Wie Iraner mit Satelliten-TV die Internetzensur umgehen

24. April 2016, 18:52
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Aktivistengruppe "Net Freedom Pioneers" verteilen verbotenes Material per Fernsehsignal

Internetnutzern im Iran bleiben viele Seiten und Inhalte verborgen, denn die Regierung hat ein umfangreiches Zensurregime aufgezogen. Wie alle Blockaden elektronischer Kommunikation können gefinkelte Nutzer aber auch dies überwinden – und sogar Menschen Internetinhalte liefern, die selber gar nicht über einen Anschluss verfügen.

Gegner der Zensur haben ein System namens "Toosheh" (übersetzt: "Bündel") entwickelt, das nicht auf gängige Mittel wie VPN-Tunnel setzt, sondern auf Satelliten-TV. Ein Team unter dem Namen "Net Freedom Pioneers" versorgt die Teilnehmer darüber täglich mit Nachrichtenartikeln gesperrter Seiten, Youtube-Videos, aber auch Comics über Sexualkunde und anderes verbotenes Lehrmaterial.

Ein GB in 60 Minuten

Nutzer, so beschreibt Wired, benötigen einen Receiver, der Übertragungen auf einem USB-Stick speichern kann. Anschließend wird ein bestimmter Kanal angesteuert, bei dem am Fernsehbild lediglich eine Anleitung angezeigt wird.

Einige Stunden später wird das abgespeicherte MPEG-Video auf den PC kopiert und dort mit der Toosheh-Software entschlüsselt. So lassen sich der Aufzeichnung die eigentlichen, mittransportierten Inhalte entlocken. In 60 Minuten TV-Übertragung wird etwa ein Gigabyte an Daten übertragen. Das tägliche Programm wird im Stundentakt wiederholt, bis ein neues "Bündel" ausgeliefert wird.

toosheh app

Iranisch-amerikanisches Team

Die "Net Freedom Pioneers" sind eine aus acht Mitgliedern bestehende Gruppierung mit iranischen und amerikanischen Mitgliedern, die von Los Angeles aus operiert. Das System sei per Internetzensur nicht zu stoppen, sagen sie, da es ausschließlich über Satellitentechnik läuft und "keine Spur davon im Netz" sei. Die Betreiber haben sich auf einem Satelliten des Unternehmens Yahsat aus den Vereinigten Arabischen Emiraten eingemietet, der den mittleren Osten abdeckt.

Die potenzielle Reichweite ist hoch. 70 Prozent aller iranischen Haushalte verfügen über Satelliten-TV, selbst in abgelegeneren, ruralen Gebieten sind die "Schüsseln" ein gewohnter Anblick. Die Entschlüsselungssoftware ist seit dem Start im Oktober etwa 56.000 Mal heruntergeladen worden. Die iranische Regierung hat die Website des Projekts mittlerweile blockiert, Nutzer müssen aber lediglich einmal – etwa per VPN – das Programm herunterladen. (gpi, 24.04.2016)

  • Per Sat-TV können bereits zehntausende Iraner auf Inhalte zugreifen, die im Netz für sie gesperrt sind.
    foto: tooshee

    Per Sat-TV können bereits zehntausende Iraner auf Inhalte zugreifen, die im Netz für sie gesperrt sind.

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