Abgasaffäre erfasst deutsche Autoindustrie

22. April 2016, 17:44
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Nach VW rufen nun in einer beispiellosen Aktion auch Audi, Porsche, Mercedes und Opel insgesamt 630.000 Autos zurück

Auf diesen Bericht hat die deutsche Öffentlichkeit lange gewartet. Im Herbst, als die Manipulationen bei Volkswagen bekannt wurden, hatte der deutsche Verkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) das Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) angewiesen, auch andere Dieselfahrzeuge unter die Lupe zu nehmen.

Nun liegt der Bericht vor, und Dobrindt hatte am Freitagnachmittag zunächst zumindest eine gute Nachricht zu verkünden: Kein anderer Hersteller habe eine illegale Software, wie sie VW eingesetzt hatte, verwendet. Dennoch liegt einiges im Argen.

22 auffällige Modelle

Insgesamt hat das KBA die Emissionen von 53 Modellen im Labor und auf der Straße getestet. Bei 22 Modellen wurden hohe Stickoxidemissionen gemessen, die zunächst technisch nicht erklärbar schienen. Bei diesen Autos wird bei vergleichsweise niedrigen Außentemperaturen – im sogenannten "Thermofenster" – die Reinigung der Abgase schrittweise zurückgefahren.

Gemäß EU-Richtlinie ist das erlaubt, wenn ansonsten ein Motorschaden oder ein Unfall drohe. Doch die Kontrolleure hatten Zweifel, ob das Zurückfahren der Abgasreinigung dadurch voll gerechtfertigt sei. Mit den Ergebnissen der Tests konfrontiert, entschlossen sich die deutschen Hersteller, die Autos der betroffenen Serien freiwillig zurückzurufen. Es handelt sich dabei unter anderem um den Porsche Macan, den VW Amarok und Crafter sowie die Mercedes A-, B- und V-Klasse, zudem Audi Q5 sowie A6 und A8, Opel Zafira, Insignia und Cascada. BMW ist nicht betroffen.

Auch Renault und Fiat betroffen

Laut Dobrindt habe man auch bei ausländischen Herstellern – Fiat und Renault – hohe Stickoxidemissionen gemessen und die zuständigen Behörden informiert. Fiat habe technische Hilfsmittel eingesetzt, um sich die aufwändige Schadstoff-Reinigung zu ersparen, berichtete die "Süddeutsche Zeitung" in ihrer Samstagsausgabe.

Künftig soll das KBA strenger kontrollieren. Vor der Erteilung einer Typengenehmigung werde es eine Erklärung des Autoherstellers verlangen. In dieser müsse dargelegt werden, ob derartige Motorschtzeinrichtungen verwendet werden – und wenn ja, warum. Dobrindt kündigte außerdem unangemeldete Kontrollen an, er sprach von "Dopingtests bei Fahrzeugen, die das KBA unangemeldet auf eigenen Prüfanlagen durchführen wird".

Scharfe Kritik kommt von den Grünen. "Jetzt kommt die Lawine ins Rollen. Nicht nur VW hat jahrelang die Verbraucher betrogen und der Umwelt geschadet, sondern fast jeder Autohersteller. Das ist mit Wissen der Bundesregierung geschehen, die den Betrug jetzt nicht mehr unter der Decke halten konnte und reagieren musste", sagt die Chefin des Umweltausschusses im Bundestag, Bärbel Höhn.

Volkswagen fährt Riesenverluste ein

Volkswagen hat am Freitag wegen des Abgasskandals den größten Verlust der Konzerngeschichte bekannt gegeben: Für 2015 wird ein Betriebsverlust von 4,1 Milliarden Euro ausgewiesen. Hauptgrund sind Rückstellungen von 16,2 Milliarden Euro, um die Folgen des Dieselskandals zu bereinigen.

2014 war noch ein operativer Gewinn von 12,7 Milliarden Euro zu Buche gestanden. Unter dem Strich fiel 2015 ein Verlust von 1,6 Milliarden Euro an, nach dem deutschen HGB-Bilanzstandard (Handelsgesetzbuch) sogar von 5,5 Milliarden Euro.

Der niedersächsische Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) gab am Freitag bekannt, dass Volkswagen die Boni für die Vorstände um 30 Prozent kappen wird. Der eigentlich schon für Ende April angekündigte Zwischenbericht zur Schuldfrage im Abgasskandal wird auf unbestimmte Zeit verschoben. Die Verzögerung hänge mit "unvertretbaren Risiken" zusammen, weil sich mögliche Strafen gegen das Unternehmen mit einer Veröffentlichung erhöhen könnten, heißt es in einer Mitteilung von Europas größtem Autobauer. (Birgit Baumann aus Berlin, 22.4.2016)

  • Manches deutsche Dieselfahrzeug muss sich verstecken. Audi, Porsche, VW, Opel und Mercedes werden in einer beispiellosen Aktion 630.000 Wagen zurückrufen.
    foto: reuters / christian charisius

    Manches deutsche Dieselfahrzeug muss sich verstecken. Audi, Porsche, VW, Opel und Mercedes werden in einer beispiellosen Aktion 630.000 Wagen zurückrufen.

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