Russland: Studieren mit Sowjetprofessoren und Gebühren

28. April 2016, 09:00
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Immer mehr Ausländer entscheiden sich für ein Studium in Russland – wenige kommen aus dem Westen

Nicht jeder kann hier so einfach ein und aus gehen. Zwei grimmige Sicherheitsmänner kontrollieren von einer Glasbox aus genau, ob die Studierenden das eiserne Drehkreuz an der Staatlichen Universität von St. Petersburg korrekt passieren. Korrekt heißt mit dem passenden Studentenausweis für die entsprechende Fakultät. Nicht nur die Sicherheitsvorkehrungen an russischen Unis sind streng, sondern oft auch der Unterricht.

Dennoch ist laut einer Studie der Unesco die Zahl der ausländischen Studierenden in Russland seit dem Jahr 2000 von rund 41.000 auf 138.000 gestiegen. Das russische Hochschulsystem weist mit 1,4 Prozent trotzdem einen sehr niedrigen Anteil an ausländischen Studierenden auf. Nur rund 1.300 aus dem Westen zieht es seit 2008 jedes Jahr nach Russland.

Nur eine Antwort

"Für jemanden aus dem Westen ist es hart, in Russland zu studieren, man braucht viel Courage", sagt Julia Shimf. Die 27-jährige Russin hat in der sibirischen Millionenstadt Omsk Kultur- und Kunstmanagement studiert. "Im russischen Bildungssystem gibt es nur eine richtige Antwort, vor allem wenn der Professor in der Sowjetzeit ausgebildet wurde."

Einer ihrer Professoren an der Staatlichen Universität St. Petersburg, Ruslan Bekurow, lobt hingegen die damalige Ausbildung: "In der Sowjetzeit war die universitäre Ausbildungsqualität hoch, in manchen Studienfeldern sogar viel höher als in Europa oder den USA", sagt der 42-Jährige.

Heute sei das anders, meint jedenfalls Michail Bonowski. Der 24-Jährige mit ukrainischem Vater und russischer Mutter ist ab dem zwölften Lebensjahr in den USA aufgewachsen. Die Einschätzung wird von den Hochschul-Ranglisten bestätigt, die russischen Unis nur Mittelmaß attestieren: Laut dem QS World University Ranking finden sich nur zwei russische Bildungseinrichtungen in den Top 300 – die Moskauer Lomonossow-Universität (Platz 112) und die Staatliche Universität St. Petersburg (Platz 251).

Höheres Prestige

Nachdem Bonowski in New York und in seiner Geburtsstadt Moskau einen Bachelor in "Internationale Studien" absolvierte, arbeitete er vier Jahre für das amerikanische Pendant des Österreichischen Austauschdienstes, das Institute of International Education in New York. Dort hat er sich intensiv mit der Mobilität von internationalen Studierenden beschäftigt: "Russland zieht eine Menge Studenten aus den früheren Sowjetrepubliken an, wie zum Beispiel aus der Ukraine, Kasachstan und Weißrussland. Sie machen den Großteil der ausländischen Studierenden in Russland aus."

Tatsächlich kommen laut der Unesco-Studie rund 100.000 Studierende in Russland aus Zentralasien und Osteuropa, das sind 73 Prozent aller ausländischen Studierenden. Für viele Menschen aus Asien, den Ex-Sowjetrepubliken, aber auch aus Afrika bedeutet ein russischer Studienabschluss ein viel höheres Prestige als eine heimische Ausbildung.

Viele Stipendien

"Russland vergibt immer noch viele Stipendien an – sagen wir – unterentwickelte Länder", sagt die Afrorussin Nicole Ousmanowa: "Aus der Sicht eines Afrikaners ist die Wahl zwischen einem nationalen Hochschulabschluss und einem russischen nicht schwierig. Ein Diplom aus einem 'weißen Land' erhöht die Chancen, einen Job zu finden", sagt die 22-Jährige.

In Russland geboren, aber in Togo aufgewachsen, entschied sich Ousmanowa nach einem Bachelor an der Pariser Sorbonne, für ihren Master in das Heimatland ihrer Mutter zurückzukehren. Die meisten russischen Studenten würden Ausländern offen und hilfsbereit gegenüberstehen.

Für den Deutschrussen Andreas Rossbach ist die Stimmung in Russland gegenüber Leuten aus dem Westen ein zweischneidiges Schwert: Einerseits sei Interesse und Neugierde da. "Andererseits erntet man auch Verwunderung und Unverständnis, warum man als 'Westler' ausgerechnet nach Russland zum Studieren geht, wo doch viele Russen nach Nordamerika oder Westeuropa wollen."

Auch für den St. Petersburger Uniprofessor Bekurow kann das russische Bildungssystem nicht mit westlichen Standards mithalten: "Die Qualität eines Studiums im modernen Russland ist niedrig, insbesondere bei Jus, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften." Ausnahmen sieht Bekurow in den Naturwissenschaften: "Mathematik, Biologie, Physik, Chemie, Informatik und Philosophie – das sind die Stärken des russischen Hochschulsystems."

Trotzdem ist das Studium in Russland alles andere als billig: Über die Höhe der Studiengebühren darf jede Universität frei entscheiden. Je nach Fachrichtung und Hochschule liegen die Kosten für ein Studienjahr bei etwa 1.000 bis 2.500 Euro, was bei einem monatlichen Durchschnittseinkommen von rund 400 Euro für gewöhnliche Russen viel Geld ist. (René Laglstorfer, 28.4.2016)

  • Das Studium in Russland ist alles andere als billig: Über die Höhe der Studiengebühren darf jede Universität frei entscheiden. Je nach Fachrichtung und Hochschule liegen die Kosten für ein Studienjahr bei 1.000 bis 2.500 Euro.
    foto: reuters

    Das Studium in Russland ist alles andere als billig: Über die Höhe der Studiengebühren darf jede Universität frei entscheiden. Je nach Fachrichtung und Hochschule liegen die Kosten für ein Studienjahr bei 1.000 bis 2.500 Euro.

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