"Spirit": Für außersinnliche Wahrnehmung schwärmen

28. April 2016, 15:21
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Ein esoterisches Vergnügen: Die Göteborgs Operans Danskompani mit Arbeiten von Sidi Larbi Cherkaoui und Saburo Teshigawara zu Gast im Festspielhaus Sankt Pölten: "Spirit"

Sankt Pölten – Hinter den beiden Tanzstücken, die das Festspielhaus Sankt Pölten am Samstag unter dem Titel Spirit zeigt, stehen zwei unterschiedliche Persönlichkeiten. Noetic von Sidi Larbi Cherkaoui ist angeregt vom US-amerikanischen Astronauten Edgar Dean Mitchell. Saburo Teshigawara hat sich an Franz Kafkas Strafkolonie orientiert.

Mitchell war 1971 während der Apollo-14-Mission auf dem Mond. Beim Rückflug zur Erde machte er einige resultatfreie Experimente mit außersinnlicher Wahrnehmung, nahm 1972 Abschied von der Nasa, gründete ein Unternehmen und das Institute of Noetic Sciences (IONS). Letzteres zusammen mit dem Unternehmer Paul N. Temple, der finanzierendes Mitglied der evangelikalen The Fellowship Foundation ist, einem einflussreichen und elitären, geheimbündlerisch operierenden politisch-religiösen Netzwerk.

göteborgsoperans danskompani

Die Mitglieder von IONS begeistern sich für Parapsychologie, Ufos und allerlei esoterische Spiritualität (www.noetic.org), was den Bestsellerautor Dan Brown dazu bewog, es in seinem Buch The Lost Symbol zu erwähnen. Zu wissenschaftlichen Überprüfungsmethoden wie Peer-Reviewing, heißt es, halten die Forscher des Instituts gern Abstand.

Gegenaufklärung

Die bei Cherkaoui titelgebende Noetik hat zudem nichts mit der "Phänomenologie der Vernunft" des Philosophen Edmund Husserl zu tun, denn diese ist transzendental im Sinn von Kant: als Untersuchung "unserer Erkenntnisart von Gegenständen". Freundlich gesagt, sind die Noetic Sciences Pseudowissenschaften, und Noetic basiert auf einer äußerst naiven Schwärmerei dafür, wie auf Cherkaouis Website www.east-man.be nachzulesen ist.

Das Resultat mit Musik von Symon Brzószka und einer Bühnengestaltung von Antony Gormley ist sicher schön anzusehen, aber auch ein Musterbeispiel für die nicht nur in den USA hippe New-Age-Gegenaufklärung.

Bewegung ist Leben

Saburo Teshigawaras ebenfalls von der Göteborgs Operans Danskompani produzierte Metamorphosis wirkt ähnlich jenseitig, enthält aber jene Art von Spiritualität, die ein allzu emphatischer Zugang zum Tanz immer mit sich bringt, wenn, wie hier, küchenphilosophisch geraunt wird: "Movement is life."

Teshigawaras Tänzer führen ihre Verwandlungen auf schwarzer Bühne zur Musik von Tim Wright, Olivier Messiaen und Maurice Ravel durch. Das auratische Stück ist ebenfalls ein Musterbeispiel dafür, dass "atemberaubende Schönheit" auf tönernen Beinen tanzen kann. Man kann das genießen – aber mit Vorsicht. (Helmut Ploebst, 29.4.2016)

30. 4., 19.30

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Festspielhaus St. Pölten

  • Inspiriert von esoterischer Spiritualität und Parapsychologie: das Stück "Noetic" von Sidi Larbi Cherkaoui, produziert in Göteborg, zu sehen in Sankt Pölten.
    foto: bengt wanselius

    Inspiriert von esoterischer Spiritualität und Parapsychologie: das Stück "Noetic" von Sidi Larbi Cherkaoui, produziert in Göteborg, zu sehen in Sankt Pölten.

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