Religionsphilosoph: "Die Vergangenheit prägt uns, auch wenn wir sie verdrängen"

Interview1. Mai 2016, 11:17
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Rémi Brague ortet eine zunehmende historische Ignoranz in der Gesellschaft

Wien – Auf Hebräisch, Arabisch, Latein und Altgriechisch studierte der französische Religionsphilosoph Rémi Brague die philosophischen Grundlagen des Judentums, des Islams, des Christentums und der europäischen Kultur. Vergangene Woche wurde er in Wien an der Akademie der Wissenschaften anlässlich der Generalversammlung des Verbands europäischer Wissenschaftsakademien "All European Academies" (ALLEA) mit dem diesjährigen Madame de Staël Prize for Cultural Values für seinen Beitrag zu einem besseren Verständnis der Geschichte geehrt.

STANDARD: Sie haben die philosophischen Grundlagen der europäischen Kultur studiert – was fasziniert Sie daran?

Brague: Die europäische Kultur stellt eine Ausnahme dar, sie ist keine normale Kultur, sondern eine "exzentrische" – die einzige, die so ist.

STANDARD: Was meinen Sie damit?

Brague: Eine sehr einfache Tatsache: Die europäische Kultur ist keine ursprüngliche Kultur, sondern eine, die sich ihre Eigenschaften aus anderen, früheren Kulturen geborgt hat. Die europäische Kultur zehrt vom Erbe von Athen und Jerusalem. Aber weder Athen noch Jerusalem befinden sich in Europa. Griechenland hat sich vor dem 19. Jahrhundert nie als ein Teil Europas betrachtet. Griechenland war keine exzentrische, sondern eine zentrale Kultur. Ebenso ist China das Erbe früherer Chinesen, aber nicht einer anderen Zivilisation. Europa hat hingegen genau den diametral entgegengesetzten Weg eingeschlagen, indem es sich von anderen Kulturen abhängig fühlte. Denken Sie an die Art und Weise, wie sich die europäischen Eliten gebildet haben: Man lernte Latein und Altgriechisch – Sprachen, die niemandes Muttersprachen waren. Das ist doch ein komisches Unternehmen, das es nirgendwo sonst gegeben hat. Das nenne ich eine exzentrische Kultur: Das Zentrum befindet sich außerhalb der Kultur und nicht innerhalb.

STANDARD: Welche Rolle spielen die historischen Grundlagen der europäischen Kultur in den heutigen Beziehungen zwischen dem Westen und der islamischen Welt?

Brague: Sie spielen die Rolle, die wir ihnen zuweisen. Das historische Wissen ist an und für sich nicht lebendig, man muss es sich aneignen. Was mich frappiert, ist die zunehmende historische Ignoranz. Die Leute wollen von der Vergangenheit nichts wissen. Doch wir können einander besser verstehen, wenn wir uns die Wichtigkeit der historischen Traditionen bewusst machen. Die Vergangenheit prägt uns, auch wenn wir sie nicht kennen oder sie verdrängen. Es gibt die schöne Äußerung des amerikanischen Philosophen George Santayana: "Wer sich nicht an die Vergangenheit erinnern kann, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen." Wird die Wahrheit vergessen oder verdrängt, kehrt sie zurück – und zwar in monströser Form. Die Kenntnis der Vergangenheit ist ein Mittel gegen Missverständnisse. Und Missverständnisse können zu Streit und Kriegen führen.

STANDARD: Wenn wir aus der Geschichte lernen können, heißt das, dass es eine Art von Fortschritt in der Kulturgeschichte gibt?

Brague: Fortschritt ist ein gefährlicher Begriff. Sein heutiger Gebrauch beruht auf einem Missverständnis mit tiefreichenden Wurzeln: Man hat sich im 18. Jahrhundert eingebildet, dass es ein direktes Verhältnis gebe zwischen dem Zuwachs an Wissen und einer Verbesserung der politischen und sozialen Verhältnisse. Im 20. Jahrhundert musste man diese Vorstellung aufgeben, weil es unheimliche Verbrechen mit sich brachte. Im Gegenteil hat sich gezeigt, dass die Wissenschaft in den Dienst des Verbrechens gestellt wurde. Der Nationalsozialismus wäre ohne Darwin unmöglich gewesen. Ich behaupte selbstverständlich nicht, dass Darwin daran schuld war, aber die nationalsozialistische Ideologie war ein verzerrtes Bild der Evolutionslehre. Der Leninismus war wiederum das Zerrbild der Volkswirtschaft oder Soziologie, die damals in den Kinderschuhen steckte. Ohne Faszination für die Wissenschaft könnte es keine Ideologie geben. (Tanja Traxler, 1.5.2016)


Rémi Brague, geboren 1947 in Paris, ist emeritierter Professor für Philosophie des Mittelalters an der Université Paris 1 Panthéon-Sorbonne. Zugleich war er Inhaber des Lehrstuhls für Philosophie der Religionen Europas an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Er ist Autor einiger Bücher über die europäische Kultur.

  • Rémi Brague, der selbst Hebräisch, Arabisch, Latein und Altgriechisch beherrscht, sieht es als Alleinstellungsmerkmal Europas, dass die Eliten Sprachen lernten, die niemandes Muttersprache waren.
    foto: corn

    Rémi Brague, der selbst Hebräisch, Arabisch, Latein und Altgriechisch beherrscht, sieht es als Alleinstellungsmerkmal Europas, dass die Eliten Sprachen lernten, die niemandes Muttersprache waren.

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