Rasende Kinder: Auf Trotzanfälle richtig reagieren

Kolumne24. April 2016, 17:00
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Wenn Kinder wütend oder aggressiv auf bestimmte Situationen reagieren, kann ein erster Schritt für Eltern sein, ihre Hilflosigkeit zuzugeben

Frage:

Wir sind eine Familie mit zwei Söhnen, fünfeinhalb und drei Jahre alt. Beide haben einen sehr starken Charakter, und der Größere ist zusätzlich sehr sensibel. Wenn er sich nicht verstanden, akzeptiert oder fair behandelt fühlt, wird er zu Hause zum schäumenden, nicht nachgebenden Rebellen. Auswärts zieht er sich zurück. Den Grund für seinen Emotionsausbruch können wir Eltern manchmal nicht herausfinden. Manchmal ist der Grund offensichtlich, aber wir sind der Meinung, dass er sich mit der zugrunde liegenden Situation abfinden muss. Eher selten finden wir den Grund heraus und können die Situation in einem Gespräch lösen.

Heute Früh zum Beispiel war der Grund offensichtlich: Unser Sohn ist schwer zu wecken und deshalb ist manchmal das Frühstück schon im Gange, wenn er dazukommt. Das war nie ein Problem. Heute schon! Auch wenn noch niemand am Essen war, fand er es plötzlich ungerecht, dass wir "Großen" die "Kleinen" länger schlafen lassen, damit wir mehr essen können als sie. Er fing an, das Geschirr von seinem Vater wegzuzerren und ihn in verschiedener Weise zu stören (am Stuhl zu rütteln, Kissen auf den Tisch zu schmeißen und so weiter). Wir haben ihm natürlich gesagt, dass das nicht geht, aber er ließ sich nicht davon abhalten.

Es ist nicht das erste Mal, dass er bei Tisch auf diese Weise rebelliert, und ich reagierte bis jetzt immer gleich: Ich habe mein Frühstück beendet und ihn dann auf sein Zimmer gebracht und ihm gesagt, er müsse sich jetzt anziehen, während Papa und Bruder zu Ende frühstücken, danach kann er frühstücken gehen. Natürlich ist er nicht darauf eingegangen, aber ich habe ihm die Tür versperrt, bis die anderen fertig waren. Danach ging er halb nackt frühstücken und hat sich dann schnell angezogen, da der Bruder bereits abfahrtbereit im Auto saß. Er weiß, dass ich ihn, wenn nötig, im Pyjama in den Kindergarten bringe.

Ich weiß nicht, ob ich richtig reagiere. Ich verstehe seinen Zwiespalt, und er wird auch nicht bestraft für sein Verhalten. Aber es geht auch nicht, dass er andere Familienmitglieder deswegen stört, sie nicht essen lässt und sie deshalb zu spät kommen. Deshalb gehe ich auch nicht auf seinen Trotzanfall ein und bleibe hart.

Ich möchte gerne den richtigen Weg mit ihm finden, auch und vor allem in die Zukunft blickend.

Antwort:

Ich wünschte, ich wüsste, was Sie an dem Ablauf an diesem Morgen gestört hat. Da ich es nicht weiß, kann ich nur erwidern, dass ich Ihren Ansatz okay finde. Sie zeigen Ihrem Sohn klar, was Sie tolerieren und was nicht. Das, was Sie von ihm verlangen, ist weit davon entfernt, unangemessen zu sein.

Ein Gedanke für Sie und Ihren Partner, der mir in den Sinn kommt: Wenn Sie Ihren Sohn als "sehr sensibel" beschreiben, nehme ich an, dass Sie meinen, dass er eine "dünne Haut" hat, wenn er mit bestimmten Phänomenen von außen und anderen Menschen konfrontiert wird. Er reagiert sehr stark – egal, ob er seine Reaktion nach innen oder außen richtet. Nach meiner Erfahrung ist es manchmal besser, diese Kinder als "unglücklich" zu charakterisieren. Das macht uns sensibler dafür zu erkennen, wer sie hinter ihrem verteidigenden Verhalten tatsächlich sind.

Sie beschreiben, was passiert, wenn sich Ihr Sohn nicht gefühlt oder gehört fühlt. Eine Möglichkeit wäre, dann Folgendes zu ihm zu sagen: "Hör zu, mein Schatz. Ich kenne Dich nun Dein ganzes Leben, und mir fällt auf, dass Du das Gefühl hast, dass wir Dich nicht verstehen, wie Du innen drin wirklich bist. Ich habe es versucht, und ich muss zugeben, dass Du Recht hast. Oft verstehe ich Dich nicht, und das macht mich auch traurig. Was ich mich jetzt frage, ist, ob Du mir helfen kannst, eine bessere Mama zu werden. Ich weiß nicht, wie, deshalb frage ich Dich. Wenn mir mehr dazu einfällt, sage ich es Dir."

Sie werden an seiner Reaktion sehen, wie er sich mit dieser Aussage fühlt. Ich vermute, dass es ihn sowohl traurig als auch glücklich machen wird. Dass Sie diese Unterhaltung aufnehmen und regelmäßig auf dieses Thema zurückkommen, wird ihn beruhigen und die Beziehung zwischen Ihnen beiden verbessern. Außerdem wird es seine sozialen Fähigkeiten stärken, weil seine Frustrationsgrenze sinkt. Der Prozess der Veränderung wird sich langsam gestalten, aber die Veränderung wird stattfinden. (Jesper Juul, 24.4.2016)

Jesper Juul, geboren 1948 in Dänemark, ist Lehrer, Gruppen- und Familientherapeut, Konfliktberater und Buchautor. Er studierte Geschichte, Religionspädagogik und Europäische Geistesgeschichte. Statt die Lehrerlaufbahn einzuschlagen, nahm er eine Stelle als Heimerzieher und später als Sozialarbeiter an und ließ sich zum Familientherapeuten ausbilden. Er ist Begründer des Family Lab.

Auf derStandard.at/Familie beantwortet Jesper Juul alle zwei Wochen Fragen über Erziehung, Partnerschaft und Familienleben. Seine nächste Kolumne erscheint am 8.5.2016.

  • Rebellisch oder unglücklich – der Übergang ist oft fließend.
    foto: heribert corn

    Rebellisch oder unglücklich – der Übergang ist oft fließend.

  • Familientherapeut, Autor und STANDARD-Kolumnist Jesper Juul.
    foto: family lab

    Familientherapeut, Autor und STANDARD-Kolumnist Jesper Juul.

  • Diese Serie entsteht in Kooperation mit Family Lab Österreich.
    foto: family lab

    Diese Serie entsteht in Kooperation mit Family Lab Österreich.

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