Im bunten Zirkus dem Rassismus Brasiliens entkommen

Ansichtssache22. Mai 2016, 11:00
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Ein Projekt in Rio de Janeiro will Kindern aus Favelas ihre Möglichkeiten aufzeigen und ihnen beibringen, stolz auf ihre Herkunft zu sein

Die Gesellschaft wollte, dass Natalia Bittar scheitert. Zumindest hat es die heute 31-Jährige immer so empfunden. Sie ist schwarz und wurde in einer der unzähligen Armensiedlungen (Favelas) von Brasiliens Metropole Rio de Janeiro geboren. In den Favelas ist man unsichtbar, erzählt die Afrobrasilianerin mit dem gewinnenden Lächeln. Rassismus ist in dem größten Land Südamerikas tief in der Gesellschaft verwurzelt. Den Kindern aus der Favela bleibt oft nicht viel, außer den Angeboten vom schnellen Geld der Drogenmafia nachzugeben. Schwarze verdienen in Brasilien noch immer rund 42 Prozent weniger als Weiße.

Doch Natalia Bittar wollte gesehen werden. Durch den Tanz versuchte sie schon in jungen Jahren die Gesellschaft zu verändern, sie unterrichtete in den Armensiedlungen Hip-Hop und studierte schließlich Pädagogik. Vor fünf Jahren kam sie zu dem Projekt "Se esse Rua" – Wenn die Straße unsere wäre –, das auch von der Dreikönigsaktion, dem Hilfswerk der österreichischen Jungschar, unterstützt wird. Hier will die pädagogische Leiterin den Kindern aus den Favelas durch Zirkusakrobatik, Sportangebote und aufbauende Gespräche Selbstbewusstsein geben und ihre Rechte aufzeigen – damit auch sie sichtbar werden.

Stolz auf die Herkunft

Bittar und die anderen Pädagogen studieren mit den Kindern akrobatische Vorführungen ein, die sie schließlich auf die Straße oder in die Gesellschaft tragen. Nicht selten kommt es vor, dass selbst Eltern überrascht sind, dass ihre Kinder etwas durchhalten können, erzählt die 31-Jährige. Meistens seien es die "Problemkinder", die am härtesten an sich arbeiten würden, wenn man sie fördert. "Auch die Eltern haben oft keine Ahnung, dass ihre Söhne und Töchter Rechte haben", sagt Bittar. In Brasilien wird von den Kindern früh erwartet, dass sie etwas zum Haushaltsbudget beitragen. "Es kommt immer wieder vor, dass die Spielsachen der Kleinen mit den Worten 'Du sollst arbeiten, nicht spielen' weggeworfen werden", sagt die Pädagogin.

Vor allem den dunkelhäutigen Kindern will Bittar beibringen, stolz auf ihre Herkunft zu sein. "Ich kann mich erinnern, wie in meinen Schulbüchern von der Entdeckung Brasiliens durch die Portugiesen die Rede war", sagt die Pädagogin. Es sei beschrieben worden, was ihnen die weißen Kolonialherren gebracht hätten: die Sprache, die Religion, die Institutionen, das Geld. Der Beitrag der Schwarzen habe sich auf Tanz und Straßennamen beschränkt. "Da ist jedem Kind klar, was wichtiger ist: das Geld, mit dem ich zahle, die Religion, die ich lebe, die Sprache, die ich spreche oder der Name der Straße, in der ich wohne", so Bittar.

Traum: Zirkusartistin

Ein Beispiel dafür, dass das Selbstbewusstsein der Kinder durch "Se esse Rua" tatsächlich steigt, ist die 14-jährige Kelly. Sie spricht mittlerweile offen über ihre Favela, in der es "mehr Menschen als Quadratmeter" gebe, und ihre täglich dreistündige Fahrt in die Schule. Die Schulen in der Armensiedlung seien nämlich nicht gut, die Lehrer würden kein Gehalt bekommen und die Unterrichtsqualität darunter massiv leiden. Sie will einmal Zirkusartistin werden, davon leben können. Denn wenn sie trainiere, würden "die schlimmen Dinge verschwinden". (Bianca Blei aus Rio de Janeiro, 21.5.2016)

foto: bianca blei
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Hinweis im Sinne der redaktionellen Leitlinien: Der Artikel entstand im Rahmen einer Recherchereise nach Rio de Janeiro, die von der "Dreikönigsaktion – Hilfsaktion der katholischen Jungschar" unterstützt wurde.

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