Lange läuft, weil Rotte nicht rennt

Blog27. April 2016, 05:30
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Ina Langes Läuferinnenwerdungsroman "Läuferin aus Versehen" – eine (zugegeben späte) Rezension

Und wieder einmal beginnt ein Text mit "eigentlich". Denn eigentlich hatte der Plan gelautet, mit Ina Lange laufen zu gehen – und über das, was wir uns da unterwegs an den Kopf werfen würden, zu schreiben. Eigentlich. Aber es kam anders. Weil … eh schon wissen: Rotte rennt nicht. Derzeit. Wegen Aua. Und weil im Forum unlängst die Frage nach der Dauer der Laufpause gestellt wurde: zu lang. Aber: Nein, ich weiß selber nicht, wie lange. Drei oder vier Wochen, sagte Andrea Maruna – die Physiotherapeutin – vergangenen Samstag, würden es noch werden. Mindestens. Dann sah sie mich verschmitzt lachend an und verschärfte das ohnehin harte Verdikt noch einmal: "Mit einer Ausnahme: Aquajogging. Ich will, dass du beim Schwimmtraining mindestens zehn Längen läufst."

Nix gegen Wassergymnastik und Aqua-Aerobic: Ich weiß, dass das effizient und gesund ist. Gelenkschonend. Rehab. Muskelaufbaufördernd. Und so weiter. 1.000 Rosen. Aber: Die Gesichter des kleinen Rudels Triathleten im Pool hätten Sie sehen sollen, als ich mit Todesverachtung im Blick im Wasser lief. Einer prustete so heftig los, dass er sich verschluckte. Und selbst Wasser treten musste. Aber egal. Dieses Kapitel der Selbsterniedrigung erzähle ich vielleicht ein anderes Mal. Schließlich soll es hier und heute ja um Ina Lange gehen. Und nicht um mein selbstmitleidiges Gesudere.

Die Laufbloggerin und ihr Verlag

Ina Lange ist 27 Jahre alt, stammt aus Deutschland und lebt in Wien. Und – Überraschung – sie läuft. Darüber schreibt sie. Neben ihrem Blog auch für ein Laufsportmagazin. Außerdem hat sie einen Roman geschrieben. Ebenfalls über das Laufen: "Läuferin aus Versehen" heißt er. Und ist im vergangenen Herbst im Spomedis-Verlag erschienen. Und sogar dann, wenn Langes Ich-Erzählung über die Mutation einer Hin-und-wieder-Joggerin zu einer versierten und wirklich guten Langstreckenläuferin nicht an sich lesenswert wäre, wäre allein das interessant.

foto: privat

Spomedis ist nämlich ein Sport-Fachverlag. Neben diversen Tri-, Schwimm- und Lauftrainings- und -Umfeldbüchern und -Magazinen findet man dort vor allem große Namen und Titel: die "Laufbibel" etwa. Die deutsche Ausgabe von "Marathon Woman", der Autobiografie von Katherine Switzer. Switzer ist jene Frau, die sich 1967 über das heute grotesk anmutende Frauen-Startverbot bei Marathonläufen hinwegsetzte und den Boston-Marathon lief. Als der Rennleiter sie gewaltsam von der Strecke holen wollte, gab Switzers Freund und Begleiter (ein Footballspieler) dem Mann einen Bodycheck, der ihn in den Straßengraben katapultierte. Ein zufällig anwesender Fotograf schoss die Fotoserie seines Lebens – und Katherine Switzer wurde zu einer Ikone des (Frauen-)Laufsports. Neben Switzer im Katalog aufscheinen – das kann was, sagt Lange.

Zurück zu Spomedis: Hier erschien unlängst auch "Time to Run", das Trainingsbuch der "Hahnertwins". Also der beiden deutschen Lauf-Rolemodels Anna und Lisa Hahner. Dass so ein Buch ein aufgelegter Verkaufs-Elfmeter ohne Tormann ist, weiß, wer je den Rummel um die beiden jungen Frauen mitbekommen hat: Die beiden (oder wer auch immer das Buch tatsächlich konzipiert und geschrieben hat) kommen sogar mit leeren Seiten und der Anregung, hier doch eigene Trainingserlebnisse oder -ergebnisse einzutragen, durch. Bei allem Neid: So weit muss man es erst einmal bringen. Aber: Wie passt eine – sportlich gesehen – "Nobody", also Ina Lange, in so einen Verlag?

