Lange Nacht der Forschung: Nächtliches Gefühl von Jahrmarkt

26. April 2016, 17:57
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Die jüngste Lange Nacht der Forschung am vergangenen Freitag brach zumindest alle Besucherrekorde

Wien/Linz – Irgendwann brachen am vergangenen Freitag alle Dämme der Zurückhaltung, und die Veranstalter der Langen Nacht der Forschung wollten die gerade mit dem Aufbau der Stände beschäftigten Jungwissenschafter und Helfer nur mehr anfeuern. Sie posteten auf Twitter den Song "Let's get loud" von Jennifer Lopez, vor sechzehn Jahren ein durchschnittlicher Chartserfolg.

Laut wurden es allerdings an den 2183 Stationen in ganz Österreich: Diese siebente Lange Nacht der Forschung war mit rund 180.000 Besuchern die bei weitem am besten besuchte. 30 Prozent mehr Menschen waren am Thema interessiert als 2014, bei der bisher letzten "Langen Nacht". Es waren heuer aber auch um 20 Prozent mehr Stationen als damals.

In Wien herrschte an einigen Standorten Happeningcharakter. Die Zelte auf dem Heldenplatz waren gut besucht, im Allgemeinen Krankenhaus konnte man schon Minuten vor der Liveübertragung einer Herzoperation keine Plätze mehr in den drei dafür vorgesehenen Hörsälen finden.

Sterilisierte Mücken

Die Internationale Atomenergiebehörde IAEA stellte die von ihr unterstützten Forschungsarbeiten erstmals in diesem Rahmen vor – in den Räumen der Uno-City. Die Vereinigung poppt ansonsten mit Berichten über Atomwaffennutzung oder -abbau in den Weltnachrichten auf, bei der Bekämpfung von Mücken, die Infektionen wie Malaria oder Zika übertragen, setzt sie auf die Sterilisierung männlicher Mücken mit ionisierter Strahlung.

Die eigens gezüchteten Insekten werden über betroffenen Regionen ausgesetzt, was nach der Paarung mit Weibchen laut IAEA zu einer Reduktion der Population führt.

Wer die Langen Nacht der Forschung, eine Initiative von Wissenschafts- und Verkehrsministerium sowie vom Forschungsrat, nicht an Ständen verbringen wollte, konnte zwischen zwei Wissenschafter-Wettbewerben wählen. Das Falling Walls Lab gewann Nikolaus Pfaffenbichler von der Universität für Bodenkultur und dem Austrian Institute of Technology (AIT). Er zeigte, warum Pflanzen durch Mikroben dürreresistenter werden – und ist damit für Falling Walls im November in Berlin qualifiziert. Das Wiener Finale der österreichischen Science-Slam-Staatsmeisterschaft gewann die Physikerin Martyna Grydlik von der Kepler Uni. Sie stellte ein Elektron durch ein Gummihuhn dar.

In Oberösterreich wurden bundesweit die meisten Stände für die Lange Nacht der Forschung aufgebaut. Hier konnte man an der Kunstuni Entwicklungen sehen, die man so gerade dort nicht vermutet hätte: ein Roboterlabor, das durch bunkerartige Gänge erreichbar war. Im Unterschied zu anderen Institutionen konnten sich jene, die hier arbeiten, über recht viel Platz freuen – Platz, den Industrieroboter auch brauchen. Einer von ihnen ist in der Lage, 210 Kilogramm zu bewegen – er wurde auf ein eigens für ihn konstruiertes Fundament montiert, das ein Kellerstockwerk tiefer reicht.

Roboter als Porträtzeichner

Dieser Gigant schnitt in der "Langen Nacht" sogenannte Speicherabsorber aus einem speziellen Leichtbaumaterial für Solarzellen. Deutlich mehr Unterhaltungswert hatten andere Roboter: Einer war in der Lage, mit der Webcam Porträtaufnahmen von Testpersonen zu machen und sie dann binnen zehn Minuten mit einem Stift auf Papier zu zeichnen. Ein anderer mixte Cocktaildrinks und formte dafür Tropfen von Erdnussöl in der Flüssigkeit – in diesem Fall war es Apfelsaft. Die "Lange Nacht" richtete sich vor allem an Familien, Kinder und Jugendliche.

Auch das Ars Electronica Center (AEC) in Linz war an diesem Abend geöffnet. Die Besucher strömten in den Deep-Space-8-Projektionsraum: Auf einer 16 mal neun Meter-Wandprojektionsfläche und einer ebenso großen Bodenfläche werden Bilder gezeigt, die durch ihre Schärfe beeindrucken. Die Bilder haben Auflösungen von bis zu 34.000 Bildpunkten – damit hat jedes einzelne Pixel eine Fläche von nur 2,5 Quadratmillimetern.

Mit einer derartigen Technik sehen schon 2-D-Bilder atemberaubend aus, wie Bilderserien von einem Flug über Rio de Janeiro oder Satellitenaufnahmen von der Sonne zeigten. Sind die Bilder in 3-D und noch dazu bewegt, wird einem schnell schwindlig – daran ist der menschliche Gleichgewichtssinn nicht gewöhnt. Die 3-D-Filmaufnahmen von einer Rallyefahrt mit bis zu 160 Stundenkilometern durch ein enges Tal war für manche Besucher fast schon zu viel des Guten – getoppt wurde das nur noch durch die virtuelle Abfahrt über die Streif in Kitzbühel. Eine Raserei, die das Gefühl von Jahrmarkt bei den Besuchern hinterließ.

Dass es sich bei der Technologie und ihrer Anwendung nach wie vor um einen Prototyp handelt, zeigen die technischen Probleme, die bei der Demonstration aufgetreten sind. Ein 3-D-Flug von der Erde zu fernen Galaxien fiel dabei ins Wasser. Das tat aber der heiter-aufgeregten Stimmung der Besucher am Ars Electronica Center keinen Abbruch. (Thomas Bergmayr, Peter Illetschko, 27.4.2016)

  • Im AKH in Wien drängten sich die Besucher in drei Hörsälen, um Livebilder einer Herzklappenoperation zu sehen.
    foto: apa/martin hörmandinger

    Im AKH in Wien drängten sich die Besucher in drei Hörsälen, um Livebilder einer Herzklappenoperation zu sehen.

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