"Meine Nase läuft": Das Blut der Rache fließt aus Sektflaschen

26. April 2016, 16:42
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Technocandy steigern aktuelle Politverhältnisse ins Groteske. Das Theater Drachengasse ist ihre Zentrale

Wien – Für alle des urbanen Slangs weniger Kundigen lässt sich "technocandy" mit Ecstasy übersetzen. Wie ein Trip wirkt die Darbietung des gleichnamigen Theaterkollektivs in der Drachengasse in der Tat. Meine Nase läuft. Deine Stars hautnah heißt das Opus und ist 2015 mit dem Jurypreis aus dem hauseigenen Nachwuchswettbewerb hervorgegangen.

frederik

Sein Schauplatz ist ein Bürgerinnentreff. Jörg Haider, Sebastian Kurz, Andreas Gabalier und die Lugners grüßen als Wütende und Mauernbauer goldgerahmt von den Wänden. Drei anspielungsreich HC Sprache (Golschan Ahmad Haschemi), Johanna Mikki-Leitner (Banafshe Hourmazdi) und Philip Rouge (Frederik Müller) Genannte verstecken sich hier in rosa Gwandln (feministischer und Queer Content!) als militante Vertreter der politischen und gesellschaftlichen Mitte.

Ihr Protest gilt den Lügenmedien und -politikern, den Linksfaschisten und denen, deren Name nicht mehr genannt werden darf: Flüchtlinge. Denn: "Wer aus der Türkei hierherkommt, der flüchtet nicht, der reist."

Sehr klug oder bloß grotesk?

Was den Abend im Folgenden mittels großzügigen Musikeinsatzes auf eine Stunde streckt, erschließt sich nicht immer. Dicht ist das Anspielungsnetz aus Texten, Bildern und Songs gewoben. Einzelnes offenbart sich als famos. Etwa eine Parodie auf die burschenschaftliche Mensur, in der die drei einander die Oberarme blau schlagen ("Auauauauaustria"). Andere der mal laut und mal leise vorgebrachten Szenen über massentauglichen Nationalismus und rassistische Gefühlswallungen könnten sehr klug sein oder bloß so tun, als ob.

Spektakulär jedenfalls ist der Untergang des grotesken Treibens. Das Blut der Rache fließt aus Sektflaschen. Wessen und warum die Nase läuft – man weiß es nicht. Trotzdem ein Stück zur rechten Zeit. (Michael Wurmitzer, 26.4.2016)

  • Queer, feministisch und tierlieb: Frederik Müller, Golschan Ahmad Haschemi und Banafshe Hourmazdi (unter der Fuchsmaske) sind Technocandy.
    foto: barbara pálffy

    Queer, feministisch und tierlieb: Frederik Müller, Golschan Ahmad Haschemi und Banafshe Hourmazdi (unter der Fuchsmaske) sind Technocandy.

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