Die Ich-Erzählerin

Sehr gut. Denn Langes Ich-Erzählung ist das erdende Element in so einem Portfolio. Gerade weil die junge Frau so gar nicht dem Leistungssportler(innen)bild entspricht, verdient dieses Buch einen Platz in einem Sport-Verlag – und in jeder gut sortierten Laufbuch-Bibliothek: Lange erzählt eine klassiche Me-too-Geschichte. Und nennt ihr Buch nicht von ungefähr "Läuferin aus Versehen".

foto: thomas rottenberg

Obwohl ich zugeben muss: Die Stelle, an der das "Versehen" definiert wird, habe ich entweder überblättert, übersehen oder schlicht nicht übernasert. Oder sie ist mir entfallen. Dennoch passt auf diesen 200 Seiten alles schön zusammen. Denn hier steht eine Geschichte, wie sie wohl tausende Menschen erzählen könnten – wenn sie erzählen könnten. Und Lange kann. Deshalb findet sich so gut wie jeder (und jede) irgendwo in den Geschichtchen rund um ihre Geschichte wieder. Positiv. Lachend. Auf die eine oder auf die andere Art: Da ist das alles andere als unsportliche Mädchen aus dem ehemaligen Osten Deutschlands: Fußball. Badminton. Handball. Erfolge im Schulsport. Doch dann kommt irgendwann der Bruch, als andere Interessen und sich ändernde Lebensumfelder den sportlichen Ehrgeiz überlagern: Pubertät. Partys. Popkultur.

Irgendwann ist Sport da eine Randnotiz. Eine Nebenerscheinung. Dementsprechend frustrierend und wenig ermunternd sind die kurzen Ausflüge – je nach Blickweise Rückfälle oder Neustartversuche – zurück in die Welt der Selbstbewegten. Und dementsprechend kurz.

Lange beschreibt all das. Schön. Anschaulich. Nachvollziehbar. Ohne Selbstmitleid und Larmoyanz – und mit einem Tongue-in-cheek-Grinsen über den irgendwie dann doch zusammengebissenen Zähnen: Irgendwas ist noch da. Irgendetwas treibt sie, doch in die Laufschuhe zu steigen. Und sich an sich selbst zu messen.

Scheitern am Scheitelpunkt

Zu den großen Sequenzen des Buches gehören für mich die Beschreibungen eines nahezu slapstickartigen Scheiterns: Lange läuft. Trainiert wie eine Besessene. Um schneller zu werden. Tatsächlich wird sie langsamer. Und langsamer. Und noch langsamer. Bis sie von der Kontinentaldrift überholt wird – und sich professionell auf die Suche nach den Ursachen macht.

foto: privat

Ab diesem Moment wird das Buch dann halt "klassisch": Die typische Geschichte beginnt. Der – wirklich schön, fröhlich bis mitreißend und sympathisch erzählte – Weg von einer, die auszog, beim Joggen ein bisserl fitter zu werden, und sich mittlerweile in der Laufcommunity dieser Stadt einen Fixplatz errannt hat: Lesenswert und unterhaltsam – aber systemimmanent eben nicht mehr so voller Überraschungen und seltsamer Wendungen wie jener Weg voll Irrungen, Wirrungen und kleiner bis großer Verzweiflungen, denen man (und frau) ausgesetzt ist, solange man als "reiner Tor" (oder reine Torin) unbeleckt von Wissen, Expertise, Coaching und Fachliteratur einfach nur vor sich hinrennt.

Der Autorin das vorzuhalten, wäre infam: Gegen Dazulernen ist niemand gefeit. Umso schöner, wenn dadurch Erfolge möglich werden, die man sich selbst zuvor nie zugetraut hätte. Noch schöner, wenn man darüber und davon so anschaulich erzählen kann, dass es Lust macht und zum Selbermachen ansteckt: Ina Lange hat mittlerweile mehrere Marathons in den Beinen. Und stellte nach diesen erfolgreich absolvierten 42ern fest, dass Douglas Adams irrte, als er im "Per Anhalter durch die Galaxis" die Behauptung aufstellte, die Antwort auf alle Fragen laute "42":

Ja, auch "Läuferin aus Versehen" endet genau dort. Nach Langes erstem Marathon. Doch damit ist Ina Lange genau dort angekommen, wo auch alle Finisher des "großen suburburbanen Everest" (©Chris Basher, einer der Mitbegründer des London-Marathon) sich wiederfinden, sobald sie ihre Beine wieder spüren: Die Pflicht ist abgehakt – jetzt kommt die Kür. Und darauf, was und wie Ina Lange davon erzählen wird, freue ich mich schon jetzt. (Thomas Rottenberg, 27.4.2016)

Ina Lange, "Läuferin aus Versehen", Spomedis 2015

  • Buchautorin Ina Lange laufend unterwegs.
    foto: privat

    Buchautorin Ina Lange laufend unterwegs.

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