Hundstorfer: Vom "friendly fire" erledigt

Kommentar der anderen24. April 2016, 19:30
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Der SPÖ-Kandidat unterlag nicht so sehr den Mitbewerbern als vielmehr den eigenen Parteigenossen. Deren Wahlkampfstrategie erwies sich als Rohrkrepierer

Der Begriff des "friendly fire" kommt aus der Militärstrategie und steht für das Ereignis des Eigenbeschusses. Teile der Streitkräfte geraten in den Geschoßhagel der eigenen Armee.

Einem ähnlichen Phänomen ist bei den Bundespräsidentschaftswahlen 2016 der Kandidat der SPÖ, Rudolf Hundstorfer, zum Opfer gefallen. Er brach unter dem "frendly fire" der eigenen Partei im Wettrennen um den Einzug in die Hofburg auf offenem Feld zusammen, noch bevor sein Lauf so richtig in Schwung gekommen war. Was war passiert?

Zwischen Extremen

Die Sozialdemokratische Partei, von der er in die Konkurrenz geschickt worden war, hat alles das getan, was eine Partei in einer taktisch heiklen Position in der Flüchtlingspolitik, zwischen den Extremstandpunkten der FPÖ und der Grünen, auf keinen Fall hätte tun dürfen.

Erster Fehler: Die SPÖ hat im Vorfeld der Wahlen einen so radikalen Positionswechsel vollzogen, dass diesem nicht einmal ihre treuesten Bataillone friktionsfrei folgen konnten. Der Richtungswechsel von der humanitären und vor allem rationalen und unaufgeregten Asylpolitik hin zum rigiden Orbánismus war selbst für die ergebenste Gefolgschaft nicht ohne quietschende Reifen und schleuderndes Heck nachzuvollziehen.

Zweiter Fehler: Die SPÖ war danach nicht in der Lage oder nicht gewillt, die neue Position in aller Klarheit und Deutlichkeit zu kommunizieren. Es begann ein seltsames Spiel mit Worten, im Zuge dessen versucht wurde, die unbarmherzige und eisige Bedeutung des eigenen Vorhabens hinter grotesk-wolkigen Bedeutungsträgern, Stichwort "Türl mit Seitenteilen", zu verstecken.

Dritter Fehler: Nun wurde man offenbar von findigen Kommunikationsberatern darauf aufmerksam gemacht, dass man schon klar aussprechen müsse, was man sagen will, will man auch verstanden werden. Denn einen durch uneindeutige Kommunikation desorientiert gemachten Wähler wird man schwer bei der Stange halten noch gewinnen können. Er irrt bestenfalls konsterniert und verwirrt durch die politische Landschaft, im schlimmsten Fall landet er bei Mitbewerbern mit den klareren und verständlicheren Ansagen. Also radikalisierte die SPÖ ihre Sprache zur Causa prima und positionierte zudem kompromisslose Vertreter einer rigiden Asylpolitik an der vordersten Front.

Damit begann die Katastrophe Bundespräsidentschaftswahl 2016 richtig Fahrt aufzunehmen, denn wie konnte die Führung der SPÖ nur auf die Idee kommen, dass die SPÖ die Rolle der knallharten Abschließungs- und Ausgrenzungspartei besser spielen würde können als die FPÖ? Warum sollten jene Wähler, die die Orbánisierung Österreichs wollen, um alles in der Welt eine SPÖ wählen, die Jahre dazu gebraucht hat, um nun dort anzukommen, wo die FPÖ schon immer gestanden ist?

Müdes Me-too-Produkt

Mit ihrem Wechsel von der humanen Flüchtlings- zur radikalen Abschottungspolitik hat sich die SPÖ, um es in der Marketingsprache auszudrücken, in ein müdes Me-too-Produkt verwandelt, das nicht anzubringen ist, weil das Mitbewerberprodukt bereits perfekt auf den Markt, den es bedienen will, ausgerichtet war.

Noch etwas haben die Strategen der SPÖ offenbar nicht bedacht, als sie den Kurswechsel einleiteten. Wer sich für die Wünsche und Bedürfnisse der rechten Wählerhälfte öffnet, bei dem bröselt es notwendigerweise auf der linken Seite.

Neo-Orbánismus

Die Folgen dieser taktisch inferioren Politik hatte der arme Rudolf Hundstorfer auszubaden. Als Neu-Orbánist kam er gegen den glaubwürdigen Original-Orbán Hofer nicht durch, und als Alternative zu Norbert Hofer musste er nach dem radikalen Gesinnungswandel der SPÖ natürlich scheitern, weil auf der anderen Seite des politischen Spektrums Alexander Van der Bellen mit einem fast perfekten Wahlkampf positioniert war, zu dem dann viele der für die Sozialdemokratie gewinnbar gewesenen liberalen bis linken Wähler abgewandert sind.

Am Ende steht Rudolf Hundstorfer völlig unverschuldet als Opfer eines konfusen und panischen Handelns der Führung der SPÖ als Verlierer da und das gemeinsam mit Andreas Khol, der wie die SPÖ mit radikalen Sprüchen dem rechtspopulistischen Schnellzug FPÖ hinterherzulaufen versuchte, ihn aber genauso wenig erreichen konnte.

Rudolf Hundstorfer ist bei der Bundespräsidentschaftswahl 2016 übrig geblieben, demoliert von den recht klar positionierten Mitbewerbern, und zwar nur deshalb, weil die Parteiführung der SPÖ nicht den Mut hatte, dem Wähler das einzige politische Konzept zur Flüchtlingspolitik, das auf Bundesebene für sie sinnvoll gewesen wäre, vorzulegen. Eine vernünftige, unaufgeregte, sachliche, pragmatische und humane Asylpolitik. Nur als Anti-Hofer hätte Hundstorfer es in die Stichwahl schaffen können. Als Ersatz-Orbán saß er von Anfang an zwischen allen Stühlen und konnte dem Wähler kein klares Alleinstellungsmerkmal präsentieren. (Bernhard Heinzlmaier, 24.4.2016)

Bernhard Heinzlmaier (Jahrgang 1960) ist Mitbegründer des Instituts für Jugendkulturforschung. Hauptberuflich leitet er das Marktforschungsunternehmen tfactory in Hamburg.

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