kannten."

Es ist die eigentliche, berührende Geschichte dieses Buches. Und am Ende große Literatur. (Gerhard Zeillinger, Album, 30.4.2016)

Sacha Batthyany, geb. 1973, studierte Soziologie in Zürich und war Redakteur bei der "NZZ" und ist seit 2010 beim Magazin des "Tagesanzeiger". Seit 2015 als Korrespondent in Washington D.C.

Gerhard Zeillinger, geb. 1964 in Amstetten, ist österreichischer Historiker, Literaturwissenschafter und Autor.

  • Elfriede Jelineks, 2008 uraufgeführtes Rechnitz-Stück  "Der Würgeengel" (Bild) provoziert – in erster Linie die Familie.
    foto: arno declair

    Elfriede Jelineks, 2008 uraufgeführtes Rechnitz-Stück "Der Würgeengel" (Bild) provoziert – in erster Linie die Familie.

  • "Wozu alte Geister wecken?", hört Batthyany von der Verwandtschaft.
    foto: maurice haas

    "Wozu alte Geister wecken?", hört Batthyany von der Verwandtschaft.

  • Sacha Batthyany,  "Und was hat das mit mir zu tun? Ein Verbrechen im März 1945. Die Geschichte meiner Familie". € 20,60 / 256 Seiten, Kiepenheuer & Witsch, Köln 2016
    foto: kiepenheuer & witsch

    Sacha Batthyany, "Und was hat das mit mir zu tun? Ein Verbrechen im März 1945. Die Geschichte meiner Familie". € 20,60 / 256 Seiten, Kiepenheuer & Witsch, Köln 2016

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