Wohin Afrikas Migranten fliehen

2. Mai 2016, 06:14
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Die meisten Flüchtlinge Afrikas zieht es nicht nach Europa – dem Kontinent, der eine große Rolle dabei spielen könnte, die Flucht überhaupt zu verhindern

Eine Million Menschen. Das ist die Zahl, die von General Paolo Serra, Militärberater des UN-Gesandten für Libyen, in Umlauf gebracht wurde. Eine Million Menschen. So viele würden in Libyen bereitstehen und nur darauf warten, die gefährliche Überfahrt nach Europa zu wagen. Inmitten der anhaltenden Flüchtlingskrise und der Schließung der Balkanroute für Migranten befürchten Regierungen und NGOs gleichermaßen, dass wieder die "alte" Route über das Mittelmeer nach Italien genutzt wird.

Doch so hoch die Zahl der afrikanischen Flüchtlinge in Libyen klingt, würde nur ein Bruchteil aller vertriebenen Afrikaner Richtung Europa aufbrechen, sagt Francois Roméo Ntamag. Der Migrant aus Kamerun lebt mittlerweile in Frankreich und ist Mitbegründer der Selbsthilfeorganisation ARACEM, die in Mali abgewiesene Flüchtlinge aus west- und zentralafrikanischen Ländern betreut. Allein im Norden und Nordosten Nigerias sind durch den Terror von Boko Haram mehr als 2,1 Millionen Menschen innerhalb des Landes auf der Flucht. "Die aktuelle Politik Europas schürt und schafft neue Ängste", sagt Ntamag zum STANDARD: "Europa betreibt eine Politik der Schande."

Europas Einfluss

Dass es innerhalb des Kontinents fast keine Möglichkeit für Vertriebene gibt, in andere Länder zu fliehen, liegt laut Ntamag am europäischen Einfluss. Die unterschiedlichen von Europa forcierten Länderblöcke wie etwa in Zentralafrika oder Westafrika hätten strenge Visabestimmungen möglich gemacht und die Bewegungsfreiheit stark eingeschränkt. Die Ziele der Schutzsuchenden sind vor allem jene Länder, in denen sie sich Arbeit erhoffen. Gabun, die Elfenbeinküste, Angola und vor allem Südafrika gelten dabei als attraktive Staaten.

Weltweit ist Südafrika hinter den USA und Deutschland das Land mit den meisten Asylanträgen jährlich. Im Juni 2015 lebten laut UN-Flüchtlingshochkommissariat UNHCR knapp mehr als 798.000 Asylsuchende und 114.512 Flüchtlinge in Südafrika. Die meisten Anträge stammen von Menschen aus Simbabwe, dem Kongo oder Nigeria. Dabei werden gerade einmal 16 Prozent aller Asylanträge laut offiziellen Statistiken genehmigt. Illegal sollen Millionen Flüchtlinge im Land sein. "Diese Menschen werden als Hilfsarbeiter extrem ausgebeutet", sagt Ntamag. "Doch ist diese Ausbeutung für viele noch immer besser als die gewalttätige Situation in ihren Heimatländern."

Wirtschaftliche Krisen

Neben kriegerischen Auseinandersetzungen sind vor allem wirtschaftliche Krisen die Hauptgründe für die Flucht der Afrikaner. Alleine in Westafrika drängen jährlich 19 Millionen Menschen neu auf den Arbeitsmarkt, weiß Zakaria Sorgho, der an der Laval-Universität im kanadischen Québec zu internationalen Handelsfragen forscht. Dabei bräuchte jedes Land ein jährliches Wirtschaftswachstum von sieben Prozent, damit genügend Arbeitsplätze geschaffen werden könnten, so Sorgho. Tatsache sei aber, dass die Länder bei vier bis fünf Prozent stünden. Helfen könnte die Staatengemeinschaft vor allem mit speziellen Programmen für Kleinbetriebe, etwa Mikrokrediten.

Dabei hält er wenig von dem Ansatz der Europäischen Union, die etwa im Jahr 2015 337 Millionen Euro der Afrikanischen Union zur Verfügung gestellt hat. Diese Hilfe ist laut Sorgho oft an wirtschaftliche Voraussetzungen geknüpft. So müsste von einigen afrikanischen Staaten garantiert werden, dass Produkte aus der EU steuerfrei eingeführt werden. "Das führt dann zu so absurden Dingen, dass europäische Milch öfter gekauft wird als afrikanische", sagt Sorgho. Einfach weil die importierten Waren billiger sind. Das würde die Kleinbetriebe zerstören und noch mehr Arbeitsplätze vernichten. Die bessere Lösung für ihn wäre, den informellen Sektor zu legalisieren und eben durch gezielte Hilfsgelder eben in diesen Betrieben Arbeitskräfte einzustellen. (Bianca Blei, 2.5.2016)

  • Viele Flüchtlinge leben innerhalb Afrikas als Vertriebene, die meisten versuchen erst gar nicht, nach Europa zu gelangen.
    foto: ap photo/sunday alamba

    Viele Flüchtlinge leben innerhalb Afrikas als Vertriebene, die meisten versuchen erst gar nicht, nach Europa zu gelangen.

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