Migration: "Nach sechs Monaten kommt die Aussichtslosigkeit"

Interview26. April 2016, 05:30
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Jobs und Sprachkurse reichen nicht. Für die Integration von Flüchtlingen muss das Schulsystem umgekrempelt werden, sagt Barbara Herzog-Punzenberger

Wie kann Integration gelingen? Darüber berät die Regierung am Dienstag mit den Sozialpartnern. Migrationsexpertin Barbara Herzog-Punzenberger hat Anregungen.

STANDARD: Einwanderer aus der Türkei und Exjugoslawien sind öfter arbeitslos als Österreicher und verdienen weniger. Das trifft selbst die Jungen. Man bekommt das Gefühl, Integration funktioniert in Österreich nicht. Stimmt das?

Herzog-Punzenberger: Die Integration von Einwanderern am Arbeitsmarkt oder im Schulwesen hängt in Österreich sehr stark mit der Ausgangssituation zusammen, die von der jeweiligen Einwanderungsgruppe mitgebracht wird. Das hat viel damit zu tun, dass Österreichs Schulsystem stark sozial reproduzierend ist. Durch die Halbstagsform der Schule ist es so, dass sehr viel nachmittags im Elternhaus zu bewältigen ist. Dann kommt es eben darauf an, welche Kapazitäten und Ressourcen – Wissen, Zeit, Geld – das Elternhaus hat. Hinzu kommt die frühe Selektion, dass man schon mit acht oder neun Jahren die Entwicklungspotenziale eines Kindes bestimmt haben will und eine Prognose macht, wozu es fähig ist. Das beschränkt die Entwicklungsmöglichkeiten der Kinder. Wir wissen auch, dass in der Vergangenheit das Potenzial der Kindergärten nicht richtig genutzt wurde.

STANDARD: Wie meinen Sie das?

Herzog-Punzenberger: Kindergärten in den 70er- und 80er-Jahren wurden nicht als Bildungseinrichtungen gesehen, sondern als Notlösung, wenn es nicht anders ging, weil die Mama arbeiten musste. Das war in Frankreich und Belgien anders. Dort gibt es die Tradition, wonach es für Dreijährige gut ist, dass sie in den Kindergarten kommen. Ein Kindergarten fördert die unterschiedlichsten Fähigkeiten. Dazu gibt es eine beeindruckende Langzeitstudie aus England: Selbst mit 15 Jahren sind die Vorteile von Kindern nachweisbar, die ab dem zweiten Lebensjahr in einem Kindergarten mit hoher Qualität waren, etwa was ihre Lesefähigkeit betrifft.

STANDARD: Warum wird das Thema dann in Österreich nicht forciert?

Herzog-Punzenberger: Die katholische Tradition, dass die Frau sich um Kirche, Küche, Kinder zu kümmern hat, gehört noch immer zur Tiefenstruktur des Landes und steht im Weg. Dabei ist diese Konzentration auf die Familie bei Sozialisation und Bildung für alle Kinder aus benachteiligten Familien schlecht. Bei einem Forschungsprojekt zur erwachsenen zweiten Generation ist uns aufgefallen, dass in Schweden Mütter aus der Türkei oft Bildungsabschlüsse nachgeholt haben – das war in Österreich nicht der Fall. Warum? Mütter und Hausfrauen wurden in Österreich nicht als Zielgruppe für Bildungsmaßnahmen gesehen, schon gar nicht für solche, die über einen Sprachkurs hinausgehen. Da gab es jahrzehntelang große Unterschied zwischen Österreich und Schweden.

Die Arbeitslosigkeit stieg vor allem unter Migranten – und zuletzt auch unter Flüchtlingen – stark.

STANDARD: Gibt es Dinge, die in Österreich gut funktioniert haben?

Herzog-Punzenberger: Aktuell ist die Arbeitslosigkeit unter türkischen Migranten doppelt bis 2,5-mal so hoch ist wie unter Österreichern. Das bedeutet, dass 18 Prozent der türkischen Migranten keinen Job haben. Das heißt aber, dass 82 Prozent in Beschäftigung oder Ausbildung sind. Das ist der Normalfall, es ist also nicht alles schlecht. Ein Faktor für die erhöhte Arbeitslosigkeit unter bestimmten Gruppen ist, dass ausländische meist vor inländischen Arbeitskräften entlassen werden, wenn die Firmenzahlen nicht stimmen. Was ich sagen will: Grundsätzlich gilt, dass auch bei der Berichterstattung aufgepasst werden muss. Aus der Analyse von Problemen werden allzu leicht negative Stereotype, die eine ganze Gruppe kennzeichnen. Das ist eine weitgehende Verzerrung, die das Bild der Öffentlichkeit prägt.

STANDARD: Als ein Beispiel für gelungene Integration gelten die Kriegsflüchtlinge aus Bosnien-Herzegowina. Sehen Sie das auch so?

Herzog-Punzenberger: Wir haben Ende der 1990er-Jahre eine Studie gemacht und festgestellt, dass Österreich da sicher einiges richtig gemacht hat. Die Menschen wurden schnell und unbürokratisch in den Arbeitsmarkt im Zuge der De-facto-Aktion für die Kriegsflüchtlinge integriert. Das wäre auch in der aktuellen Situation ein ganz wichtiger Punkt für Flüchtlinge: Wer in einem Containerdorf hockt und nichts tun darf, sieht sich früher oder später mit emotionalen, sozialen, bis hin zu kognitiven Probleme konfrontiert. Das ist eine destruktive Situation für die meisten, wie wir von den Studien über österreichische arbeitslose Menschen wissen – nach sechs Monaten kommt die Aussichtslosigkeit.

foto: newald
Barbara Herzog-Punzenberger: "Ausländische Arbeitskräfte werden meist als Erstes entlassen."

