Was in der Rumpelkammer alles zu finden ist: Krempel, Klumpert und Kramuri

Glosse25. April 2016, 10:55
20 Postings

Und warum Entrümpeln zum Kramen in Erinnerungen führen kann, in den Wortspuren

In den vergangenen 20 Jahren ist eine Flut von Ratgebern erschienen, in denen es ums Entrümpeln geht. Arbeitsplatz, Beziehung, Wohnung und Seele, sogar das Leben kann entrümpelt werden. Und wir kennen das: Zu Hause hat sich viel zu viel Kramuri angesammelt über die Jahre, und hin und wieder tut es gut, alten Krempel loszuwerden. Sie fragen sich: Wohin mit dem ganzen Glumpert? Das Graffel auf dem Flohmarkt loswerden oder zum nächstgelegenen Mistplatz bringen? Manchmal passt Ihnen das Ausmisten vielleicht auch gar nicht in den Kram. Lauter unnützer Plunder.

Da gibt es laut Duden jede Menge Gegenstände, die nicht viel wert sind, unbrauchbare Hausgeräte, nutzloses Zeug, sprich: Krempel. Das Grimm'sche Wörterbuch verzeichnet die Nomina Krämpel (Nebenform Grempel), abgeleitet vom dazugehörigen Verb grampen (Nebenform grempen), das schon im Mittelhochdeutschen grempeln / grempen hieß und "Handel treiben, feilschen, schachern" bedeutete. Ein grempeler / grempler war somit ein Kleinhändler, ein Trödler. Das Verb leitet sich von crompare ab, einer Variante von italienisch comprare "kaufen", allerdings mit r-Umstellung. Italienisch comprare geht wiederum auf lateinisch comparāre "sich verschaffen, erwerben, bereiten" zurück. Googeln Sie Krempelmarkt, und Sie finden Termine, zu denen Sie zum Beispiel in Mannheim, Weinheim und Mainz Krimskrams, Ramsch, Plunder und Trödel abstoßen oder auch erwerben können.

Die lautliche Ähnlichkeit zwischen Krempel und Gerümpel ist nicht zu leugnen, und daher mögen sich die beiden Wörter auch semantisch angenähert haben.

Gerümpel ist unter den Synonymen der transparenteste Begriff, und er ist nicht aufs Bairisch-Österreichische beschränkt. Das Wort ist eine Kollektivbildung mit ge- und leitet sich vom mittelhochdeutschen Verb rumpeln "sich geräuschvoll bewegen oder fallen, lärmen, poltern" ab. Gerümpel (mittelhochdeutsch gerümpel "Gepolter, Lärm") ist also ursprünglich klapperndes Geschirr und auf wackeligen Beinen stehender Hausrat, der "rumpelt". Das akustische Sem ist dem visuellen gewichen, und vor unserem inneren Auge – und auch in der Rumpelkammer – sehen wir ein heilloses Durcheinander und Wirrwarr alter Gerätschaften.

Das bairisch-österreichische Graffel1 gibt ähnlich wie Gerümpel ursprünglich einen Höreindruck wieder. Es geht auf ein mittelhochdeutsches Verb raffeln "lärmen, klappern" zurück. Heute raffeln wir Karotten und anderes Gemüse mithilfe eines Reibeisens, und viele Küchenmaschinen haben einen Julienne-Raffeleinsatz.

Neuhochdeutsch Kram geht auf mittelhochdeutsch krâm (althochdeutsch krām) zurück und bezeichnete zunächst das ausgespannte Tuch, die Zeltdecke oder das Schutzdach einer Krambude (mittelhochdeutsch krâme). Später dann wurde krâm als Pars pro Toto für den Stand eines umherziehenden Händlers verwendet. Einer, der in so einer Krambude Sachen feilbietet, war ein krâmære (krâmer oder kræmer). Krämer (mit den Varianten Kramer, Cramer et cetera) zählt laut Wikipedia zu den 100 häufigsten Familiennamen in Deutschland, ist jedoch in Österreich etwas weniger verbreitet.

