Ich bin unfassbar gerne allein

2. Mai 2016, 10:00
45 Postings

Gitarristin und Sängerin Mira Lu Kovacs lebt im 17. Bezirk und fühlt sich dort gern ein bisschen verloren

Mira Lu Kovacs, Gitarristin und Sängerin von Schmieds Puls, lebt in einer Noch-WG im 17. Wiener Bezirk. Hier erlebt sie das Glück des genau richtigen Ohrensessels und das Unglück des genau falschen Bodens im Zimmer.

"Von so einem altmodischen Armchair hab ich immer schon geträumt. Als ich in diese Wohnung eingezogen bin, hat mir meine Mutter genau so einen geschenkt. Ich mag Armchairs oder Fauteuils oder Ohrensessel, oder wie auch immer die heißen mögen. Mir fallen halt oft nur die englischen Ausdrücke ein. Es ist schwierig, wenn man ausschließlich auf Englisch singt, dann mischt sich dieses Genglish, dieses German-English, zwangsweise in die Sprache.

foto: lisi specht
Mira Lu Kovacs sitzt am liebsten in ihrem Armchair vulgo Ohrensessel. In diesem schreibt und komponiert sie, demnächst auch völlig ungestört von Mitbewohnern.

Jedenfalls mag ich meinen Armchair, weil er so großartig gemütlich geshapt ist. Er ist das Zentrum meines Zimmers, in gewisser Weise auch der gesamten Wohnung. Hier schreibe ich viel, hier komponiere ich, hier kann ich mich gut konzentrieren. Manchmal drehe ich mir den Sessel zum Fenster und setze mich ganz tief hinein, sodass man nur noch den Himmel im Blickfeld hat.

Übrigens nutze ich den Armchair auch zum Schreiben von Morning-Pages. Das ist eine Art Ritual von mir. Das heißt: Das Allererste, was man am Morgen tut, vielleicht nach einer Tasse Kaffee, ist das Niederschreiben der allerersten Gedanken. Jeden Tag drei Seiten. Das klingt jetzt womöglich ein bisschen artsy und eso, aber es hilft mir, eine Sprache zu finden.

foto: lisi specht

Die Wohnung hat 52 Quadratmeter und liegt im 17. Bezirk. Ich bin im August 2013 eingezogen. Der 17. Bezirk ist super. Einerseits bin ich in fünf Straßenbahnhaltestellen direkt im Wald, andererseits gehe ich 20 Minuten zu Fuß und bin im Zentrum. Und ich hab den Eindruck, dass in meinem Grätzel viele unterschiedliche Leute wohnen. Nicht nur Studenten und Familien, sondern auch Hackler und Hacklerinnen. Am Sonntag geht man entweder zur Tankstelle auf der Jörgerstraße oder zum Türken in die Kalvarienberggasse. Ich find das gut so.

Noch ist das eine Wohngemeinschaft. Noch! Aber die WG-Tage sind gezählt. In zwei Wochen wird mein Mitbewohner ausziehen. Ich bin leider echt kein WG-Typ, da komm ich irgendwie nicht zur Ruhe. Ich mag meinen Mitbewohner sehr, aber bin dann doch lieber die alte Katzenlady. Ich bin unfassbar gerne allein, sowohl beim Wohnen als auch beim Reisen.

foto: lisi specht

Ich mag dieses Gefühl des Alleinseins, des ein bisschen Verlorenseins. Die letzten zwei Jahre waren für mich künstlerisch und karrieretechnisch eine ziemlich aufregende Zeit, ich war viel auf der Bühne. Allein letztes Jahr hatte ich an die 75 Gigs. Das ist viel. Da muss man auch mal die Tür zumachen und alles rund um sich vergessen können.

Die Wohnung ist, ehrlich gesagt, echt zum Alleinsein geshapt. Die Küche, wenn man von Küche sprechen kann, ist winzig. Aus bislang unerfindlichen Gründen ist sie – nebenbei bemerkt – in einem grauenvollen Kackbraun gestrichen, was mir aus Faulheit bis heute nicht gelungen ist zu ändern. Ansonsten kann ich zum Wohnen nicht viel sagen. Die Möbelstücke wirken vielleicht ein bisschen unmotiviert zusammengestellt. Doch das Wichtigste sind mir meine weiblichen Vorbilder, von denen ich Fotos und Plakate aufgehängt habe. Patti Smith, Ani DiFranco oder meine Oma, die Malerin war. Große Frauen hänge ich mir gerne in die Wohnung.

foto: lisi specht

Eines der wichtigsten Merkmale sind die gelben Post-its an der Wand über dem Schreibtisch. Ich kann mir nichts merken, daher muss ich meine To-do-Liste an die Wand picken. Es werden immer mehr und mehr Zettel, und das Abarbeiten geht nur gaaanz, gaaaanz langsam. Ach ja: Was an dieser Wohnung vielleicht ein bisschen schade ist, ist der Laminatboden. Zum Üben und Musikhören klingt natürlich echter Holzboden am besten, aber egal, ich bin zufrieden." (2.5.2016)

Mira Lu Kovacs, geboren in 1988 in Oberpullendorf, stand mit 14 Jahren erstmals mit einer Folk-Band auf der Bühne. Sie studierte Jazzgesang an der Anton-Bruckner-Universität in Linz, brach das Studium jedoch aus beruflichen Gründen ab. Seit 2012 tourt sie mit ihrer Band Schmieds Puls durch Europa. Sie hatte bereits Auftritte in vielen europäischen Ländern, im Iran und in Australien. Zuletzt brachte sie ihr Album I Care a Little Less About Everything Now heraus. Am 10. Mai tritt sie mit Robert Rotifer und Pete Astor im Theater Akzent auf: Home in a Heartbeat.

Link

Schmieds Puls

Share if you care.