Van der Bellens Doppelgänger in Deutschland

26. April 2016, 12:22
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Grüne Erfolge in Europa sind äußerst selten – aber die Hoffnung lebt

Für Alexander Van der Bellen ist TTIP kein Teufelszeug, Studiengebühren sind für ihn alles andere als tabu – und als Staatsoberhaupt würde er heuer "sicher nicht" wieder 90.000 Asylwerber einfach so ins Land lassen: Schon als grüner Chef rüttelte er immer wieder an den Dogmen der Partei, als es noch einen starken strikt antikapitalistisch eingestellten Flügel gab. Mit Erfolg: Denn auch in diesen Zeiten lagen Van der Bellens Sympathiewerte schon weit über den grünen Wahlergebnissen.

Ein ähnliches Phänomen kennt man in Deutschland: Dort stieg Anfang April der Grüne Winfried Kretschmann, weißhaariger Ministerpräsident von Baden-Württemberg und einst Chemie- und Ethiklehrer, zum beliebtester Politiker im ZDF-Barometer auf – und das, obwohl die Partei bei der letzten Bundestagswahl 2013 nur auf 8,4 Prozent kam.

Wie Van der Bellen macht auch Kretschmann als grüner Realo Abstriche. Der Widerstand gegen den Bahnhof Stuttgart 21 verhalf ihm zwar ins Amt, verhindern konnte der Regierungschef das umstrittene Milliardenprojekt jedoch nicht. Dazu hinterfragt Kretschmann immer wieder offen die quotenbedingte Doppelspitze in der Partei sowie in der Fraktion.

Im Dreiteiler ohne Dogmen

Ähnlich wie Van der Bellen, der derzeit auf "Heimat"-Plakate und auch auf Auftritte im Dreiteiler setzt, vermag es Kretschmann, mit konservativen Positionen Teile des bürgerlichen Lagers für sich zu begeistern. "Historisch betrachtet sind die Grünen in Baden-Württemberg schon immer eine sehr bürgerliche Veranstaltung gewesen", erklärt dazu Michael Lühmann vom Institut für Demokratieforschung an der Uni Göttingen. Und: Kretschmanns Erfolg sei "natürlich Wasser auf die Mühlen des bürgerlich-offenen Lagers" innerhalb der Grünen. Eine entsprechende Neuausrichtung für die Bundespartei sei à la longue daher nicht ausgeschlossen, noch dazu, wo bei den deutschen Grünen ohnehin schon Losungen wie "Wir wollen die Wähler der Union, aber nicht mit der Union!" kursieren.

Bescheiden in Resteuropa

Die bisher äußerst bescheidenen grünen Erfolge in Resteuropa sind hier rasch herunterdekliniert: In Luxemburg stellt die Partei mit 10,1 Prozent seit der Wahl im Jahr 2013 drei Minister in der Koalition mit den Liberalen und der Arbeiterpartei. Österreichs Grüne sind mit 12,42 Prozent bei der letzten Nationalratswahl zwar europäischer Spitzenreiter, zu Regierungsverantwortung auf Bundesebene haben sie es aber noch nie geschafft. Als ebenfalls recht erfolgreich gilt ihre Schwesterpartei in Finnland, die im Vorjahr auf 8,5 Prozent kam.

Je weiter östlich in der Union, desto weniger können Grüne Tritt fassen. Den Negativrekord halten sie in Estland, dort kam die Partei im Vorjahr auf 0,9 Prozent. Auch bemerkenswert das bundesweite Wahlergebnis von 2013 in Albanien: heiße 0,13 Prozent. (Peter Mayer, Nina Weißensteiner, 26.4.2016)

  • Ähnlich wie Van der Bellen vermag es Winfried Kretschmann, Ministerpräsident von Baden-Württemberg,  mit konservativen Positionen Teile des bürgerlichen Lagers für sich zu begeistern.
    foto: reuters/rattay

    Ähnlich wie Van der Bellen vermag es Winfried Kretschmann, Ministerpräsident von Baden-Württemberg, mit konservativen Positionen Teile des bürgerlichen Lagers für sich zu begeistern.

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