Digitalisierung der Industrie gewinnt an Fahrt

25. April 2016, 17:43
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BDI-Chef: Machen wir nicht mit, verlieren wir – Umfrage: Zwei von drei Industriefirmen Opfer von Cyberspionage – Ingenieure fordern Milliarden für digitale Bildung

Die deutsche Industrie setzt im Kampf um Weltmarktanteile immer stärker auf die Digitalisierung ihrer Produktion. "Wenn wir an diesem Wandel nicht teilnehmen, werden wir verlieren", sagte Ulrich Grillo vom Branchenverband BDI am Montag auf der Hannover Messe.

Durch den zunehmenden Einsatz von IT bei der Herstellung klassischer Industriegüter und die Vernetzung von Produktionsschritten werde der industrielle Kern der deutschen Wirtschaft nicht gefährdet. Im Gegenteil: "Wenn der digitale Zug mitgefahren wird, dann wird es ihn stärken."

Über 5.200 Aussteller

Auf der weltgrößten Industrieschau zeigen 5.200 Aussteller aus 75 Ländern unter dem Schlagwort "Industrie 4.0" Lösungen, bei denen IT und Maschinen immer stärker zusammenwachen. Die USA sind erstmals Partnerland und mit 465 Firmen vertreten. Eröffnet wurde die Messe am Sonntag von Bundeskanzlerin Angela Merkel und US-Präsident Barack Obama. Die weltgrößte Volkswirtschaft hatte 2015 Frankreich nach mehr als einem halben Jahrhundert als wichtigsten Exportmarkt für deutsche Produkte abgelöst.

Harter Kampf um Marktanteile

Auf dem Weltmarkt liefern sich US-Firmen einen harten Kampf um Marktanteile mit deutschen Produzenten. Während die Amerikaner bei der zukunftsweisenden Vernetzung oft noch die Nase vorn haben, punkten die Deutschen nach wie vor mit Maschinen und anderen Investitionsgütern "made in Germany". Grillo sieht die deutsche Industrie aber auch jenseits des Atlantiks auf der Überholspur, etwa bei der Entwicklung autonomer Fahrzeuge oder der Entwicklung von Elektroautos. So seien bei Tesla, einem der Pioniere bei Elektromobilität, 750 deutsche Industrieroboter von Kuka im Einsatz.

Und inzwischen sind es nicht mehr nur die großen deutschen Konzerne, die ihre Fertigung digital vernetzen, um Kosten zu senken und neue Geschäftsmodelle zu entwickeln. "Das Thema Industrie 4.0 ist auch bei den kleinen und mittelständischen Unternehmen angekommen. Industrie 4.0 ist inzwischen ein Massenphänomen", sagt Thilo Brodtmann, Hauptgeschäftsführer des Maschinenbauverbandes VDMA. Die deutsche Industrie profitiert einer Studie der Unternehmensberatung Roland Berger zufolge bereits erheblich von der Digitalisierung. In den vergangenen 15 Jahren hätten die Firmen ihre Kapitalrendite von zwölf auf mehr als 30 Prozent gesteigert. Grund für diese weltweit einmalige Entwicklung sei "der konsequente Ausbau von Industrie 4.0"

Schattenseiten

Allerdings gibt es auch Schattenseiten: Mit der Zunahme an digital unterstützter und gesteuerter Fertigung steigen das Risiko für Firmen, Opfer von Datendiebstahl, Wirtschaftsspionage oder Sabotage zu werden. Laut einer Umfrage des Digitalverbandes Bitkom unter mehr als 500 Unternehmen waren mehr als zwei Drittel der Firmen in den vergangenen zwei Jahren von solchen Delikten betroffen. Nach Bitkom-Berechnungen zufolge summiert sich der dadurch entstandene Schaden auf 22,4 Mrd. Euro im Jahr – durch Umsatzverluste durch Plagiate, Patentverletzungen, den Verlust von Wettbewerbsvorteilen sowie Kosten für Rechtsstreitigkeiten.

"Die deutsche Industrie mit ihren zahlreichen Hidden Champions ist ein attraktives Angriffsziel von Cyberkriminellen und ausländischen Nachrichtendiensten", sagte Bitkom-Präsidiumsmitglied Winfried Holz. Die Täter sind oft eigene Mitarbeiter. Zu den meisten kriminellen Vorfällen kommt es in der Produktion und Fertigung. "Mit der Digitalisierung der Produktion und der Vernetzung von Maschinen über das Internet entstehen neue Angriffsflächen", sagte Holz. "Der Erfolg von Industrie 4.0 steht und fällt mit der Sicherheit der eingesetzten Systeme."

Ungeachtet der zunehmenden Risiken gehen der Industrie die Anstrengungen beim digitalen Umbau nicht weit genug. Der Verband deutscher Ingenieure (VDI) forderte in Hannover Milliardeninvestitionen in die digitale Bildung. Das deutsche Bildungssystem sei nicht in der Lage, junge Menschen auf das digitale Zeitalter vorzubereiten", klagte VDI-Direktor Ralph Appel. "In keiner anderen Industrienation nutzen Lehrer seltener neue Technologien im Unterricht als in Deutschland." Ändere sich das nicht, seien verheerende Folgen für den Wirtschaftsstandort absehbar: "Ohne Bildung 4.0, keine Industrie 4.0" (APA, 25.4.2016)

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