Erinnerung an die k. u. k. Zeit: Wiener Schule in Sarajevo

22. April 2016, 17:21
9 Postings

Konferenz zur wechselseitigen Wahrnehmung von Bosnien-Herzegowina und Österreich

Wenn man in Bosnien sagen will, dass jemand besonders höflich und wohlerzogen agiert, nennt man das Bečka škola – Wiener Schule. Am Donnerstag fand in Sarajevo eine Konferenz zur wechselseitigen Wahrnehmung von Bosnien-Herzegowina und Österreich statt. Die Konferenz ist eine von dutzenden Veranstaltungen, die das österreichische Außenministerium heuer wegen des Kulturschwerpunkts Bosnien-Herzegowina organisiert. Wie Botschafter Martin Pammer zu Beginn erwähnte, ist die "Wirkmacht der Zeit der gemeinsamen Staatlichkeit" – also die Zeit zwischen 1878 und 1918 – nach wie vor der wichtigste Bezugspunkt für die gegenseitige Wahrnehmung der beiden Staaten. Immer wieder tauchen dieselben Topoi auf: Die Bosniaken als Teil der k. u. k. Armee, Sarajevo als Ort des Attentats oder das Alte Rathaus in Sarajevo, die Vijećnica, die in österreichisch-ungarischer Zeit gebaut wurde.

Durchaus kritisch meinte Pammer, dass die "Geschichte als Bezugspunkt für Legitimität" insbesondere in der jetzigen Zeit zugenommen habe, wo die Beschäftigung mit der Gegenwart und der Zukunft sehr gering ausfalle, aber umso notwendiger sei. Die derzeitige nostalgische Liebe für die k. u. k. Zeit in Bosnien-Herzegowina stellte er der tatsächlichen Stimmungslage im Jahr 1918 gegenüber, als auch viele Südslawen froh waren, dass der "Völkerkerker" ein Ende fand. Die Wiener Historikerin Tamara Scheer betonte in ihrem Referat drei Themen, die für die Wahrnehmung von Bosnien-Herzegowina aus der Sicht der k. u. k. Offiziere von Bedeutung waren: Rückständigkeit, Nationalismus und die Faszination für den "Orient".

"Positiver Erfahrungsort"

Bosnien-Herzegowina wurde von den k. u. k. Militärs demnach bereits in den 1880ern als "positiver Erfahrungsort" wahrgenommen, obwohl die Besatzung und Eroberung überraschend "blutig" waren. Auch später gab es Aufstände gegen die österreichisch-ungarische Herrschaft und Fluchtbewegungen in Richtung Osmanisches Reich und Serbien und Montenegro – insbesondere als Österreich-Ungarn in den 1880ern die Wehrpflicht für Bosnier einführte. Diese wurden von den k. u. k. Offizieren "Landeskinder" genannt. 1910 waren bereits 32.000 bosnische Soldaten in der Monarchie eingesetzt – davon 5.104 in Bosnien-Herzegowina selbst.

Scheer berichtet, dass – im Vergleich zu Galizien – Bosnien-Herzegowina in den Berichten der Offiziere "gut wegkam". Das hatte damit zu tun, dass das Leben für die k. u. k. Offiziere relativ billig war. Die Okkupatoren definierten sich selbst zudem als "Modernisier", es war von einer Kultur- und Zivilisationsmission die Rede. Wenn die Offiziere nach Wien zurückkehrten, richteten manche in der Hauptstadt einen "bosnischen Salon" ein, sie zeigten ihren Mitbürgern "orientalische Möbel", Kunstgegenstände und Waffen aus dem Süden und gaben mit ihren Erfahrungen im "Orient light" offensichtlich ein wenig an. Auch von einem Haremsgitter berichtete Scheer, das in Wien angebracht wurde. Der Nationalitätenkonflikt zwischen Muslimen, Orthodoxen und Katholiken in Bosnien-Herzegowina wurde von den Offizieren nicht als bedrohlich empfunden, weil er sie selbst nicht betraf.

"Relativ blutige Operation einer Großmacht"

Später kam es auf der Konferenz, die in der Philosophischen Fakultät der Universität Sarajevo stattfand, auch zu Diskussionen, als es um die Kriegsführung der Österreicher ging. Der Literaturwissenschafter Clemens Ruthner merkte an, dass die Eroberung Bosnien-Herzegowinas eine "relativ blutige Operation einer Großmacht" war, insbesondere in Maglaj und in Sarajevo wurden Zivilisten "niedergemetzelt". Ruthner thematisierte den Diskurs über "Insurgenten" und machte einen Bogen zu der Diskussion um den "feindlichen Kämpfer", der im Irak-Krieg als rechtelos betrachtet wurde. Dies führte zu Kritik seitens heutiger Angehöriger des österreichischen Militärs, die betonten, dass das damalige Völkerrecht die Vorgehensweise deckte.

Am Donnerstagabend wurde dann in Sarajevo eine aktuelle Ausstellung mit 25 Werken zeitgenössischer österreichischer Künstler in der Kunstgalerie eröffnet – darunter Bilder von Oswald Oberhuber, Alfred Hrdlicka, Max Weiler und Adolf Frohner. Absoluter Höhepunkt der Ausstellung ist die Fotoschau von Erich Lessing, die Bilder aus dem Österreich der 1950er zeigt. Neben Aufnahmen von politischen Ereignissen – sehr hintergründig etwa ein Foto von Schärf, Figl und Raab, wie sie auf Molotow warten – werden auch Alltagsbilder gezeigt. Eines sticht heraus: Da ist ein Schneider namens Franz Hrdlicka in kurzen Hosen vor seinem Geschäft in Wien zu sehen, das Gesicht eine Leichtigkeit ausstrahlend, die der heutige Betrachter von den 1950ern nicht erwart.

Zu sehen ist auch eine Hilfslieferung von 1.100 Tonnen mit Kleidung und Essen aus Idaho, USA, die im Jahr 1948 in Wien am Bahnhof mit Blaskapelle und Schaulustigen empfangen wurde. Die Fotos zeigen die zerstörte und im Wiederaufbau begriffene Hauptstadt oder eine gestrenge Kindergärtnerin sowie ein wunderschönes Porträt von Helmut Qualtinger. (Adelheid Wölfl aus Sarajevo, 22.4.2016)

Share if you care.