"Black Archive": Teerguss über Vorurteile

23. April 2016, 17:00
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Theaster Gates, Künstler und Aktivist aus Chicago, macht das Kunsthaus Bregenz zum "Black Archive". Mit Arbeiten aus Alltagsmaterialien philosophiert er über das Schwarzsein, prangert Diskriminierung an

Bregenz – Teer, Dachpappe, Aluminium. Materialien, die Dachdecker verwenden, sind die Werkstoffe von Theaster Gates für seine erste Einzelausstellung in Europa. Gates, der Sohn eines Dachdeckers, geht für die Vorarbeiten zu seiner Ausstellung im Kunsthaus Bregenz in Werkhallen der Firma Tectum. Kocht gemeinsam mit den Arbeitern Teer auf, legt Dachpappe auf große Holzflächen, erhitzt sie, brennt Spuren ins Material, lässt Teer einfließen. Schichten für Schichten entstehen seine Paintings About Black People.

Nach getaner Schwerarbeit fährt er mit den Helfern zur Hochzeit der Tochter des Firmenchefs. Er möchte Anteil nehmen am Alltagsleben, hinter die Kulissen und Fassaden schauen. So wie er bei seinem Aufenthalt in Österreich nur einen Blick auf Fassaden schöner Häuser, nie in deren Inneres bekäme, sei der Blick der Weißen auf Schwarze einer auf Fassaden, bedauert Gates.

Mit seinen Black Archives will er Stereotype aufzeigen, das Leben afroamerikanischer Menschen aus deren Perspektive zeigen. Er tut dies mit Archivarbeit im direkten und übertragenen Sinn. In monatelanger Arbeit hat er in Chicago tausende Bände der afroamerikanischen Magazine Ebony und Jet sortiert und geordnet, sie binden lassen. Die historischen Magazine waren ohne Wert für den Verlag, Gates rettete die Belege afroamerikanischer Kultur vor der Müllverbrennung.

In seiner Heimatstadt bewahrte Gates, der neben Kunst und Religion auch Stadtplanung studiert hat, ganze Häuserzeilen vor dem Abbruch. Er renovierte sie mit Recyclingmaterialien, machte sie gemeinsam mit Kunstschaffenden und Viertelbewohnern zu Kunst- und Begegnungsräumen.

Zurück zur Archivarbeit: Die gebundenen Magazine – deren Herausgeber John H. Johnson nennt Gates "einen meiner Helden" – ordnet der Künstler mit der Hilfe von Kunsthaus-Mitarbeitenden zu Quadraten, schwarze Stahlrahmen geben den Bänden Halt. "Ein erstaunliches Vermächtnis des Wissens und der Kultur Schwarzer" sieht Gates in den Magazinen. Die Sammelbände zu Quadraten zu formen ist eine Hommage an einen weiteren "Helden" des Künstlers, an den Bauhaus-Lehrer Josef Albers, der Bauhaus nach Amerika brachte. So hätten die Werke im zweiten Obergeschoß durch Form und Farbe ein deutsches Äußeres, "aber dicht unter der Oberfläche etwas, auf das ihr nicht zugreifen könnt, und zwar die Komplexität des Schwarzseins". Im Inneren der Form warte diese Welt darauf gelesen und verstanden zu werden.

Die Welt des Nichtverstehenwollens zeigt Theaster Gates mit seiner Interpretation von Negrobilia, rassistische Darstellungen von Afroamerikanern in Nippesfiguren oder Spielsachen. Gates greift auf die Sammlung von Edward J. Williams zurück. Der afroamerikanische Banker sammelte die Figuren über Jahrzehnte, um sie der Öffentlichkeit zu entziehen.

Zwei dieser Figuren, ein Steckkissen in der Form eines schwarzen Babys und einen Dancing Minstrel, einen schwarzen Revuetänzer, transformiert Theaster Gates. Aus den vermeintlich lustigen Miniaturen macht er riesige Skulpturen. Aus dem Babypüppchen wird ein monströses Tar Baby, der Teerguss wird zum Symbol: "Teer ist wie Haut, die man nicht mehr loswird."

Der Dancing Minstrel, als Miniatur leicht per Fingerdruck zum Tanzen zu bringen, ist in Bregenz zur vier Meter hohen beweglichen Skulptur gewachsen. Zeigt die Nippesfigur noch ein breites Lachen, hat der große Minstrel dieses Lachen unter dem Teerguss verloren. Wer die Figur zum Tanzen bringen will, muss selbst ungelenke Bewegungen ausführen, auf die den Mechanismus auslösende Plattform steigen. Die Holzfigur wird sich dann unter Ächzen und Rumoren vor- und zurückbeugen. Aus dem Tänzer wird ein unendlich trauriges Symbol für Unterdrückung und Leiden. (Jutta Berger, 23.4.2016)

Ausstellung bis 26. 6.

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Kunsthaus Bregenz

  • Theaster Gates hält eine rassistische Nippesfigur in Händen. Sie stellt einen Dancing Minstrel, eine  bei weißen  Herrenmenschen besonders beliebte Figur in Revuen des 19. Jahrhunderts, dar.  Sogenannte Tanzneger tauchen heute noch in Spielzeugsammlungen auf. Gates ließ die Miniatur mit Unterstützung des Schnitzers Wendelin Hammerer für das Kunsthaus Bregenz zum Giganten wachsen.
    foto: miro kuzmanovic

    Theaster Gates hält eine rassistische Nippesfigur in Händen. Sie stellt einen Dancing Minstrel, eine bei weißen Herrenmenschen besonders beliebte Figur in Revuen des 19. Jahrhunderts, dar. Sogenannte Tanzneger tauchen heute noch in Spielzeugsammlungen auf. Gates ließ die Miniatur mit Unterstützung des Schnitzers Wendelin Hammerer für das Kunsthaus Bregenz zum Giganten wachsen.

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