Schule muss das Denken schulen

Userkommentar27. April 2016, 16:02
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Die Bundespräsidentenwahl zeigt: Höhere Schulen bewahren ihre Absolventen eher davor, auf die "terribles simplificateurs" hereinzufallen. Deshalb: Allgemeinbildung für alle bis 18 Jahre. Eine Polemik

Wenn 72 Prozent der Arbeiter und 37 Prozent der Angestellten einen Vertreter einer rechtsnationalen, protofaschistischen Partei wählen, könnte man doch – außer in der mehr als erbärmlichen Politik der vergangenen Jahrzehnte – die Ursache dafür auch im Bildungssystem sehen. Was man über die Schulen auch an Kritik äußern mag: Die höheren Schulen bewahren ihre Abgängerinnen und Abgänger doch noch zu einem größeren Teil davor, auf die "terribles simplificateurs" hereinzufallen und die Demokratie wieder auf demokratischem Weg abzuschaffen. Die Pflichtschulen hingegen versorgen die Heranwachsenden nicht mit ausreichend Bildung, um sie gegen die billige rechte Propaganda zu immunisieren.

Das lässt doch eigentlich, was das Bildungssystem betrifft, nur einen Schluss und eine Forderung zu: vollständige Bildung auch für künftige Arbeiter und Angestellte!

Menschenrecht auf ausreichend Bildung

Das Menschenrecht auf Bildung ist in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte verankert, nicht aber das Menschenrecht auf ausreichend Bildung, um den politischen Rattenfängern nicht auf den Leim zu gehen.

Welches mentale Modell liegt dem zweigleisigen Bildungssystem – Pflichtschulen, höhere Schulen – offenbar zugrunde? Die Annahme, dass es für künftige Arbeiter und Angestellte ein niedrigerer Bildungsgrad eh tut. Wozu mehr als unbedingt nötig? – "Za wås brauch i des?" Würden ein Elektriker, eine Verkäuferin je den Zitronensäurezyklus, Kurvendiskussionen, die Relativitätstheorie vermissen?

Wohl kaum. Und dennoch bieten nicht nur Philosophie und politische Bildung die Möglichkeit, den politischen Horizont zu erweitern; auch "exotische" Inhalte wie die eben genannten schulen das Denken. Vor allem schulen sie, wenn sie gut unterrichtet werden, das Fragen. Und darum geht es eigentlich: Je mehr die Jugendlichen nicht nur das Nachbeten lernen, sondern das kritische Fragen, desto mehr erlangen sie auch die Fähigkeit, Politik zu hinterfragen, Argumente zu entwickeln und abzuwägen, seine Urteile und Entscheidungen zu reflektieren – auch bei Wahlen.

... bis 18 Jahre

Klarerweise ist es erst in der späteren Pubertät möglich, so etwas mit Jugendlichen zu entwickeln. Dreizehnjährige stellen zwar schon alles infrage, aber nicht wirklich in einer sinnvollen, und schon gar nicht in einer selbstreflektierten Weise. Das ist entwicklungsmäßig erst möglich, wenn man aus den gröbsten pubertären Aufwallungen heraus ist. Das heißt aber, dieser erweiterte Bildungsgang kann nicht in den Pflichtschulbereich hineingestopft werden. Was nur eine logische Konsequenz zulässt: Alle Menschen haben das Recht auf einen vollständigen allgemeinen Bildungsgang, das heißt Allgemeinbildung für alle bis 18 Jahre, ohne jegliche Abstriche.

Ein weiterer Aspekt: Stets sind es deutlich mehr Männer als Frauen, die rechts wählen, auch bei dieser Wahl. Meine unbewiesene Antwort darauf ist der nachweislich geringere Empathiequotient von Männern sowie ihre Tendenz, sich mit männlichem Dominanzgehabe, wie es die Rechten zur Schau stellen, zu identifizieren. Da natürlich nicht alle Rechten minderbemittelt sind, sondern auch hochintelligente Leute in ihren Reihen haben, fehlt es ihnen nicht am IQ. Die Äußerungen vieler Politiker (und auch Politikerinnen wie der ehemaligen österreichischen Innenministerin) im Zusammenhang mit der Flüchtlingskrise waren erschütternd und beschämend. Sie zeigten aber einmal mehr: Ein normaler IQ gehört zum Anforderungsprofil von Politikerinnen und Politikern, nicht aber ein normaler Empathiequotient. Insbesondere bei Innenministerinnen und Innenministern hat sich ein ein EQ als überaus nützlich erwiesen, der beim IQ als Debilität bezeichnet würde.

Schulische Herzensbildung

Der Empathie-Kretinismus der Rechten übt wie gesagt insbesondere auf Männer eine überdurchschnittliche Anziehungskraft aus. Was für die Bildung die Konsequenz erfordert: Die Gewichtung muss künftig nicht nur auf Fachwissen liegen, sondern auch auf der Menschenbildung, auf einer methodischen Entwicklung der Empathie und Herzensbildung.

Wenn man also bei der Analyse der Wahlen der vergangenen Jahre in Europa ausklammert, nach welchen politischen Reformen sie schreien, sondern sich nur auf die Tatsache konzentriert, dass nicht nur ein Mangel an demokratischen Alternativen zu den Erfolgen der Rechten geführt hat, sondern auch ein Mangel an Bildung und emphatischer Entwicklung, kann es nur zwei Konsequenzen für das Bildungssystem geben: erstens Allgemeinbildung für alle bis zum 18. Lebensjahr und zweitens eine konsequente Weiterentwicklung der schulischen Herzensbildung. (Hans Peter Klein, 27.4.2016)

  • Je mehr die Jugendlichen nicht nur das Nachbeten lernen, sondern das kritische Fragen, desto mehr erlangen sie auch die Fähigkeit, Politik zu hinterfragen.

    Je mehr die Jugendlichen nicht nur das Nachbeten lernen, sondern das kritische Fragen, desto mehr erlangen sie auch die Fähigkeit, Politik zu hinterfragen.

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