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Reportage7. Mai 2016, 10:00

Der Ausblick der Journalisten während der Olympischen Spiele in Rio de Janeiro wird gewaltig sein. Auf der einen Seite offenbart sich von den oberen Stockwerken des schwarzen Glaskomplexes, der als Medienunterkunft genutzt wird, das Panorama des Olympischen Parks mit seinen beeindruckenden Stadien, und dahinter das Meer. Dreht man sich allerdings um, so überblickt man eine Schotterwüste. Fast zerstörte Gebäude, die zwischen Geröll an staubigen Straßen stehen, jedes von ihnen hat eine brasilianische Flagge gehisst. Das Zeichen des Widerstands.

Den Offiziellen der Stadt ist das Gebiet neben den prestigeträchtigen Sportstätten ein Dorn im Auge. Will sich Rio doch nach der Weltmeisterschaft 2014 erneut als weltoffene und lebenswerte Stadt präsentieren. Da kann man die Bewohner der "Vila Autódromo", die in ihren Ziegelhäusern gleich nebenan gewohnt haben, so gar nicht brauchen.

Jahrzehntelange Bedrohung

foto: bianca blei
Maria da Penha hat am Weltfrauentag ihr Haus an die Bagger der Stadtverwaltung verloren.

Maria da Penha steht zwischen den demolierten Häusern des Viertels und blickt zum Journalistenhotel hinauf. Dann schweift der Blick der 50-Jährigen mit der zierlichen Figur und dem braungebrannten, wettergegerbten Gesicht nach rechts. Dort, hinter einem Wellblechzaun, stand ihr Haus. Die Erfüllung ihres Traums von einem Zuhause für ihre Kinder. Zertrümmert von den Behörden am 8. März, dem Weltfrauentag, während sie daneben stand. Geboren im Nordosten Brasiliens, zog es die junge da Penha in die Großstadt Rio de Janeiro. Sie landete in der größten Favela des Landes, Rocinha, und fasste bald den Entschluss: In dem Armenviertel wollte sie nicht bleiben. Mit Mitte zwanzig hatte sie schließlich genug Geld zusammen und investierte ihr gesamtes Erspartes in ein Stück Land in der Vila Autódromo. Das war im Juni 1994.

Schon damals war die Siedlung, die seit 1967 existiert, von den Baggern der Stadt Rio bedroht. Die älteren Bewohner der Gemeinschaft erinnern sich, dass der Druck Anfang der 90er-Jahre begonnen hat. Und das, obwohl viele von ihnen ein 99-jähriges Bleiberecht von der Stadt erhalten hatten. Doch die Bewohner überlebten die Panamerikanischen Spiele, den Abriss des namengebenden "Autódromo", wo in den 80er-Jahren Formel-1-Rennen stattfanden, und schließlich die Fußballweltmeisterschaft. Vor Olympia wurde der Druck nun zu groß. Von den rund 540 Familien des Viertels sind im April etwas mehr als 30 geblieben. Dabei war das Vorgehen der Stadt rigoros. De Penhas Mann, Luiz Claudio Silva, erinnert sich, dass im März 2013 die ersten Gemeindebediensteten an die Häuser geklopft haben.

foto: bianca blei
Die Vila Autódromo im Schatten des Medienhotels der Olympischen Spiele.

Zermürbungstaktik der Stadt

Mit Entschädigungszahlungen und dem Angebot einer neuen Wohnung sollten die Bewohner dazu gebracht werden, die Vila Autódromo zu verlassen. Als die ersten Familien nachgegeben hatten, knöpften sich die Angestellten der Stadt das Viertel vor. Die verlassenen Häuser wurden unbewohnbar gemacht, sodass sich Ratten und Drogensüchtige in der Dämmerung darin einnisteten. Silva ist sich sicher, dass damit die Nachbarn weiter demoralisiert werden sollten. Es gab immer wieder Geschichten von Bewohnern, die depressiv wurden. Manche sollen sich das Leben genommen haben, nachdem sie auf die Angebote der Stadt eingegangen waren. Beweisen könne man das aber nicht, ist sich der gelernte Sportlehrer sicher.

Am 3. Juni 2015 wollten die Behörden offenbar nicht mehr warten. Obwohl es einen Gerichtsbeschluss vom 28. Mai gab, der die Räumung der verbliebenen Häuser stoppte, drangen Polizisten in die Vila ein. Ihr Ziel: Drei Häuser des Viertels sollten zerstört werden. Die Bewohner griffen einander unter die Arme. Wortwörtlich. Sie bildeten eine Menschenkette um die Gebäude und wurde dafür teilweise verprügelt. Silva zeigt die Fotos seiner Frau, die nach Polizeischlägen blutüberströmt vor dem Rettungswagen steht.

foto: bianca blei
Nur noch 30 Familien leisten in der VIla Autódromo Widerstand gegen die Vertreibung.

