Oberster Diplomat der Welt gesucht

27. April 2016, 17:35
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Ban Ki-moons Wien-Besuch ist wohl der letzte seiner Amtszeit. Die Suche nach einem neuen UN-Generalsekretär läuft bereits

Ein Bewerbungsgespräch live im Internet ist nicht jedermanns Sache. Aber wenn man einer Organisation mit einem Budget von rund zehn Milliarden US-Dollar, einer Belegschaft von mehr als 40.000 Mitarbeitern und derzeit 41 Friedensmissionen weltweit vorstehen möchte, muss man Öffentlichkeit gewohnt sein. Trotzdem ist es das erste Mal in der 70-jährigen Geschichte der Vereinten Nationen, dass sich die Kandidatinnen und Kandidaten für den Uno-Chefposten öffentlichen Hearings stellen müssen.

Neun Personen interessieren sich für den "unmöglichsten Job der Welt" und unterziehen sich dem Auswahlverfahren neuen Zuschnitts. Von "Wahlkampf" kann aber auch diesmal nicht die Rede sein. Der eigentliche, wenig offene Wahlmechanismus bleibt, wie er ist: Der Sicherheitsrat schlägt eine Person vor, die Generalversammlung kann zustimmen oder ablehnen.

Den "Diener von 193 Herren" zu finden ist naturgemäß keine einfache Sache. Aktuell gilt die ehemalige neuseeländische Premierministerin Helen Clark als Favoritin und konsensfähigste Kandidatin. Auch Sloweniens Expräsident Danilo Türk oder der frühere portugiesische Premier Antonio Guterres gelten als chancenreich. Die Vollversammlung empfahl im September allerdings dezidiert, Frauen vorzuschlagen.

Durchwachsene Bilanz

Wenn Amtsinhaber Ban Ki-moon dieser Tage seine Termine in Wien absolviert, tritt ein Hauptkritikpunkt an seiner Person schnell zutage. Dem charismatischen Medienstar Kofi Annan folgte 2007 ein schüchterner, korrekter Bürokrat mit holprigen Englischkenntnissen, der sich mehr als "oberster Verwalter" denn als Weltenretter präsentierte.

Doch der zurückhaltende Südkoreaner, der von 1998 bis 2000 Botschafter für sein Land in Wien war, hat Erfolge vorzuweisen. Sein wohl größter ist die Verabschiedung der "Substainable Development Goals", die die internationale Entwicklungsagenda der nächsten Jahre prägen werden.

Zu kämpfen hatte Ban nicht zuletzt mit Skandalen um sexuellen Missbrauch von Schutzbedürftigen durch Blauhelme. In seiner Amtszeit reihte sich ein internationaler Konflikt an den nächsten. Stichworte: Revolutionen in der arabischen Welt, Ukrainekrise, Libyen, Syrien, Sudan – um nur einige zu nennen. Bei zwei der prägendsten Konflikte, nämlich jenen in Syrien und der Ukraine, blieb die Uno im Sicherheitsrat blockiert. Den Konflikt zwischen den permanenten Mitgliedern USA, Großbritannien, Frankreich auf der einen und Russland und China auf der anderen Seite kann ein UN-Chef nur schwer auflösen.

Auch die umfangreichste Flüchtlingskrise seit dem Zweiten Weltkrieg fällt in Bans Amtszeit. NGOs wie Amnesty International forderten bereits jetzt, dass sich das neue Generalsekretariat vorrangig um dieses Thema kümmern solle. Die längst überfällige interne Reform der Uno wird Bans Nachfolger wohl ebenfalls beschäftigen. Der Sicherheitsrat – das Machtzentrum der Uno – will "vor Ende Juli" mit der Prüfung der Kandidaten beginnen. Spätestens Ende Dezember muss ein Name feststehen. (Manuela Honsig-Erlenburg, 27.4.2016)

  • Der Sessel des Uno-Generalsekretärs wird Ende des Jahres vakant. Zu dessen Aufgaben gehört es, Krisenherde zu identifizieren und zum Thema zu machen.
    foto: imago

    Der Sessel des Uno-Generalsekretärs wird Ende des Jahres vakant. Zu dessen Aufgaben gehört es, Krisenherde zu identifizieren und zum Thema zu machen.

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