Unblutiges Ende für eine Technikpionierin

Kopf des Tages27. April 2016, 17:05
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Einst galt Elizabeth Holmes als große Hoffnung der US-Medizintechnik. Nun stellt sich ein von der Milliardärin entwickelter Bluttest als womöglich nutzlos heraus

Manche Alarmzeichen sollte man ernst nehmen: Elizabeth Holmes etwa ekelt sich vor Spritzen und Blut. Sie hat es in jungen Jahren ignoriert und mit 19 eine Firma zur Blutanalyse gegründet. Die machte die Stanford-Studienabbrecherin in kurzer Zeit zur jüngsten Selfmade-Milliardärin der Welt. Nun, Jahre später, ist ihre Firma Theranos in Verruf geraten. Die US-Arzneimittelbehörde FDA vermutet gar "unmittelbare Gefahr für Patienten".

Vielleicht hatten die Versprechen von Anfang an zu gut geklungen: Ein einziger Blutstropfen aus der Fingerspitze solle künftig genügen, um mehr als 100 Krankheiten zu diagnostizieren, darunter Aids, Hepatitis und einige Krebsarten. Nadeln und Blutabnahmen sollten der Vergangenheit angehören, Bluttests zu einer "wunderbaren Erfahrung" werden, sagte sie. Das zog: Die Mittzwanzigerin wurde von US-Medien zur nächsten Hoffnung der Tech-Branche hochgeschrieben. Sie zierte Cover von "Time", "Forbes" und "Fortune". Vergleiche mit Steve Jobs schien sie zu mögen – auch Holmes erschien oft in schwarzen Rollkragenpullis, wie sie der Apple-Chef getragen hatte.

Späte Erkenntnis

Ihr Vermögen wuchs auf mehr als drei Milliarden Dollar. Selbst einer der reichsten Männer der Welt, der Mexikaner Carlos Slim Helú, stieg als Investor ein.

Dass die Methode der Biotech-Firma geheim und ungeprüft war, störte damals keinen. Nun, zehn Jahre nach der Ankündigung, wollen Apotheken ihre Blutteströhrchen aus den Regalen nehmen. Nur eine einzige Krankheit, Herpes, könne die Methode tatsächlich diagnostizieren, stellte die FDA nüchtern fest. Weitere Diagnosen sollen externe Dienstleister durchgeführt haben, eigene Labors fand die FDA in schlechtem Zustand vor. Dass an der Methode überhaupt noch geforscht wird, bezweifelt das "Wall Street Journal".

Der Kühlschrank so leer wie das Beziehungsleben

Holmes als Schwindlerin abzutun fällt aber schwer. Ihren Traum formulierte sie schon als Neunjährige schriftlich, als sie mit ihren Eltern – Mitarbeiter der US-Entwicklungsbehörde USAID – wieder einmal umgezogen war, diesmal nach China: etwas zu erfinden, "das die Menschen nicht für möglich gehalten hätten".

Als Chefin lebte sie asketisch: Ihr Kühlschrank sei leer, sagte sie dem "New Yorker", für Freunde habe sie so wenig Zeit wie für Bücher, Beziehungen führe sie nicht. Mit ernsten TV-Interviews hat sie sich auch in der Krise gut gehalten. Gut möglich, dass Investoren der heute 32-Jährigen nach einem Ende bei Theranos trotzdem noch einmal vertrauen. (Manuel Escher, 27.4.2016)

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    foto: reuters / brenden mcdermid
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