Teilerfolg der verbliebenen Familien

Für da Penha war trotzdem klar, dass sie nicht gehen würde. "Das ist mein Zuhause, das Zuhause meiner Kinder. Lebensfreude kann mir niemand abkaufen", sagt die 50-Jährige, und ihre Stimme klingt fest, die sonst lachenden Augen formen einen bestimmten Blick. Sie wolle kein Geld von der Stadt. Sie will bleiben. Zumindest einen Teilerfolg konnten die Widerstandskämpfer der Vila Mitte April erzielen: Bei einem Treffen mit Rios Bürgermeister Eduardo Paes und dem Unterbürgermeister des Stadtteils Barra de Tijuca, Alex Costa, wurde den verbliebenen Bewohnern ein neues Viertel versprochen – auf dem Schutt ihrer Häuser.

foto: bianca blei
Die Stadt hat den Bewohnern neue Häuser versprochen. Die verbliebenen Familien wollen daran glauben.

Die neuen Einfamilienhäuser sollen zwei Schlafzimmer, eine Küche, ein Badezimmer, Wohnzimmer und einen kleinen Garten beinhalten. Voraussetzung: Die Bewohner müssen während des Umbaus das Viertel verlassen. Doch da Penha fasst die Sorgen ihrer Mitstreiter zusammen: "Wir haben Angst, dass sie uns nie wieder hierherlassen, wenn wir einmal fort sind." Vielmehr plädiert sie für Zeltunterkünfte. Immerhin soll die Bauzeit der Häuser laut dem Bürgermeister nicht mehr als drei Monate betragen. Einen Zeitpunkt für den Baubeginn gibt es aber noch nicht. Vor Olympia soll zumindest alles fertig sein. Glaubt man der Stadt.

Bei Verhandlungen überrascht

foto: thomas bauer, tbauerblog.wordpress.com
Antonio vor dem Haus, in dem er von der Stadtregierung eine neue Wohnung bekommen hat. Ob sie ihm tatsächlich gehört, ist aber noch nicht klar.

Der Stadt bereits geglaubt hat der 53-jährige Antonio. Wenn er aus den Fenstern seiner Wohnung blickt, sieht er die nächste Hausmauer. Obwohl er im fünften Stock wohnt, ist ein Fernblick unmöglich – egal bei welchem Fenster man hinausschaut. Der dunkelhaarige Familienvater hat ein wenig resigniert. Sein Blick wirkt müde, als er davon erzählt, wie er mit 18 Jahren nach Rio de Janeiro gekommen ist, 1995 ein Grundstück in der Vila Autódromo gekauft und auf eine bessere Zukunft hingearbeitet hat. In seinem alten Viertel war er Techniker für Kühlaggregate, hatte eine eigene Werkstatt in der Vila. Dann ist er auf ein Angebot der Behörden eingegangen. Nun habe er alles verloren.

"Die Beamten haben uns bei einer Verhandlung überrascht", erinnert sich Antonio. "Sie haben gesagt, dass die ersten 100 Familien, die unterschreiben, eine Drei-Zimmer-Wohnung bekommen." Die hat er auch mit seiner Frau, zwei Kindern und einer Schwiegertochter erhalten. In einer Siedlung unweit der Vila, die von Maschendraht umzäunt ist und in der die fünfstöckigen Wohnblöcke dicht nebeneinander errichtet wurden. 300 ehemalige Bewohner der Vila Autódromo inklusive.

Unsichere Zukunft

Bei den Verhandlungen wurde auch ausgemacht, dass die Stadt die Wohnungen bezahlt und sie schließlich an die Bewohner überschreibt. Das sei das Mindeste, immerhin habe er ein schuldenfreies Haus dem Abriss überlassen. Doch die Stadt habe seit drei Monaten keine Miete mehr bezahlt, Papiere für die Wohnung habe er nie erhalten, die Bank sei bereits vor der Tür gestanden. Die Unsicherheit mache ihm zu schaffen, erzählt Antonio – auch seine berufliche.

Die Vila Autódromo direkt neben dem Olympischen Park, die Favela Mangueira direkt neben dem Maracanã-Stadion.
screenshot: rio 2016 olympics: e exclusion games

Denn das ebenfalls versprochene Geschäftslokal hat er nie erhalten, und Kühlaggregate würden sich nicht so leicht in den fünften Stock tragen lassen – ohne Lift. Nur seine Frau habe einen Verkaufsraum für ihr aufgegebenes Geschäft erhalten. Für die Behörden war das das Hauptargument: ein Lokal pro Familie. Die Frau verkaufe jetzt Backwaren in einem nahe gelegenen Einkaufszentrum. "Die Behörden wollen nicht verstehen, dass ich auch ein Unternehmen zurückgelassen habe. Mir steht auch ein Lokal zu", sagt der 53-Jährige und stützt sich kurz in dem Sessel hoch, ehe er sich resignierend wieder zurückfallen lässt.

screenshot: rio 2016 olympics: e exclusion games
Welche Stadtteile Rios bereits geräumt wurden und welche Gebiete noch von der Vertreibung bedroht sind.

Mehr als 4.000 Familien bedroht

Die Vertreibung der Bewohner der Vila Autódromo ist kein Einzelfall, wie die Wissenschafter des Instituto Políticas Alternativas para o Cone Sul – kurz Pacs – wissen. Seit 2005 untersuchen sie die sozialen Kosten von Megaevents in Brasilien, also seit den Vorbereitungen zu den Panamerikanischen Spielen im Jahr 2007.

