Gaffen und gehorchen: So funktionieren Hierarchien

26. April 2016, 06:00
18 Postings

Menschen lehnen Rangordnungen ab – fügen sich ihnen aber ein. Wo ihre Vorteile für die Untergeordneten liegen, erklärt Verhaltensforscher Gregor Fauma

Wenn mehrere Menschen zusammenkommen, wirken in der Regel zwei Kräfte auf diese ein. Die erste Kraft bewirkt eine Gruppenbildung, die zweite Kraft schafft innerhalb der Gruppen eine Rangordnung, aber auch zwischen den Gruppen. Beide Kräfte zusammen schaffen letztendlich ein hierarchisches System, innerhalb dessen ein jeder seinen Rang einnimmt und dort eine ihm zugeordnete Macht zugestanden bekommt.

Macht beschreibt die Möglichkeit, den eigenen Willen gegen Widerstände, andere Meinungen und divergierende Absichten durchzusetzen, egal wodurch diese Macht begründet ist. Das kann Geld sein, das kann Kompetenz sein, das kann aber auch Gewalt gegenüber Schwächeren sein.

Wirkungsgefüge

Macht ist somit eine Funktion, während Dominanz oder Herrschaft viel mehr eine Beziehung beschreiben. Nach Gerd Reinhold ist Herrschaft/Dominanz eine soziale Überordnung, die den Herrschenden ein gewisses Ausmaß an Befehlsgewalt einräume, und den Beherrschten gewisse Befolgungszwänge anordne.

Macht und Dominanz scheinen also keine Persönlichkeitseigenschaften zu sein, sondern beschreiben ein Wirkungsgefüge. Der Zweck der Macht ist einfach: Es geht, wie fast immer, um den Zugang zu Ressourcen!

Für friedliches Miteinander

Das Spannende an Hierarchien ist, dass Menschen einerseits eine möglicherweise angeborene Abneigung gegenüber Dominanzstrukturen haben, allerdings bringen sie auch eine gehörige Bereitschaft zur Ein- und Unterordnung mit auf diese Welt.

Sich unter dem Bildnis einer Autorität ( zum Beispiel einem Che Guevara-Bild) antiautoritär zu geben, ist ganz typisch für uns Menschen. Warum, was ist der Benefit einer Struktur, die hierarchisch aufgebaut und durch dominantes Verhalten aufrecht gehalten wird? Wo ist der Benefit für die Untergeordneten?

Teilt Rollen zu

Nun, es scheint in erster Linie der Frieden zu sein, der sich bei stabilen Rangverhältnissen rasch einstellt. Hat einmal jeder seine Position eingenommen und akzeptiert, tritt zum Beispiel in Paviangruppen eine unglaublich gelöste Entspannung ein. Die Individuen haben dann Zeit, einander näher zu kommen, Nettigkeiten auszutauschen und den Herrgott einen guten Mann sein lassen (falls Paviane einen solchen haben).

Beim Menschen funktionieren Teams auch nur dann wirklich gut, wenn alle an einem Strang ziehen, wenn jeder seine Rolle kennt und weiß, wann er dran und gefordert ist. Und solange das Team sich mit seinen Aufgaben auseinandersetzt, ist auch keine Ressource für Rangstreitigkeiten frei.

Weniger Energiekosten

Denn Rangstreitigkeiten sind extrem kräftezehrend. Sowohl der Herausforderer als auch das Alpha-Männchen müssen viel Energie investieren, um ihren Rang zu erhöhen bzw. zu verteidigen. Und die Beobachter dieser Rangkämpfe sind in der Regel auch extrem agitiert.

Denn ändert sich ein Rangsystem, ist jeder davon betroffen. Die Verbündeten des ehemaligen Alphas, die Verbündeten des nun siegreichen Herausforderers, deren Weibchen, deren Kinder... Wenn sich Rangsysteme ändern, bleibt kein Stein auf dem anderen. Jeder Position muss komplett neu ausgestritten werden – nicht nur die Spitze! Stabile Hierarchien befreien die Teams von solchen Energieräubern, das ist der wahre Benefit.

