Schlinge um Ägyptens Polizei wird enger

22. April 2016, 17:08
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Innenminister wehrt sich gegen "Falschmeldungen"

Gebetsmühlenartig bestreitet Ägyptens Führung jeden Hinweis auf ein Involviertsein der Polizei in das Verschwinden, Foltern, Töten und Entsorgen der Leiche von Giulio Regeni in den Tagen nach dem Revolutionstag am 25. Jänner. Am Donnerstag berichtete nun die Nachrichtenagentur Reuters – gestützt auf mehrere voneinander unabhängige, nicht namentlich genannte Quellen aus ägyptischen Sicherheitskreisen -, dass solche Verbindungen aber tatsächlich bestehen sollen: Demnach hätten Polizisten in Zivil den italienischen Wissenschafter am Abend des 25. Jänner im Kairoer Stadtzentrum bei einer Metro-Station aufgegriffen und kurz in eine nahe gelegene Polizeiwache gebracht, bevor er ins Hauptquartier der Inneren Sicherheit überstellt worden sei. Gefunden wurde die Leiche schließlich neun Tage später einige Kilometer außerhalb von Kairo.

Unklare Befehlskette

Ein solcher Tathergang scheint im Lichte der Umstände plausibel. Am 25. Jänner, dem Jahrestag der Revolution, galt höchste Alarmstufe. Niemand – schon gar kein Ausländer – konnte sich ohne Wissen der Sicherheitskräfte in der Öffentlichkeit bewegen.

Menschenrechtsaktivisten hatten von Anfang an die "bestialischen Folterspuren" an der Leiche als das Werk von "Profis" eingestuft. Unklar bleibt die Befehlskette, wer verantwortlich ist und wer oder was da außer Kontrolle geraten sein könnte. Mit diesen Enthüllungen steigt der Druck auf die Regierung weiter, die Fakten auf den Tisch zu legen, wie das auch in Ägypten immer mehr Kommentatoren verlangen. In einer offiziellen Stellungnahme erklärte das Innenministerium, der Reuters-Bericht entbehre jeder Grundlage. Man behalte sich rechtliche Schritte gegen all jene vor, die solche Unwahrheiten verbreiten.

Die ägyptischen Behörden hatten im Laufe der Wochen verschiedene Erklärungen konstruiert. Zuletzt erschossen sie fünf Mitglieder einer Verbrecherbande, die angeblich Ausländer entführt und ausgeraubt haben soll. In deren Umfeld sei dann auch Regenis Pass aufgetaucht.

Abstrus anmutende Konstrukte

Mit diesen teils abstrus anmutenden Konstrukten gab sich bisher weder die Familie des Ermordeten noch die italienische Regierung zufrieden. Seit Wochen greifen die italienischen Medien den Fall fast täglich auf und berichten ausführlich über Menschenrechtsverletzungen an Hunderten im Land am Nil. Als Anfang April auch der Besuch einer ägyptischen Delegation von Polizei und Staatsanwaltschaft in Rom keine befriedigenden Antworten brachte und die Übergabe von Telefondaten aus verfassungsrechtlichen Gründen abgelehnt wurde, zog Italien seinen Botschafter zu Konsultationen aus Kairo ab.

Rom hat seitdem andere EU-Länder aufgefordert, Regenis Tod zum Thema bei Kontakten mit Ägyptenzu machen. Auch der Sprecher des US-Außenministeriums forderte von Ägypten eine umfassende, unvoreingenommene Untersuchung.

Der 28-jährige Regeni hatte im Rahmen seiner Doktorarbeit in Kairo zu dem sensiblen Thema der Gewerkschaftsbewegung nach der ägyptischen Revolution 2011 geforscht. (Astrid Frefel aus Kairo, 23.4.2016)

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