Dabei beobachtet Sandra Quintela, Koordinatorin bei der NGO, die auch von der Dreikönigsaktion der Katholischen Jungschar unterstützt wird, einen drastischen Anstieg der Zwangsräumungen. Zwischen den Jahren 2009 und 2015 wurden laut offiziellen Zahlen der Stadt 22.059 Familien umgesiedelt, was etwa 77.000 Menschen entspricht. Nach Schätzungen von Pacs sind noch immer 4.120 Familien von Räumungen bedroht. Dabei erhalten diese Menschen nur teilweise Entschädigungen von der Stadt. Und viele Gebiete, die offiziell wegen Infrastrukturprojekten im Rahmen der Großereignisse geräumt wurden, liegen noch immer brach.

Gebrochene Versprechen in der Favela

foto: bianca blei
Thiago Santana Peçanho ist der Vizepräsident der Favela Mangueira.

Brach liegen auch die bereits genehmigten Infrastrukturprojekte in der Favela Mangueira. Von dem Viertel aus, das auf einem Hügel liegt, hat man wohl eine der besten Aussichten auf das Maracanã-Stadion, in dem die Olympischen Spiele eröffnet und die Fußballbewerbe stattfinden werden. Blickt man etwas weiter südlich, lässt sich noch die Christusstatue erkennen, die über der Stadt thront. Ein Blick nach unten zeigt das grün und rosa angestrichene Sambastadion des Stadtteils – Mangueira ist zurzeit im Besitz des prestigeträchtigen Samba-Titels. Viel Zeit für den Ausblick hat der 31-jährige Thiago Santana Peçanho jedoch nicht.

Der junge dunkelhäutige Mann mit der natürlichen Autorität und dem schelmischen Grinsen ist der Vizepräsident des Viertels und dreht gerade seine tägliche Runde durch die Favela. Während er auf abgerutschte Häuser zeigt, den Abwässern ausweicht, die die Straßen hinunterrinnen, wird er nicht müde, die Versäumnisse der Stadtverwaltung zu betonen. 1,4 Milliarden Real (349 Millionen Euro) sollen es gewesen sein, die die Stadt in den Umbau des Maracanã und dessen Umgebung investiert hat. Dagegen sei der Kostenvoranschlag von 195 Millionen Real (48,6 Millionen Euro) für die Sanierung der Favela lächerlich gering.

foto: bianca blei
Direkt unter der Favela liegt das Maracanã-Stadion.

Befriedete Favela

foto: bianca blei
Die Bewohner Mangueiras bräuchten ein neues Wasserreservoir.

Außer dass im Jahr 2005 die Polizei einmarschiert ist und die Favela befriedet hat, sei nichts passiert, sagt Peçanho. Die Drogenmafia sei zwar nicht mehr ganz so präsent, doch noch immer mächtig. Da hilft es auch nicht, dass die Befriedungspolizei mit ihrer schweren Ausrüstung und automatischen Schusswaffen regelmäßig durchs Viertel patrouilliert. Es bräuchte einen neuen Wassertank, die alte Zisterne sei nicht mehr zeitgemäß, und Kanäle in den Seitenstraßen wären essenziell. So grassieren das Dengue-Fieber und Malaria in der Favela, da die Abwässer als Brutstätten für die Moskitos dienen.

foto: bianca blei
Dengue-Fieber und Malaria grassieren in der Favela.

Genau deshalb hat Peçanho Angst vor dem nächsten Großereignis. Eine Bannmeile rund um das Maracanã während der Weltmeisterschaft hatte auch das einzige Gesundheitszentrum der Favela zu einem verbotenen Gebiet für die Bewohner gemacht. Das Zentrum mit seinen fünf medizinischen Mitarbeitern ist sowieso schon überfordert mit den Patienten aus Mangueira. Doch gar keine Versorgung für mehrere Tage ist laut Peçanho untragbar.

Ob es tatsächlich so kommen wird, werden die Bewohner der Favela am 5. August wissen. Dann werden am Fuße ihrer Siedlung lautstark die Olympischen Sommerspiele 2016 eröffnet werden, die 31. ihrer Art. Etwas mehr als zwei Wochen später wird das Spektakel auch schon wieder vorbei sein. Vielleicht steht dann Maria da Penha tatsächlich wie gewünscht in dem Garten ihres neuen Hauses und sieht zu, wie die Bagger und Maschinen aus den Teilen des olympischen Stadions eine Schule für die Vila Autódromo bauen. Vielleicht fahren die Bagger aber auch nur weiter. Zur nächsten Favela. (Bianca Blei aus Rio de Janeiro, 7.5.2016)

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Rio 2016 Olympics: The Exclusion Games

Hinweis im Sinne der redaktionellen Leitlinien: Der Artikel entstand im Rahmen einer Recherchereise nach Rio de Janeiro, die von der "Dreikönigsaktion – Hilfsaktion der katholischen Jungschar" unterstützt wurde.