Dem Kram lautlich ähnlich ist die Kramuri (Gramuri). Für die Herkunft liefert Robert Sedlaczek2 eine plausible Erklärung: Ebenfalls eine Kollektivbildung mit ge- (Ge-rumore), leitet sich Kramuri vom mittelhochdeutschen Verb rumôren "lärmen" beziehungsweise dem Nomen rumôr(e) "Lärm, Aufstand" (aus lateinisch rumor "Geräusch, Gerücht") ab. Zur Umstellung der Vokale fällt mir ein, dass sie nicht so ungewöhnlich ist, lautet doch die dialektale Aussprache von "Humor" wienerisch auch "Hamur".

Im dunkelsten Eck der Rumpelkammer finden wir noch allerlei Glump und Glumpert (aus Ge-lump-echt). Die Kollektivbildungen mit ge- lassen sich zu Lumpen stellen. Das Suffix -ert (zum Beispiel in zahlreichen Dialektwörtern wie påtschert, dreckert, deppert) geht zurück auf ein germanisches Ableitungssuffix, das -ahta (-uhta oder -ihta) lautete und heute noch in Resten standardsprachlich zu finden ist, zum Beispiel in Kehricht, Dickicht und töricht. -icht erscheint im bairischen Dialekt als abgeschwächtes -ert3.

Mittelhochdeutsch lumpe, ein Maskulinum, hatte die Grundbedeutung "Fetzen, Lappen" und entwickelt sich später zu "einem Menschen in zerlumpter Kleidung", einem Lump eben. Ebenso erging es dem haderlumpe (mittelhochdeutsch hader + lumpe), im Grimm'schen Wörterbuch noch verzeichnet als "ein in Lumpen zerfallenes Kleidungsstück, ein Bettlermantel". Später wird die Bezeichnung des Dinges auf die Person, die solcherart bekleidet ist, übertragen. Ein Haderlump, zunächst ein Lumpensammler, ist jetzt – besonders im süddeutschen Sprachraum – eine abwertende Bezeichnung für einen Taugenichts, einen verkommenen, liederlichen Kerl. Das Kompositum ist strenggenommen ein Pleonasmus, weil beide Wortbestandteile dasselbe bedeuten.

Vielleicht finden Sie in dem alten Krempel, den Sie ausmisten, eine vergilbte Reclam-Ausgabe von Nestroys "Lumpazivagabundus", den Sie in der Unterstufe mit verteilten Rollen gelesen haben. Und die Zeitreise führt Sie in Windeseile zur Schulbank zurück. Sie kramen in Erinnerungen, vertrödeln ein bisschen Zeit. So ist das mit dem Entrümpeln. (Sonja Winkler, 25.4.2016)

Sonja Winkler beschäftigt sich seit mehr als 30 Jahren mit der Etymologie von Wörtern. Sie studierte Germanistik und Anglistik im Lehramt in Wien, übte mehr als 20 Jahre eine Lektorentätigkeit am Germanistischen und Anglistischen Institut der Uni Wien aus und war 18 Jahre im Schuldienst. Seit vier Jahren ist sie in Pension.

1 Meine 86-jährige Mutter sagt "Grafflwer", das heißt Ge-raffel-werk.

2 Robert Sedlaczek: Wörterbuch der Alltagssprache Österreichs, Haymon TB, 2011

3 auch: bucklert, dålkert, hatschert, letschert, scheanglert, schlåmpert, spinnert, stinkert, wåcklert, wåmpert …

  • Von Zeit zu Zeit möchte man alten Krempel loswerden.

    Von Zeit zu Zeit möchte man alten Krempel loswerden.

  • Drei in Lumpen: Leim, Knieriem und Zwirn, die drei vazierenden Handwerksburschen aus Nestroys "Lumpazivagabundus". Im Bild Florian Teichtmeister, Nicholas Ofczarek und Michael Maertens in einer Aufführung der Salzburger Festspiele 2013.
    foto: apa/barbara gindl

    Drei in Lumpen: Leim, Knieriem und Zwirn, die drei vazierenden Handwerksburschen aus Nestroys "Lumpazivagabundus". Im Bild Florian Teichtmeister, Nicholas Ofczarek und Michael Maertens in einer Aufführung der Salzburger Festspiele 2013.

Share if you care.