Nettigkeiten auf der Überholspur

Kolumne5. Mai 2016, 14:35
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Im Rückreiseverkehr liegen die Nerven manchmal blank, vor einem die Blechschlange, hinter einem ein Drängler

Die Mini-Haifischflosse auf dem Dach ließ es erahnen: In dem (nicht mehr ganz taufrischen) Dreier-BMW sitzt ein Drängler. So war es auch. Der auf sportlich aufgemotzte Wagen konnte seine Pferdestärken kaum im Zaum halten. Die Lichthupe blinkte nervös, gerade so, als müsste sich ein Einsatzwagen eine Rettungsgasse freibeamen.

Wir ließen uns von derlei Attitüde natürlich genau gar nicht beeindrucken. Das können wir gut, im Demonstrativ-kein-Ohrwaschl-Rühren sind wir Meister. Wäre im sonntäglichen Rückreiseverkehr auch überschaubar sinn- und effektvoll gewesen, denn die Autos fuhren dicht an dicht, quasi Blechschlange. Das freilich in durchaus angemessenem Tempo (jenseits der erlaubten Höchstgeschwindigkeit, das geben wir freimütig zu). Also bedeuteten wir dem eiligen Zeitgenossen freundlich, aber bestimmt "slow down", was dieser – Überraschung! – als solide Provokation missinterpretierte.

Derbe Gestik

Spätestens als er zur Rebellion ansetzte, wünschten wir uns Videoüberwachung, zumindest aber eine Wanze. Denn sosehr wir uns auch anstrengten: Welch freundliche Worte die einigermaßen derbe Gestik des Verfolgers begleiteten, konnten wir nicht entschlüsseln. Aber weil wir ja keine Unmenschen sind (beziehungsweise uns nur ganz selten als solche outen), verdrückten wir uns bei erster Gelegenheit auf den mittleren Fahrstreifen.

Viel Vorsprung verschaffte unsere noble Geste dem Verfolger nicht. Aber wir fühlten uns als Wohltäter, denn auf seiner Hecknummerntafelhalterung stand "Seid nett zueinander". (Luise Ungerböck, 5.5.2016)

  • Wenn Fahrzeuge, die eh schon den ganzen Spiegel einnehmen auch noch aufblenden anfangen, dann ist vermutlich gerade Rückreiseverkehr.
    foto: apa

    Wenn Fahrzeuge, die eh schon den ganzen Spiegel einnehmen auch noch aufblenden anfangen, dann ist vermutlich gerade Rückreiseverkehr.

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