STANDARD: Einige Experten sagen, die Flüchtlinge würden kaum in den Arbeitsmarkt integrierbar sein. Denn selbst wenn diese eine Ausbildung mitbringen, sind Schulen in Syrien oder Afghanistan nicht mit jenen in Österreich vergleichbar.

Herzog-Punzenberger: Leicht werden sie es nicht haben. Aber es gibt noch keine offizielle Statistik über den Bildungsgrad der Menschen. Solange diese fehlt, lässt sich wenig sagen. Es gibt jedenfalls einen Teil an mittel- bis hochqualifzierten Flüchtlingen, so viel kann ich auch aus persönlichen Begegnungen sagen. Die Frage ist, wie groß dieser Anteil ist.

STANDARD: Tests zeigen aber, dass Schulen in Syrien oder dem Iran vom Niveau her nicht an jene in Österreich rankommen.

Herzog-Punzenberger: Österreich liegt beim Pisa-Test, was Lesekompetenzen betrifft, auch weit hinter einigen asiatischen Ländern. Nun könnte man sagen, Österreich ist zurückgeblieben, warum sind wir nicht so gut wie diese Länder mit vielen Hochleistungsschülern? Aber dieser Zugang ist keine Basis für konkrete Maßnahmen.

STANDARD: Was schlagen Sie dann vor, um Frustrationen wie im Falle der Gastarbeiter zu vermeiden?

Herzog-Punzenberger: Es gibt strukturelle Dinge, die auf dem Tisch liegen: Kindergärten als Bildungsinstitutionen zu begreifen, deren Qualität von höchster Bedeutung ist, also muss mehr in Aus- und Weiterbildung des Personals investiert werden. Eine spätere Trennung der Kinder, etwa nach dem neunten Schuljahr, wäre sinnvoll, ebenso ganztägige Schulformen mit entsprechender Infrastruktur.

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Wie kann gute Integration gelingen? Darüber diskutiert die Regierung heute, Dienstag, mit den Sozialpartnern.

STANDARD: In Österreich wurde lang darüber diskutiert, die Mindestsicherung für Flüchtlinge zu kürzen. Wie sehen Sie das?

Herzog-Punzenberger: Menschen in die Armut abzudrängen ist immer schlecht und hat negative Langzeitfolgen. Damit werden jegliche Optionen gesellschaftlicher Teilhabe eingeschränkt: mal ins Kino zu gehen, ein Museum zu besuchen oder Sport zu betreiben. Auch die Teilnahme an Bildungsaktivitäten wird erschwert. Das geht sogar so weit, dass natürlich aufgrund erhöhter Armut die Kriminalität steigen kann.

STANDARD: Und diese Teilhabe kann die Integration erleichtern?

Herzog-Punzenberger: Natürlich. Gerade in einer Situation, in der Menschen eine ungewisse Zukunft haben, nicht wissen, ob sie bleiben können, ist es wichtig, Dinge zu finden, die ihnen guttun, die sie in ungezwungene Kommunikation kommen lässt. Das passiert in unserem Alltag meist am Arbeitsplatz. Gerade auch aus diesem Aspekt wäre es wichtig, die Integration der Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt zu forcieren. Ein anderes Problem betrifft die Art und Weise, wie die öffentlichen Diskurse zurzeit ablaufen.

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Eine Archivaufnahme des Flüchtlingslagers Zaatari in Jordanien. Mehr als 620.000 registrierte Flüchtlinge leben derzeit in dem Land.

Standard: Was meinen Sie?

Herzog-Punzenberger: Wenn man in den Medien Regierungsmitglieder sagen hört: "Das Problem muss an der Wurzel gepackt werden, wir müssen eine Festung Europa bauen", ist das erschreckend. Die Devise scheint ja zu sein, die Menschen sollen nur nicht zu uns kommen, und wenn das bedeutet, dass sie irgendwo, wie jetzt wieder zu Hunderten im Mittelmeer sterben, das ist ganz egal. Mir scheint, die europäischen Werte – egal ob wir nun von christlichen Werten oder Werten der Aufklärung reden – haben sich in Luft aufgelöst. Nur die eingeborenen Österreicher sind sich selbst die Nächsten. Christliche Nächstenliebe hat sich damit als Idee, die sich gegenüber den Ausgestoßenen manifestiert, erledigt. Jesus hatte diesen Wert ja nicht als neue Verhaltensweise innerhalb von Familien oder Verwandten eingeführt.

Standard: Was hieße nun also für Sie, das Problem an der Wurzel zu packen?

Herzog-Punzenberger: Die wichtigen Fragen sind jedenfalls, wie kann der Krieg beendet werden, wie kann man die Unterbringung von Flüchtlingen in Jordanien, in der Türkei, im Libanon so gestalten, dass die Menschen nicht weg müssen. Eigenartigerweise hat man jetzt die Bereitschaft in Österreich, exorbitante Summen für das Verteidigungsministerium und die Polizei auszugeben, so als ob die unbewaffneten Flüchtlinge die Feinde Österreichs wären. Das ist absurd. Würde die Hälfte dieses Geldes in Bildungs-, Sozial- und Arbeitsmarktpolitik gesteckt, wäre sehr viel mehr gewonnen und zwar langfristig. Gelingen werden die Herausforderungen der Gegenwart nur, wenn wir ein gemeinsames Ziel verfolgen, nämlich die österreichische Gesellschaft gemeinsam weiterzuentwickeln. (András Szigetvari, 26.4.2016)

Barbara Herzog-Punzenberger (48) leitet seit 2014 am Institut für Pädagogik und Psychologie der Uni Linz den Arbeitsbereich Migration und Bildung. Davor forschte sie an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften.

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