"Blauschmuck": Am roten Seil der Hoffnung durch die Hölle

24. April 2016, 09:00
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Katharina Winkler erzählt vom Ausbruch einer Frau aus einer archaischen muslimischen Männerwelt. Der Debütroman der in Berlin lebenden Österreicherin basiert auf einer "wahren Lebensgeschichte"

Wien – Österreich im Jahr 1998, irgendwo an der Donau: "Er zertrümmert den Nachttisch, den Rahmen des Bettes, die Bilder der Kinder fallen von der Wand. Er bricht meine Arme, die Rippen. Er bricht mir das Nasenbein, bricht mir beide Kiefer. Schläge fallen von der Decke. Schläge fallen von den Wänden. Schläge kriechen aus den Ritzen am Boden. (...) Du schlägst mich tot, aber du kommst mir nicht nah" schreibt Katharina Winkler in einer der letzten Passagen ihres Debütromans "Blauschmuck" (Suhrkamp).

Mit dieser Gewaltorgie, es gibt im Roman einige davon, endet die Geschichte von Filiz Lale, verheiratete Sahin, ihrem Mann Yunus und den drei gemeinsamen Kindern. Die "zwanzig Quadratmeter Hoffnung", die die Ich-Erzählerin Filiz nach der Übersiedlung der anatolischen Familie nach Österreich in eine kleine Wohnung schöpfte, ist im wahren Sinn des Wortes zerschlagen. Die Polizei rückt an, drei Monate Spitalsaufenthalt folgen, 18 Monate Frauenhaus, die Scheidung von Yunus und neue Perspektiven – auch für die drei Kinder.

Lange, fast zehn Jahre, hat es gedauert, bis die 1979 in Oberösterreich aufgewachsene Katharina Winkler, die Theaterwissenschaft und Germanistik studierte und als Schauspielerin tätig war, die Sprache für diesen auf einer "wahren Lebensgeschichte" basierenden Roman fand. Anfang zwanzig war sie, als sie in der Landarztpraxis ihres Vaters der vollkommen verschleierten Frau begegnet, deren Liebes-, Leidens- und Ausbruchsgeschichte "Blauschmuck" erzählt.

Die in Gesprächen mit der Frau entstandenen Tonaufnahmen, insgesamt mehr als 60 Stunden, komprimiert die Autorin dabei auf 200 dichte, sorgfältig komponierte Romanseiten, die einen gewaltigen Lebensbogen umreißen.

Alles beginnt in den 1970er-Jahren in anatolischer Armut und mit dem "Geruch von geschnittenem Sommer". Filiz ist das siebte von zehn Kindern und am Anfang des Romans sechs oder sieben Jahre alt. Bald wird sie eingeschult, der Lehrer erkennt ihre Intelligenz und möchte sie auf eigene Kosten in eine bessere Schule schicken. Filiz' Vater lehnt ab. "Seine Familie muss von niemandem unterstützt werden. (...) Das ist eine Frage der Ehre." Letztere wird Filiz radikal verletzen, indem sie mit 15 mit ihrem Augenstern, dem 18-jährigen Yunus druchbrennt, um ihn gegen den Willen ihres Vaters zu heiraten. Ziel der beiden ist ein Leben im Westen, Deutschland vielleicht.

Frau als Privatbesitz

Doch es kommt zunächst anders. In der eigenen Familie nun eine Ausgestoßene, wird Filiz auch auf dem Hof von Yunus' Mutter eine gänzlich Recht- und Heimatlose sein. Schnell sind ein paar Kinder da, die Schwiegermutter demütigt Filiz, die zu schuften und eine Burka zu tragen hat. Sie ist Privatbesitz ihres Mannes, so wie der klapprige Bus und später der Mercedes.

Was folgt, ist ein Wechselspiel von Nähe und Distanz, von Träumen und Massakern der Illusionen, die immer wieder in Gewalt und Vergewaltigung ausarten. Der titelgebende Blauschmuck sind die Flecken und Blutergüsse von den Schlägen des Mannes – "rundes Holz macht blaue Flecken, kantiges zerreißt auch die Haut" heißt es im Roman. In Filiz Dorf tragen fast alle Frauen diesen Blauschmuck. Erst in Österreich, wohin es die Familie dann trotzdem schafft, geht für Filiz die Tür zur Freiheit ein Spalt weit auf. Der Kreis aus Schlägen, Reue und Zerknirschung des Ehemanns und abermaliger Gewalt wird durchbrochen.

"Blauschmuck" ist trotz des Lebenslärms, der in ihm wütet, ein stiller Debütroman, der sich auf das heikle Gelände des Geschlechterverhältnisses in archaisch geprägten muslimischen Gesellschaften wagt. Auch ästhetisch riskiert die Autorin durch den der Gewalt entgegengestellten fast märchenhaften, poetischen Duktus einiges – und an wenigen Stellen durch zu intensiv eingesetzte Farbsymbolik und überdrehte Metaphern zu viel.

Die Gefahr, dass der Roman, was den muslimischen Mann betrifft, zu verallgemeinernd sein könnte, sieht die Autorin nicht. Seine poetische Sprache, antwortet Katharina Winkler auf diese Frage per E-Mail, schütze das Buch, "sie verhindert einen banalen Zugriff." Vielmehr gehe es ihr darum, durch die Wahl einer radikalen Innenperspektive (Ich-Form, Präsens), einen Seelenzustand zu beschreiben und nicht Ideologisches zu transportieren.

"Dabei", so Winkler, "habe ich nach archaischen Mustern gesucht, nach Allgemeingültigkeit." Letztere erlaube es dem Leser im besten Fall, über die Empathie "vielleicht sogar zum Verständnis für diese Figur, diesen sozialen Kontext, diesen Kulturkreis" zu kommen.

Nicht nur Opfer

Auch den Einwand einer zu eindeutigen Opfer-Täter-Konstellation, lässt Winkler nicht gelten und betont, dass es sich nicht um eine reine Opfergeschichte, sondern einen Roman über eine Heldin handle, der die innere Emanzipation gelinge. Außerdem sei der Mann ebenfalls Opfer der geschilderten gesellschaftlichen Mechanismen. Wobei es ihr sowieso nicht um das Erklären gegangen sei, sondern um das Erzählen und Sinnlichkeit. Und dies, so Winkler, "ohne Kommentar, ohne Bewertung. Leben zu etikettieren und zu bewerten, finde ich vermessen. Moral ist keine künstlerische Kategorie. Und sie versagt wie jedes System am individuellen Fall, sie kann das Leben nicht fassen."

"Blauschmuck" ist ein heftiger und vielschichtiger, zuweilen unbequemer Roman, es ist aber auch, sagt Katharina Winkler, ein Buch über den Glauben an das Leben, der sich "wie ein rotes Seil, an dem entlang man es wagt, sich durch die Hölle zu tasten" durch diese Schreckensgeschichte zieht. (Stefan Gmünder, 24.4.2016)

Katharina Winkler liest am Sonntag, 29. Mai 2016 um 11.00 Uhr im Theater in der Josefstadt aus ihrem Debutroman "Blauschmuck".

  • "Leben zu bewerten finde ich vermessen. Moral ist keine künstlerische Kategorie. Und sie versagt wie jedes System am individuellen Fall, sie kann das Leben nicht fassen", sagt Katharina Winkler.
    foto: stefan klüter/suhrkamp verlag

    "Leben zu bewerten finde ich vermessen. Moral ist keine künstlerische Kategorie. Und sie versagt wie jedes System am individuellen Fall, sie kann das Leben nicht fassen", sagt Katharina Winkler.

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