Wie eine Österreicherin mit Spielevideos ihr Leben finanziert

Interview8. Mai 2016, 11:00
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Streamerin Julia "MissRage" Kreuzer über Gehälter, Verträge und Frauen im Gaming-Bereich

Auf der Streaming-Plattform Twitch hat die 25-jährige Kärntnerin Julia "MissRage" bereits mehr als 300.000 Follower und ist somit die beliebteste Streamerin Österreichs. Im Rahmen einer Podiumsdiskussion über E-Sport beim ISPA Forum 2016 traf sich der GameStandard mit der jungen Gamerin, um über Knebelverträge, Geschäftsführer-Gehälter, Vorurteile gegen Frauen im Spiele-Sektor und die Rolle des Aussehens bei weiblichen Streamerinnen zu sprechen.

STANDARD: Sie sind dafür bekannt, Spiele im Internet live zu streamen, auf ihren Kanälen finden sich jedoch auch Vlogs und Hardware-Reviews. Sehen Sie sich als E-Sportlerin/Streamerin/Let's Playerin oder gar eine Art YouTuberin?

Kreuzer: Als eine Art YouTuberin sehe ich mich gar nicht. Ich bin hauptsächlich Entertainerin und seit eineinhalb Jahren damit selbstständig. Außerdem spiele ich seit einem Jahr als E-Sportlerin auch professionell "Counter-Strike". Wir haben da ein eigenes Frauenteam namens "MASY". Das steht für "Make A Sandwich Yourself" und bezieht sich auf einen Spruch, den man als Frau in Spielen oft zu hören bekommt: "Go and make me a Sandwich".

STANDARD: Gibt es auch eigene Turniere für Frauen?

Kreuzer: Ja, es gibt eigene Frauenturniere, bei denen wir mitspielen. Davon finden aber nur zwei oder drei pro Jahr weltweit statt. Das sind ausschließlich LAN-Turniere wie etwa die Copenhagen Games. Das Preisgeld ist dabei mit etwa 7000 Euro deutlich geringer als bei anderen Turnieren.

STANDARD: Was würden Sie sagen, sind die Vor- und Nachteile als Frau zu streamen?

Kreuzer: Ein großer Nachteil sind natürlich die ganzen Vorurteile und Vorwürfe: "Mädchen sind schlecht im Gaming", "Du machst das ja nur, um Geld zu verdienen", "Du hast nur so viele Zuschauer wegen deinem Aussehen", "Du nutzt es aus, ein Mädchen zu sein". Der Vorteil, in diesem Bereich als Frau aktiv zu sein, ist, dass die meisten Zuseher männlich sind und nur wenige weibliche Streamer existieren. Alleine die Tatsache, dass da eine Frau spielt, interessiert viele Menschen.

STANDARD: Inwiefern spielt das Aussehen tatsächlich eine Rolle?

Kreuzer: Es spielt natürlich eine Rolle. Aber es ist nicht so simpel, wie sich die Leute das vorstellen. Vor allem hübsche Frauen haben natürlich den Vorteil, dass sie männliche User anlocken. Im Gegensatz zu männlichen Streamern ist es aber viel schwieriger, diese neuen Zuseher dauerhaft zu binden, weil man an Interesse verliert, wenn man dann nicht auch mit Charakter oder Skills überzeugen kann. Bei Männern sehen die User bereits von Beginn an wegen dem Streamer selbst zu und nicht wegen des Aussehens. Es aber auch natürlich Frauen, die das ausnutzen. Die spielen dann mit tiefem Ausschnitt, tanzen für Zuseher in Yoga Pants oder belohnen neue Subscriber, indem sie Jumping Jacks machen. So etwas findet bei mir gar nicht statt.

STANDARD: Auf Ihrem Account sind die höchsten Spenden durch User offengelegt. Da gibt es Zuseher, die Ihnen bereits tausend Euro gespendet haben, einer sogar 5000 Euro. Was sind das für Personen?

Kreuzer: Die meisten von ihnen kenne ich. Man muss aber auch dazu sagen, dass diese Beträge nicht auf ein Mal gespendet wurden, sondern über längere Zeit zusammenkamen. Der mit den 5000 Euro ist seit drei Jahren ein Fan und beruflich viel unterwegs. Die Gaming-Community gibt ihm eine positive Einstellung zum Leben. Er spendet auch nur so viel, wie er es sich leisten kann und will. Diese Spender sind keine verliebten Typen. Bei anderen Streamerinnen gibt es das wirklich, dass sie eher fragwürdige Beziehungen zu Usern aufbauen und dadurch tausende Euro am Tag verdienen. Bei mir wissen und sehen die Leute, dass ich einen Freund habe, da spiele ich keinem etwas vor.

STANDARD: Wie geht man als Frau mit Belästigungen um?

Kreuzer: Das kommt darauf an. Meistens schieße ich zurück, aber oft ignoriere ich Wortmeldungen auch einfach. Im Chat setze ich User, die fast immer zusehen und von denen ich weiß, dass sie ein Gespür für die Inhalte haben, die ich im Chat dulde, als Moderatoren mit speziellen Rechten ein, um lästige Nutzer und Kommentare zu entfernen.

STANDARD: Auf welche Verträge stößt man, wenn man sich in dem Geschäft etablieren will und welche Einschränkungen muss man hinnehmen?

