Rolnik: "Wir erleben eine Grenzsituation der westlichen Moderne"

Interview3. Mai 2016, 11:21
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Die brasilianische Sozialpsychologin Suely Rolnik beschäftigt sich mit dem Verhältnis von Körper und Gesellschaft. Auch Kannibalismus und Mikropolitik spielen dabei eine Rolle

STANDARD: Sie haben vergangene Woche an der Akademie der bildenden Künste einen Vortrag mit dem Titel "Vom wissenden Körper aus denken" gehalten. Was kann man sich unter einem solchen Körper vorstellen?

Rolnik: Der wissende Körper ist für mich ein Konzept, um zu verstehen, wie Subjektivität und Denken produziert werden. Wir entschlüsseln die Welt als eine Kartografie von Formen, eine kulturelle Kartografie. Was macht unsere Wahrnehmung dabei? Wir sehen, wir hören, wir nehmen Formen der Welt wahr, Formen von allem, und wir assoziieren das mit Repräsentationen, die wir in unserem kulturellem Gedächtnis haben. So situieren wir uns, so schaffen wir Sinn. Das ist eine wichtige Fähigkeit, jede Form von Gesellschaft beruht darauf. Unsere Erfahrung beschränkt sich aber nicht nur auf die Kapazität von Subjekten. Wir erfahren die Welt auch als lebendiger Körper, für den die Welt ein Diagramm aus Kräften ist, die sich auf unsere Körper auswirken.

STANDARD: Inwiefern?

Rolnik: Ich lebe in Brasilien. Die gegenwärtige Krise erzeugt Effekte auf den Körper. Sie schafft Nuancen unserer Erfahrung und andere Zustände des Körpers. Es geht nicht immer nur um Bilder und Begriffe, sondern um einen körperlichen Zustand, eine andere Art von Wissen. Das soll nicht rationalistisch klingen, also nicht nach Wissenschaft. Der wissende Körper produziert eine Spannung mit anderen Formen, die Welt zu entziffern. Der Körper wird zu einem Fragezeichen, das kulturelle Repertoire gerät durcheinander.

STANDARD: Bleibt da noch Platz für traditionelle Begriffe der Anthropologie wie Seele oder Geist?

Rolnik: Ich verwende Begriffe wie Seele oder Geist nicht, denn die sind so stark aufgeladen. Der Körper ist einfach sehr real, ich will aber auch nicht so etwas wie Energie oder esoterisches Zeug verwenden. Ich möchte, dass Leute mit dieser Erfahrung des Wissens, das ihr Körper schafft, in Beziehung treten.

STANDARD: Reden Sie da nicht einer Psychoanalyse ohne Psyche das Wort?

Rolnik: Man kann den Körper auf unterschiedliche Weise verstehen. Er ist Teil der Welt. Das Andere ist nicht außerhalb, wie man meistens meint. Dieses äußere Andere ist das Andere der politischen Korrektheit. Es will korrekt repräsentiert werden. Aber das Andere produziert meine Subjektivität, es ist nicht außerhalb. Wörter haben Macht, deswegen arbeite ich immer an meinen Begriffen, und das Andere ist einer der missverständlichsten.

STANDARD: Was können die Neurowissenschaften zu einem Konzept eines wissenden Körpers beitragen?

Rolnik: Diese Fragen liegen in der Luft, denn Widerstand muss heute auf dieser Ebene stattfinden. Wir erleben eine Grenzsituation der westlichen Moderne, die zu einer großen Destabilisierung geführt hat. Wir brauchen eine Neuorientierung, und die zeigt sich auf allen Wissensgebieten. In der Hirnforschung bin ich nicht so bewandert. Aber ich kann etwas Persönliches erzählen. Ich habe die Gegenkultur in Brasilien während der Militärdiktatur sehr intensiv miterlebt. Die Leute meiner Generation verstanden sich als Guerilleros, sie haben radikale Erfahrungen gemacht. Ich wurde damals von einem paramilitärischen "Kommando zur Jagd auf Kommunisten" ins Gefängnis gesteckt, gemeint waren Intellektuelle und Kulturschaffende. Seit damals habe ich etwas in meinem Körper, ein Problem mit den Nebennieren. Das Organ ist wichtig bei Stressreaktion. Es hat lange gedauert, bis ich eine Ärztin fand, die mir erschlossen hat, dass ich mit meinem Organ sprechen kann. Die Organe antworten auf die Welt. Der Organismus reorganisiert sich, das wissen vor allem die indigenen Kulturen.