Initiieren, Organisieren, Schützen

Barbara Hold studierte in europäischen und japanischen Kindergärten die Selbstorganisation der Kindergruppen. Zu Beginn jedes Gruppenjahres, wenn viele neue Kinder auftauchen, herrscht ein recht hoher Level an aggressivem Verhalten und Imponiergehabe. Sowie sich Hierarchien in Folge etablieren, flaut die Aggression ab und die Kinder können sich dem Spielen hingeben. Die Oberhand gewinnen bei diesen ersten Rangkämpfen übrigens nicht die Aggressivsten, sondern jene Kinder, die sich als sehr führsorglich erweisen.

Hohes Ansehen bei Kindern bedingt folgende Verhaltensweisen: Sie initiieren Spiele, organisieren die Spieltätigkeit der anderen Kinder, spielen mit verschiedenen Kindern und schlichten Streit, in dem sie die Schwächeren und die Verlierer schützen.

Gaffen und Gehorchen

Karl Grammer zeigte 1982, dass sich Emporkömmlinge gegen den "Boss" zusammentun und einander im Kampf um die Spitze unterstützen. Und erst wenn sie selber an der Spitze sind, fangen sie wieder an, die Schwächeren zu unterstützen.

Und was machen die Rangniederen? Sie gaffen. Sie beobachten fast die gesamte Zeit die Ranghöchsten, gehorchen diesen und suchen deren Nähe. Sie sorgen für ein hohen "Ansehen".

Untersuchungen bei den G/wi-Buschleuten in der Kalahari stützten diese Beobachtungen. Es scheint zum Wesen des Menschen zu gehören, dass der Ranghöchste durch Fürsorge seine Position festigen kann. Daher wird in der Verhaltensbiologie auch ganz klar fürsorgliche Dominanz von repressiver Dominanz unterschieden.

Leiden unter Hierarchie

Wie sieht das in Unternehmen aus? Kaum ein arbeitender Mensch, der nicht beide Varianten von Führungskräften kennt – und unter den repressiven Dominanten gelitten hätte.

Und wie präsentieren sich jene Kinder, die in Folge die Gruppe führen? Nun, sie sind in erster Linie laut (Buben), machen verbal (Buben und Mädchen) heftig auf sich aufmerksam und zeigen Verhaltensweisen des Drohens (Buben doppelt so oft wie Mädchen). Angeberei ist interessanter Weise keine typische Verhaltensweise zukünftiger Führungskräfte ;-)

Sind wir alle Affen?

Übrigens, Primaten machen das nicht anders als wir Menschen. Auch bei unseren affigen Geschwistern geht es um das Auffallen, um nach oben zu gelangen. Auch die Rangniedrigen verhalten sich ähnlich, suchen stets die Nähe des Ranghöchsten und genießen es, wenn dieser sie laust (groomt). Dann wachsen sie in dessen Schatten. Man kann sich vorstellen, wie rangniedere Schimpansen untereinander damit angeben, dass sie der Chef gelaust habe, dass sie die ganze Zeit neben ihm sitzen durften... so wie es die Manager machen, die erzählen, wen sie nicht aller kennen, mit wem sie unlängst Abendessen waren und dass der berühmte Professor für Verhaltensbiologie ein alter Freund wäre – er wäre übrigens für den Nobelpreis nominiert...

Wir sind nach wie vor Affen, nur auf einem anderen Niveau – quod erat demonstrandum. (Gregor Fauma, 26.4.2016)

Verhaltensbiologe Gregor Fauma ist Speaker, Kommunikationstrainer und lehrt an der Donau-Universität Krems und an der Uni Wien.

Bisherige Themen:

Hilft üble Laune bei der Personalauswahl?

Warum schlechtgelaunte Mitarbeiter die besseren sind

Status und Macht: Wer grüßt wen zuerst?

Lustkiller Kalender

  • Was machen die Rangniederen? Sie gaffen. Sie beobachten fast die gesamte Zeit die Ranghöchsten, gehorchen diesen und suchen deren Nähe. Sie sorgen für ein hohen "Ansehen".
    foto: epa/nick nichols

    Was machen die Rangniederen? Sie gaffen. Sie beobachten fast die gesamte Zeit die Ranghöchsten, gehorchen diesen und suchen deren Nähe. Sie sorgen für ein hohen "Ansehen".

Share if you care.