Van der Bellen: Stimmensammeln mit Seitenhieben statt Sinnieren

26. April 2016, 12:12
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Der Wahlkampf bis zur Stichwahl ist für Alexander Van der Bellen ein schwieriges Unterfangen: Will der Professor siegen, muss er nicht nur neue Wählerschichten, sondern auch den blauen Widersacher angehen

Trotz hohen Zuspruchs hat Alexander Van der Bellen seit diesem Wahlsonntag nicht nur ein Problem. Sein größtes: Der frühere Obergrüne braucht rund 600.000 zusätzliche Stimmen im Land, um den riesigen Vorsprung seines blauen Kontrahenten Norbert Hofer wettzumachen. Seine nächsten Sorgen: Der stets abwägende Professor muss nun in kürzester Zeit, nämlich bis 22. Mai, ein aus demografischer Sicht äußerst schwieriges Unterfangen meistern, damit er eine Chance hat, als Bundespräsident in die Hofburg einzuziehen. Ab sofort sollte er vor allem junge Männer und betagte Pensionisten, Niedrigqualifizierte und Nichtwähler sowie auch noch die lieben Leute vom Land besonders ansprechen – und hier hatte der 72-Jährige stets ein Manko.

Rote Überläufer

Denn auch wenn seine Anhänger am Montag von Van der Bellens mehr als 20-Prozent-Wahlerfolg und dem mit Abstand besten jemals erzielten Ergebnis für einen Grünen schwelgen: "In der Stichwahl zu gewinnen, ist für ihn nicht unmöglich, aber doch sehr schwierig", gibt der Politologe Peter Filzmaier zu bedenken.

Formal ist Van der Bellen zwar als unabhängiger Kandidat ins Rennen gegangen, doch in seinem bisherigen Wahlkampf wurde er von der Partei finanziell wie personell kräftig unterstützt. Deswegen kann er nicht automatisch mit den Stimmen seiner bereits gescheiterten Mitbewerber rechnen. Zwar werden nach den Bekenntnissen einiger SPÖ-Granden von Kanzler Werner Faymann abwärts wohl viele Wähler von Rudolf Hundstorfer zu ihm überlaufen – aber das war's auch schon. Wer bei Andreas Khol (ÖVP), Ex-OGH-Richterin Irmgard Griss oder Baulöwe Richard Lugner sein Kreuz gemacht hat, ist seit dem 24. April noch lange kein Fan von VdB.

Dirty Campaigning gefragt

Filzmaier rät daher: "Van der Bellen braucht nun neue Akzente im Wahlkampf – oder er muss sich auf Fehler von Norbert Hofer konzentrieren, damit er eine neue Dynamik erzeugt."

Der Grüne Peter Pilz geht auch schon auf Frontalkurs mit dem Widersacher von der FPÖ – freilich nicht ohne vorher Van der Bellens Ankündigung am Wahlabend zu loben, sich der rund 500.000 Arbeitslosen hierzulande annehmen zu wollen. Pilz: "Sascha weiß als Volkswirtschafter, wie das gehen kann. Für Hofer aber bedeutet Wirtschaft bloß Gastwirtschaft." Dazu gelte es nun dafür zu sorgen, dass Österreich nicht Ungarn wird, denn: "Bei einer Orbanisierung der heimischen Politik mit Hofer in der Hofburg und womöglich bald Strache gegenüber im Kanzleramt, kann man nur sagen: ,Gute Nacht!'"

Der Grüne Harald Walser warnt wiederum, sich zu sehr auf andere Zielgruppen zu konzentrieren. "Die Meinungsforscher liefern einen Flop nach dem anderen. Dann sollen wir ihren Analysen trauen?", fragt er. Jetzt gehe es um eine Grundsatzentscheidung, wohin sich die Republik entwickle: "Ich will demnächst nicht in Ungarn oder Polen aufwachen." (Peter Mayr, Nina Weißensteiner, 26.4.2016)

SEINE STÄRKEN

Wählerinnen Bei den Frauen unter 30 lag Van der Bellen am Wahlsonntag an erster Stelle: Rund 30 Prozent von ihnen machten bei ihm das Kreuz.

Bildungsbürger Bei Wählern mit Matura bzw. akademischem Abschluss steht der 72-jährige Professor hoch im Kurs: 39 bzw. 35 Prozent mit diesen Bildungsabschlüssen votierten im ersten Wahlgang für VdB. Einzige Konkurrentin in diesem Segment war Exrichterin Irmgard Griss.

SEINE SCHWÄCHEN

Das Land Hier machte Van der Bellen kaum Meter. Der in Tirol Aufgewachsene kam bei der Landbevölkerung nicht so gut an. Aber in Wien, Linz, Graz, Innsbruck, Bregenz landete er auf dem ersten Platz. Absolutist ist der einst Grüne gar in Wien-Neubau: mit 53 Prozent.

Generation 60 plus Bei Menschen über 60, viele schon im Ruhestand, ist Van der Bellen eher nicht gut angeschrieben. Nur rund zehn Prozent gaben ihm ihre Stimme. Ebenfalls nicht auf Van der Bellen stehen junge Männer sowie Menschen mit Pflichtschul- bzw. Lehrabschluss.

  • Ab sofort ist Schluss mit lustig: Van der Bellens Anhänger schlachten bis 22. Mai auch die Schwächen des FPÖ-Kontrahenten Hofer aus.
    foto: fischer

    Ab sofort ist Schluss mit lustig: Van der Bellens Anhänger schlachten bis 22. Mai auch die Schwächen des FPÖ-Kontrahenten Hofer aus.

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