Kreuzer: Das ist ganz unterschiedlich. Natürlich gibt es Sponsoren, die zum Beispiel ihre Headsets einsetzen wollen oder eine gewisse Mindestdauer an Stunden einfordern. Neulinge sind von den Beträgen meistens so fasziniert, dass sie fragwürdige Verträge annehmen. Nachdem ich in meinem vorherigen Beruf allerdings im Einkauf der Firma Mahle tätig war und täglich mit Verträgen zu tun hatte, kenne ich mich aus und weiß, dass sich Verträge auch immer nachverhandeln lassen. Daher habe ich persönlich keine Einschränkungen oder Mindestzeiten. Natürlich gibt es bei mir zum Beispiel unter dem Stream Werbelinks, aber zur Zeit habe ich nicht einmal Produktplatzierungen.

STANDARD: Wie viel verdienen Sie mit Ihrer Tätigkeit?

Kreuzer: Mein Gehalt ist etwa auf dem Level eines Geschäftsführers. Die Einnahmen kommen von den Sponsoren, durch die User und durch die Streaming-Plattform Twitch selbst, die Werbung schaltet. Es gibt auch eigene Abos, bei dem User dann etwa spezielle Markierungen im Chat oder eigene Emoji bekommen und an einzelnen Tagen mit mir selbst spielen können. Die meisten Twitcher leben hauptsächlich durch die Spenden der Zuseher und legen ihre Streams auch darauf aus. Bei mir stammen 70 bis 80 Prozent der Einkünfte allerdings von den Verträgen. Einerseits, weil ich mehr Sicherheit beim Grundgehalt will und daher langfristige Verträge eingehe, andererseits, weil ich den Usern nicht das Geld aus den Taschen ziehen will, wie das oft bei anderen Kanälen passiert.

STANDARD: Das klingt sehr lukrativ. Ist es schwierig, jetzt noch als Streamer anzufangen und sich auf dem vernetzten Markt durchzusetzen?

Kreuzer: Ja, auf jeden Fall. Mit einem guten Konzept oder einem super Charakter hat man aber immer Chancen. Hingegen gibt es viele Leute, die es sich ziemlich einfach vorstellen, als Streamer oder YouTuber bekannt zu werden. Vor allem viele Mädchen denken sich: "Da ich gut aussehe, werden mir gleich viele Leute zusehen". Aber das ist nicht so einfach und man muss viel Zeit investieren, um Zuseher auch halten zu können. Man darf auch gar nicht mit der Einstellung hineingehen, durch Streaming mal viel Geld verdienen zu können. Das war bei mir auch nicht der Fall. Ich hatte damit begonnen, weil es mir Spaß machte.

STANDARD: Mittlerweile haben Sie aber 300.000 Follower auf Twitch, 44.000 auf Twitter und 67.000 auf YouTube. Bei Facebook haben Sie fast so viele Fans wie Armin Wolf. Dennoch weisen die Videos von YouTubern im Vergleich zu den Twitch-Gamern meistens viel höhere Zahlen auf.

Kreuzer: Das liegt daran, dass man YouTube-Videos jederzeit schauen kann. Die Faszination von Streaming wie bei Twitch liegt ja darin, dass man live zusehen und mit dem Spielenden auch interagieren kann. Die Bereitschaft, diese Videos, die ja meistens über Stunden gehen können, im Nachhinein zu sehen, ist daher verständlicherweise eher gering. Für einen Arbeiter, der am Abend heimkommt, sind Videos, die ich am Nachmittag streame eher uninteressant.

STANDARD: Sehen Sie Ihre Streaming-Zeiten als Rituale oder Arbeitszeit und wie lange wollen Sie generell noch diese Tätigkeit verfolgen?

Kreuzer: Ich versuche schon, "Schedules" zu haben – also regelmäßig zu streamen. Aber wenn ich mal keine Lust habe, lasse ich es. Die Leute merken sofort, wenn du nicht gut drauf bist oder nur eine Rolle spielst. Generell will ich es so lange machen, wie ich kann, wie es mir Spaß macht und solange die Leute eine Freude daran haben. Fünf bis zehn Jahre sollte es locker noch gehen, danach würde ich gerne im Gaming-Bereich bleiben. Entweder im organisatorischen Hintergrund von E-Sport-Events oder auch in Form einer Agentur, die jungen Streamern bei Verträgen oder bei der Sponsorensuche hilft.

STANDARD: Wie stehen Sie zu kritischen Themen der Szene wie etwa das einige Milliarden schwere Wettgeschäft mit "CS:GO"-Skins oder der für manche Spiele anscheinend schädlichen Wirkung von Let's Plays?

Kreuzer: Dass man mit Skins Wetten eingehen kann, ist sicher diskutabel. Ich arbeite zwar auch mit einer dieser Seiten zusammen, da es ja eigentlich wie bei Poker und Sportwetten ist und im Prinzip jeder selbst entscheiden muss. Nachdem es aber fehlende Bestimmungen gibt, existiert eine Grauzone, die auch von Minderjährigen genutzt werden kann und das ist dann das Problem. Ich finde nicht, dass Let's Plays den Herstellern schaden, auch wenn sich die Zuseher das Spiel nicht kaufen sollten, kommen sie zu einer enormen Publicity. (Florian Schmidt, 8.5.2016)

  • Julia Kreuzer alias "MissRage".
    foto: twitch/julia kreuzer

    Julia Kreuzer alias "MissRage".

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