STANDARD: Das spielt dann wohl auch eine Rolle in dem, was Sie in ihren Arbeiten anthropophage, also menschenfresserische Subjektivität nennen.

Rolnik: Bei Anthropophagie denken alle nur daran, dass getötete Feinde verzehrt werden. Aber das Ritual ist viel komplexer. Wenn ein Feind gefangen wird, bleibt er lange Zeit bei den Frauen dieses Stammes. Erst nach einem Prozess der Assimilierung wird er getötet, nachdem eine Beziehung zum Anderen hergestellt wurde. Durch die Tötung wird die eigene Kultur angesichts der Andersheit des Opfers bestärkt. Dann beginnt das anthropophage Ritual, nach sehr präzisen Regeln. Daran nimmt nur eine Person nicht teil: derjenige, der den Feind getötet hat. Der muss den Stamm verlassen, und findet in dieser Verlassenheit einen zweiten Namen, bemalt seinen Körper neu, wodurch die Präsenz dieses Getöteten in seinem Körper repräsentiert wird. Das Töten ist die radikalste Form der Erfahrung von Andersheit. Nach seiner Rückkehr stellt er eine Art Kontamination der eigenen Kultur mit dem Fremden dar. Wenn man mit dieser Destabilisierung umgehen kann, dann bildet sich ein neues Gleichgewicht.

STANDARD: Sie verwenden den Begriff Mikropolitik. Wie verhält dieser sich zu herkömmlicher Politik, zu Partei- und Machtpolitik?

Rolnik: Wir erleben eine neue Form von Machtstrategie, nicht nur in Brasilien, aber dort kann ich das am besten beobachten. Es ist eine mikropolitische Strategie, und zwar in einer Allianz zwischen Recht, Polizei und Medien. In Lateinamerika sind die Medien elitär und monolithisch und rechtslastig, es gibt keine alternative Presse – abgesehen vom Internet.

STANDARD: Was genau meinen Sie mit mikropolitischer Strategie?

Rolnik: Die Operation läuft so: Das Justizsystem untersucht das Verhalten von Politikern. In Brasilien ist alles korrupt, wie Sie sich denken können. Die Justiz sucht nur nach Informationen, die die Arbeiterpartei betreffen. Diese Informationen gehen sofort an die Medien, sie werden sofort veröffentlicht, die Medien machen daraus ein Drama, eine Seifenoper, und das funktioniert sehr gut. Telefongespräche zwischen Dilma Roussef und Lula wurden abgehört und dann veröffentlicht, das ist ganz und gar illegal, aber zwei Tage lang wurden diese Gespräche im Fernsehen rauf und runter gespielt. Inhaltlich ist an diesen Gesprächen überhaupt nichts zu beanstanden, aber das Fernsehen tat so, als wäre da die ärgste Verschwörung im Gang. Die Armen in Brasilien fallen darauf hinein, dabei hat sich ihr Leben in den letzten 15 Jahren verbessert. Aber sie vertrauen nicht auf ihre Erfahrung, sondern machen sich die Narrative der Medien zu eigen. Das Ergebnis ist eine neue Form von Staatsstreich, ein unbemerkter, mikropolitischer Staatsstreich.
(Bert Rebhandl, 3.5.2016)


Suely Rolnik ist Psychoanalytikerin, Sozialpsychologin und Kunstkritikerin. Sie unterrichtet an der Katholischen Universität von São Paulo (PUC-SP). Von 1970 bis 1979 lebte sie im Pariser Exil, wo sie Soziologie, Philosophie und klinische Humanwissenschaften studierte. Mit Félix Guattari schrieb sie das Buch "Micropolítica. Cartografias do desejo" (1986). Letzte Woche hielt sie an der Akademie der bildenden Künste die Keynote des Symposiums "Vom Archiv ausgehend. Institutionelle Geschichte(n), Regime der Bildung, künstlerische Praxen und Erinnerungspolitiken".

  • "Ich möchte, dass Leute mit der Erfahrung des Wissens, das ihr Körper schafft, in Beziehung treten", sagt Suely Rolnik. Sie selbst wurde Opfer der Militärdiktatur in Brasilien.
    foto: corn

    "Ich möchte, dass Leute mit der Erfahrung des Wissens, das ihr Körper schafft, in Beziehung treten", sagt Suely Rolnik. Sie selbst wurde Opfer der Militärdiktatur in Brasilien.

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