Nach der Wahl ist vor der Wahl

Userkommentar26. April 2016, 19:11
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Nun geht es darum, nicht blind einer Partei alle Macht im Staat anzuvertrauen, die nicht bereit ist, sie für den Zusammenhalt in Europa einzusetzen

Am Wahlsonntag ist wohl jedem Fernsehzuseher kurz die Luft weggeblieben, als er oder sie die erste Hochrechnung sah – freilich in Verbindung mit höchst unterschiedlichen Emotionen, versteht sich. Anders, als Umfragen erwarten ließen, ist im ersten Wahlgang der Präsidentenwahl Norbert Hofer auf dem ersten Platz gelandet. Warum der FPÖ-Kandidat so viel mehr Stimmen erreichte, als ihm prophezeit wurde?

Im Grunde ist es komplett egal. Es ist auch gänzlich irrelevant, dass die Kandidaten der Regierungsparteien so schlecht abgeschnitten haben wie noch nie. Zwar wundert sich vielleicht der eine oder andere, weshalb SPÖ und ÖVP sich am Wahlabend als Opfer der Meinungsumfragen sahen, wo diese sie doch besser dastehen ließen, als sie es nun am Wahltag taten. Und ist sich über Umfragen zu beschweren nicht so, als würde man sich bei seinem Spiegel beschweren, wenn einem nicht gefällt, was man darin sieht?

Jedoch sei auch das dahingestellt, denn im Gegensatz zu Wahlen, bei denen das Abschneiden aller Parteien Auswirkungen hat, etwa auf die Mandatsverteilung in Parlament, Landtag oder Gemeinderat, geht es bei der Bundespräsidentenwahl nun darum, alle Kandidaten, die hinter Alexander Van der Bellen und Norbert Hofer liegen, außer Acht zu lassen und sich auf die beiden verbliebenen Bewerber zu konzentrieren. Einer von beiden wird unsere Versicherung, unser Wächter über die Verfassung und deren Einhaltung durch die Regierung, unser Staatsoberhaupt, das um die Wahrung des Rechtsstaats und die Bekämpfung radikaler Tendenzen bemüht sein muss.

Wen nun wählen?

Stellt sich die Frage, ob man nun dem Kandidaten seine Stimme geben soll, der jener Partei angehört, die aller Wahrscheinlichkeit nach den nächsten Kanzler stellen wird und der diesem höchstwahrscheinlich in jeder Hinsicht freie Hand lassen wird. Ja, der möglicherweise sogar zu einem für die FPÖ günstigen Zeitpunkt Neuwahlen initiieren würde und somit aus parteipolitischer Treue das Wahlergebnis einer Nationalratswahl maßgeblich beeinflussen könnte.

Oder wählt man doch den anderen Kandidaten, dessen hohe wirtschaftliche Kompetenz, dessen Bekenntnis zur Festigung und Förderung der europäischen Staatengemeinschaft, dessen hohes Maß an Anerkennung bei (fast) allen im Parlament vertretenen Fraktionen eigentlich nicht weiter von Belang sind. Denn es geht schlicht und einfach darum, nicht blind einer Partei alle Macht im Staat anzuvertrauen, die weder Erfahrung im Umgang damit hat, noch bereit ist, sie für die Festigung und den Zusammenhalt innerhalb der europäischen Staatengemeinschaft, und somit zur langfristigen Sicherstellung des Friedens in Europa, einzusetzen. (Lukas Glawogger, 26.4.2016)

  • Das war fix: In vier Wochen wird wieder gewählt.
    foto: apa/herbert neubauer

    Das war fix: In vier Wochen wird wieder gewählt.

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