Political Correctness: Kein Sex, keine Hautfarbe und bitte keine Witze

28. April 2016, 09:00
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Weil US-Studierende zunehmend auf für sie problematische Inhalte hinweisen, werden Klassiker teilweise aus dem Lehrplan gestrichen

Washington/Wien – Manchmal ist die Frage, wo das Gegenüber geboren wurde, schon zu viel des Guten. Die Unterstellung, dass jemand nicht in den USA auf die Welt gekommen und damit kein richtiger US-Amerikaner sei, wird auf manchem Campus nämlich als "Mikroaggression" gewertet, die Gefühle verletzen oder gar Traumata hervorrufen könnte.

Das Exempel ist nur eines unter vielen, die derzeit in den US-Medien die Runde machen. Magazine wie "The Atlantic" und der "New Yorker" haben in den vergangenen Monaten den zunehmenden Konservativismus an Colleges und Universitäten beschrieben. Professoren melden sich öffentlich und sorgen sich ob der Kuschelstimmung auf dem Campus, und der Starkomiker Chris Rock gab bekannt, nicht mehr in Colleges aufzutreten, weil ihm diese Orte zu konservativ seien.

Viele Kommentatoren und Beobachter bringen die ausgeprägte Sensibilität unter US-Studierenden in Zusammenhang mit dem Siegeszug der Political Correctness. Allerdings gibt es auch andere Stimmen, die den Sinneswandel differenziert begründen: Während es in den 1980ern, als zunehmend politisch korrekte Sprache eingefordert wurde, noch darum gegangen sei, Gehässigkeiten gegenüber marginalisierten Gruppen zu vermeiden, gehe es aktuell vor allem um das eigene emotionale Gleichgewicht, analysierten Greg Lukianoff, der eine Stiftung leitet, die sich Meinungsfreiheit an Unis widmet, und Sozialpsychologe Jonathan Haidt in "The Atlantic". Das Credo laute heute, dass die studentische Psyche fragil sei und sie deswegen vor allen möglichen Übeln beschützt werden müsse.

Das Aufspüren von Mikroaggressionen ist ein Instrument, um diese Übel zu benennen. Gravierender ist es, wenn sogenannte "trigger warnings" ausgesprochen werden – Warnungen, dass der Inhalt bestimmter Werke Gefühle verletzen oder Traumata hervorrufen könnte. Ein Beispiel: "Der große Gatsby" von F. Scott Fitzgerald propagiere Frauenhass und Gewalt – Studierende, die sich davon betroffen fühlen, können an vielen Universitäten daher eines der wichtigsten Werke der Moderne ablehnen und müssen es nicht bearbeiten. Die Liste der Bücher wird immer länger – auch für Ovids "Metamorphosen" (sexuelle Belästigung) und Virginia Woolfs "Mrs. Dalloway" (Selbstmord) wurden öffentlich sogenannten Warnungen gefordert.

Viele mögliche Beleidigungen

Diese beziehen sich nicht nur auf Gewalt: Eine Arbeitsgruppe am Oberlin College kam etwa zum Schluss, dass auch Klassenbildung und Privilegien thematisch vermieden werden sollten – zum Beispiel Aussagen wie "Ich denke, dass Amerika das Land der unbegrenzten Möglichkeiten ist" oder "Der oder die Beste sollte den Job bekommen". In Harvard setzte sich eine Gruppe Studierender dafür ein, das "rape law" – bei uns Sexualstrafrecht – nicht mehr zu unterrichten und den Begriff "violate the law", also das Gesetz verletzen, nicht mehr zu verwenden.

Weil Personal und Verwaltung nicht als politisch unkorrekt oder gar diskriminierend gelten wollen, wird in den meisten Fällen dem Wunsch nach Sicherheit und komfortablen Inhalten stattgegeben. Dabei schrieben sieben Professoren in dem Magazin "Inside Higher Ed", dass die vermehrten Rufe nach "trigger warnings" sich bereits negativ auf ihre Arbeit auswirken würden.

Wie ist es aber so weit gekommen? Greg Lukianoff und Jonathan Haidt sehen einen Teil der Erklärung in einer veränderten Erziehung: Eltern traten in den letzten drei Jahrzehnten beschützender auf als noch in den 60er- oder 70er-Jahren – ein Grund dafür sei die zunehmende Gewalt in Städten gewesen, die auch in den Medien mehr Raum einnahm. Ebenso kam es in Schulen zu einem Shift, vor allem nach dem Amoklauf an der Columbine High School 1999, nach dem eine Nulltoleranzstrategie gegenüber Mobbern verkündet wurde. "Kinder, die nach 1980 geboren wurden, bekamen stetig von Erwachsenen die Message, dass das Leben gefährlich sei, aber die Erwachsenen alles tun würden, um sie vor Unheil zu schützen."

Wie junge Erwachsene mit konträren Ansichten umgehen, wird auch sehr stark durch soziale Netzwerke beeinflusst – in der "filter bubble" ist es einfach, unliebsame Meinungen zu ignorieren. Und: Auch für das Verhältnis zwischen Unis und Studierenden sind Twitter und Co zu einem wichtigen Instrument geworden. Erstere fürchten sich davor, dass Studierende ihren Ruf dort binnen weniger Stunden stark beschädigen können.

Viele mögliche Beleidigte

Weil sie dazu gesetzlich verpflichtet sind, mischen sich Unis schon lange in Diskriminierung zwischen Studierenden ein – anders als in Österreich. Seit 2013 wirken neue Gesetze verstärkend: Bis vor drei Jahren urteilte das Bildungsministerium beispielsweise noch, dass eine Aussage als "objektiv beleidigend" kategorisiert werden muss, um als sexuelle Belästigung durchzugehen. Um das festzustellen, wurden mehrere Personen befragt. Seit drei Jahren reicht es, wenn eine Aussage "unliebsam" ist – das implementieren viele Unis nun für Sex, Herkunft und Religion.

Dabei kann der Wunsch nach einer antidiskriminierenden Umgebung auch nach hinten losgehen: Eine von Studierenden initiierte Installation an der Brandeis University in Massachusetts sollte eigentlich auf Mikroaggressionen gegenüber asiatischen Studierenden aufmerksam machen. Auf großen Schildern wurden überall am Campus Vorurteile plakatiert, mit denen diese immer wieder konfrontiert werden – wie etwa: "Solltest du nicht gut in Mathe sein?" Eine andere Gruppe amerikanisch-asiatischer Studierender sah in der Installation allerdings selbst eine Mikroaggression. Die Plakate wurden nach ihrer Beschwerde abgehängt, und der Direktor entschuldigte sich in einer E-Mail bei allen Studierenden. (Lara Hagen, 28.4.2016)

  • Studierende in Missouri demonstrieren gegen Rassismus an der Uni.
    foto: ap/jeff roberson

    Studierende in Missouri demonstrieren gegen Rassismus an der Uni.

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