Erdoğan und die Größe des kleinen Mannes

Kommentar der anderen28. April 2016, 08:18
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Der türkische Präsident ist einer, der schon jetzt erfolgreich seine Menschenwürde vernichtet hat. Was tun mit einem Politiker, der unfähig ist, sich selbst die eigene Begrenztheit einzugestehen und sein Selbstbild zu reflektieren?

Wer ist Erdoğan? Eine nicht ungefährliche Frage. Vielleicht der möglichen Antwort wegen. Der gefährlichen Antwort wegen. Zumindest der unbequemen Antwort wegen.

Daher zuerst eine klare und eindeutige, eine unmissverständliche Antwort: Herr Erdoğan ist kein Ziegenficker! Nein, lieber Herr Böhmermann. Er ist auch kein Döner-Putin, wie Herr Priol schreibt.

Aber wer oder was ist er dann? Es lohnt sich, etwas genauer hinzuschauen.

Herr Erdoğan ist beleidigt. Das ist nachvollziehbar. Jedoch als Staatsmann, der er ist, schreibt man ihm quasi als Vertrauensvorschuss eine größere Bandbreite an Intelligenz und Weitsicht zu als einem gewöhnlichen Sterblichen. Daher könnte man erwarten, dass er mit solchen Schmähungen wie "Ziegenficker" anders, vielleicht weiser, umzugehen wüsste. Besonders auch deshalb, um die Größe zu demonstrieren, um die es diesem kleinen Mann augenscheinlich geht.

Also es geht zunächst um Größe, den Größten zu haben. Den größten Palast, das größte Reich wiederherzustellen, die größte Macht in der Region und zuallererst im eigenen Land. Dazu muss er alles ausschalten, was der Entfaltung dieser Größe entgegensteht. Das ist einfach zwingend. Hier zeigen sich bereits die Grenzen der Intelligenzbandbreite dieses Mannes. Die Mechanismen und der Aufwand an kreativer Intelligenz, um diese zu entfalten und zu erhalten, sind einfach und gering. Andere Despoten vor ihm haben das schon vorgemacht. Also ist er auch ein "Abschreiber".

Nun kommt einer wie der Böhmermann daher, einer, den außerhalb des deutschen Sprachraums vermutlich niemand kannte, und stellt ein Schmähbild von ihm, Erdoğan, in die Welt. Es hätte ein paar Lacher gegeben, und nach kürzester Zeit wäre es in den schnelllebigen Zeitfalten der Öffentlichkeit verschwunden.

Nun tritt der Geschmähte auf die Bühne und sorgt nachhaltig dafür, dass dieses Bild nicht nur um die Welt geht, sondern auf immer und ewig mit ihm selbst, seinem Bild, verbunden, verschweißt, zu einer Einheit verschmolzen bleibt. Selbst wenn der Fall eintreten sollte, dass er einen seiner Prozesse gewinnen sollte, wird das nichts an diesem Ergebnis ändern.

Die Ziege ist immer dabei

Erdoğan selbst hat jetzt schon dafür gesorgt, dass, wenn wir an ihn denken, die Ziege dabei ist. Wenn wir Ziege denken, Erdoğan dahinter auftaucht. Das ist keine Böswilligkeit, so tickt das menschliche Gehirn. Versuchen Sie ruhig einmal das Bild "Erdoğan ohne Ziege" zu denken, nur zehn Sekunden lang. Es wird Ihnen kaum gelingen. Das müsste auch Erdoğan wissen. Müsste, aber selbst wenn er sich dessen bewusst wäre, er scheint nicht anders zu können.

Er muss sich sehr anstrengen, sich und anderen stets zu beweisen, das er groß ist. Die Vehemenz, die Gewalt, die er an den Tag legt, die ihn verfolgen lässt, vernichten lässt, zeigt ihn – nein, nicht als einen dummen, sondern als einen kleinen und persönlich schwachen Menschen, der bereits in die Grenzregionen des Wahns vorgedrungen ist. Verfolgt von der Angst, die anderen könnten seine Kleinheit wahrnehmen, ihn somit auch nicht ernst nehmen, und seine Macht könnte, wie bei schon so vielen Despoten vor ihm, ein plötzliches Ende nehmen.

Wandel zum "Erdowahn"

So ist durch eigenes stetes Zutun aus einem Erdoğan ein "Erdowahn" geworden. Eine "arme Seele", könnte man sagen. Wenn es nur nicht so grausame, so katastrophale und entmenschlichende Folgen hätte. Das Fazit: Erdoğan ist einer, der erfolgreich jetzt schon seine eigene Menschenwürde vernichtet hat.

Was soll man mit so einem tun? Wie soll man sich so einem gegenüber verhalten? So einer ist nicht paktfähig, da es immer um den eigenen Vorteil geht. So einer ist nicht therapiefähig, da das für einen wie ihn bedeuten würde, sich seine Kleinheit einzugestehen und sein Selbstbild zu reflektieren.

Das aber wäre das Eingeständnis von Schwäche. Das sind die Zutaten von Verläufen sozialer und damit menschlicher katastrophaler Tragödien.

Einer wie Erdoğan, der sich seiner Menschenwürde entledigt hat, ist ein Gescheiterter.

Er weiß es nur noch nicht. (Henry Vorpagel, 28.4.2016)

Henry Vorpagel ist Psychotherapeut in Wien.

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