Rot-schwarzer Absturz mit Ansage

24. April 2016, 21:33
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Rudolf Hundstorfer und Andreas Khol holten weniger Stimmen als der Sieger allein: SPÖ und ÖVP ritterten nur um die "Blecherne" – und sehen sich als Opfer schlechter Umstände.

Kein Festzelt, keine Wahlparty: SPÖ und ÖVP waren gut auf die Niederlage vorbereitet. Die Spatzen – in diesem Fall die Meinungsforscher – hatten schließlich seit Wochen von den Dächern gepfiffen, dass die Stichwahl für die Kandidaten der Regierungsparteien außer Reichweite ist. Doch das Ausmaß der rot-schwarzen Erosion bei gleichzeitigem blauem Erdrutsch schockierte dann doch. Von einem "dramatischen Moment" sprach SPÖ-Bundesgeschäftsführer Gerhard Schmid: "Ja, das ist eine ganz schmerzliche Niederlage."

Für Spannung im Regierungslager sorgte maximal die Frage, wer den Trostpreis davonträgt, stärkster Koalitionskandidat zu sein. Sofern die Hochrechnung für die erst am Monat ausgezählten Wahlkarten treffsicher ist, wird ÖVP-Mann Andreas Khol mit 11,1 Prozent knapp vor seinem SPÖ-Konkurrenten Rudolf Hundstorfer (10,9 Prozent) landen.

Das Ergebnis riecht nach politischer Zeitenwende: Stellten SPÖ und ÖVP bisher bei Präsidentenwahlen jeweils eigene Kandidaten auf, kamen diese gemeinsam stets über 80 Prozent der Stimmen, nur 1992 blieben sie knapp darunter. Nun erreichten Hundstorfer und Khol zusammen keine 25 Prozent, weniger als Wahlsieger Norbert Hofer allein. Die Dominanz der traditionellen Lagerparteien, die in Österreich über Jahrzehnte so stabil wie in kaum einem anderen westeuropäischen Land war, scheint Vergangenheit zu sein.

Weit verbreiteter Frust

Einen Grund für das Debakel glaubten Vertreter von SPÖ und ÖVP bereits am Wahlabend gefunden zu haben. Tenor: Themen wie Arbeitslosigkeit und Flüchtlingskrise seien ein schwieriges Terrain für Regierungsparteien, es gebe eine "Grundstimmung gegen das politische Establishment" (VP-Chef Reinhold Mitterlehner). Eine Sora-Umfrage weist auf weit verbreitete Unzufriedenheit hin: Die politisch Enttäuschten und Verärgerten sind in der großen Mehrheit (siehe Seite 4).

Abgesehen vom allgemeinen Frust schleppten die beiden Kandidaten noch persönliche Handicaps mit. Dass Hundstorfer zwar ein anerkannter Minister war, aber als Wahlkämpfer wohl nur bei roten Kernschichten zieht, ahnte so mancher in der SPÖ schon vor dem Sonntag. Laut Wahltagsbefragung des Meinungsforschers Peter Hajek für den TV-Sender ATV hat sich diese Befürchtung bewahrheitet. Das mit Abstand wichtigste Motiv der Hundstorfer-Anhänger lautete: "Ich bin SPÖ-Stammwähler."

Wunsch des Silberrückens

Warum der 64-Jährige trotz aller Zweifel aufgestellt wurde? Die Antwort ergibt sich aus der SP-internen Machtlogik: Einem "Silberrücken" wie Hundstorfer, der die mächtige Gewerkschaft im Hintergrund hat, wird solch ein Wunsch nicht abgeschlagen.

Sowohl Kanzler und SPÖ-Obmann Werner Faymann als auch Wiens Bürgermeister Michael Häupl hätten den seinerzeitigen Sozialminister vor dessen schlechten Chancen gewarnt, hieß es am Wahlabend in SP-Kreisen. Doch selbst, wenn es so war: Wirklich entschlossen haben die beiden SP-Chefs offenbar nicht versucht, Hundstorfer von seinem Plan abzubringen.

ÖVP-Anwärter Khol haftete wiederum das Stigma an, Notnagel für den eigentlichen Wunschkandidaten, Niederösterreichs Landeshauptmann Erwin Pröll, zu sein. Doch während dem SP-Konkurrenten Hundstorfer beim letzten großen Auftritt in der "Elefantenrunde" im ORF wohl kaum jemand viel Agilität nachsagen wird, zeigte Khol Kampfgeist. Lohn war tosender Applaus bei seinem Besuch am Sonntag in der ÖVP-Zentrale. Er habe gewusst, es werde ein Protestwahlkampf, rief er den Getreuen zu: "Nicht lockerlassen, wir sind dabei – aber nicht beim Bundespräsidenten."

Wieder einmal Neustart

Wie es in den Koalitionsparteien weitergeht? Wieder einmal macht das Wort von der "letzten Chance" die Runde. Der steirische Parteichef Matthias Schickhofer fordert einen "Neustart" in der SPÖ, Vizekanzler und VP-Chef Mitterlehner einen "Relaunch" in der Regierung, meint damit aber nicht sich selbst: Obmanndebatte befürchte er keine.

In die Stichwahl wollen sich SPÖ und ÖVP nicht einmischen. Offizielle Wahlempfehlung gibt es keine, doch Kanzler Faymann bekennt: Er werde Alexander Van der Bellen wählen. (red, 25.4.2016)

  • Die Mienen von Rudolf Hundstorfer und seinen Mitarbeitern sprechen Bände: Nur Richard Lugner schnitt schlechter ab.
    foto: heribert corn

    Die Mienen von Rudolf Hundstorfer und seinen Mitarbeitern sprechen Bände: Nur Richard Lugner schnitt schlechter ab.

  • Launig trotz herber Niederlage: Für seinen Kampfgeist erntete  Andreas Khol zumindest Applaus der Getreuen in der ÖVP-Zentrale.
    foto: apa/övp/glaser

    Launig trotz herber Niederlage: Für seinen Kampfgeist erntete Andreas Khol zumindest Applaus der Getreuen in der ÖVP-Zentrale.

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