Nach der Wahl: Die Arroganz der Bildungsschicht

Userkommentar29. April 2016, 19:24
606 Postings

Reaktionen auf das Wahlergebnis und das Wahlverhalten nach Bildungsabschluss zeugen von Narzissmus und zweifelhaftem Demokratieverständnis

Zwei metaphorische Schläge in die Magengrube, deren Folgen wohl noch längere Zeit spürbar sein werden, musste man am vergangenen Wahlsonntag einstecken. Der erste Schock kam mit den Hochrechnungen, die den Wahlsieg des freiheitlichen Kandidaten verkündeten und schmerzlich vor Augen führten, dass ein rechter Politiker als zukünftiger Repräsentant Österreichs doch nicht so abwegig ist, wie ich in meiner Naivität immer annahm. Den zweiten Schwinger versetze mir dann jedoch eine Statistik, die von derStandard.at auf Facebook gepostet, fleißig geteilt und kommentiert wurde, und in der es darum ging, wie sich das Wahlverhalten der Österreicher nach Bildungsabschluss unterscheidet.

Pflichtschulabsolventen (43 Prozent) und Absolventen einer Lehre (51 Prozent) waren besonders geneigt, ihr Vertrauen dem freiheitlichen Kandidaten zu schenken, während bei Maturanten und Akademikern Alexander Van der Bellen das Rennen machte. Auf Facebook wurde diese aufschlussreiche Statistik von der Bildungsschicht dieses Landes häufig mit dem Slogan "Bildung braucht das Land" oder auch nur mit einem selbstgefälligen "Like" kommentiert, während aufseiten der "Ungebildeten" verständlicherweise die Emotionen hochkochten.

Deckmantel der Motivforschung

Nun halte ich persönlich Alexander Van der Bellen für den nahezu idealen Kandidaten für das höchste Amt im Land – besonnen, intelligent, kompetent und sympathisch –, jedoch frage ich mich doch, was uns diese Statistik sagen, oder besser: suggerieren sollte. Eine Analyse der Wahlmotive mag sinnvoll sein, der didaktische Wert einer Analyse nach Bildungsabschluss erschließt sich mir jedoch nicht wirklich. Ich habe das Gefühl, hier wurde ein trojanisches Pferd geschaffen, das unter dem Deckmantel der Motivforschung die nur mehr schwer auszuhaltende Arroganz der politischen Linken transportiert. Woher, um alles in der Welt, kommt die Überzeugung, es sei legitim, die Wähler in die "Gebildeten" und die "Ungebildeten" einzuteilen und so die eigene Niederlage zu rechtfertigen?

Die Reaktionen auf das für manche unerfreuliche Ergebnis der Wahl decken einmal mehr das Problem der politisch linksorientierten Gesellschaft auf: Hier nimmt man sich das Vorrecht heraus zu determinieren, was politisch korrekt und was verpönt ist; die Politik wird sozusagen mit einem Rahmen versehen, der das Erlaubte vom Unerlaubten trennt. Jegliche Meinung, die sich jenseits der Grenzen des definierten Rahmens befindet, wird reflex- und mantraartig verteufelt und gebrandmarkt.

Respektlosigkeit vor Meinungspluralität

Nirgendwo kommt dieser problematische Narzissmus besser zum Vorschein als in der aktuellen Asyldebatte. Jede Äußerung, jeder Einwurf, jede Warnung, die nicht dem kosmopolitischen Moralismus der Linken entspricht, wird mit dem "Nazi-Stempel" versehen und als außerhalb des Rahmens des Erlaubten stehend verbannt. Jede Andeutung, dass eine multikulturelle Gesellschaft doch auch gewisse Gefahren in sich birgt, jede Erwähnung, dass Integration auch eine Bringschuld ist, und jede Warnung, dass Huntingtons These des "Kampfes der Kulturen" zumindest ernst genommen werden sollte, wird automatisch mit dem Stigma des Rechtsradikalismus versehen. Diese Respektlosigkeit vor Meinungspluralität wurde am Sonntag bestraft.

Wenn nun versucht wird, einen erneuten Wahlkampfsieg der FPÖ mit der angeblichen Ungebildetheit der Wähler zu erklären, so zeugt das nicht nur von einer geradezu erschreckenden Ignoranz gegenüber den eigenen politischen Schwächen, sondern auch von einem mehr als zweifelhaften Demokratieverständnis. Zugegeben, man kann die Meinung vertreten, die FPÖ fährt nur deshalb einen Wahlsieg nach dem anderen ein, weil die Mehrheit der Wähler ungebildet oder politisch ahnungslos ist; dann jedoch sollte man konsequent genug sein und die Sinnhaftigkeit der Demokratie an sich infrage stellen.

Hannah Arendt schrieb vor einigen Jahrzehnten, die Produktion von lediglich durchschnittlichen Politikern sei geradezu die logische Konsequenz der Demokratie, da das Wahlvolk sich mit diesen am ehesten identifizieren kann, während die fähigen von den Wählern stets misstrauisch beäugt werden. Diese Weisheit hat sich, so könnte man urteilen, diesen Sonntag einmal mehr bewahrheitet. Den Wahlausgang jedoch mit der Ungebildetheit des Volkes zu erklären, ist nicht nur eine unnötige Respektlosigkeit gegenüber dem verdienten Wahlsieger, sondern auch ein Angriff auf die demokratischen Grundwerte, auf die wir ja angeblich alle so stolz sind. (Christof Royer, 29.4.2016)

Christof Royer studiert an der Universität St. Andrews in Großbritannien Internationale Politische Theorie, davor Rechtswissenschaften in Wien.

Zum Thema

Share if you care.