Bruno Aigner: Fischers ewiger Schatten

23. April 2016, 09:00
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40 Jahre lang stand Bruno Aigner an der Seite Heinz Fischers, nun muss er mit dem Präsidenten in Pension gehen

Bruno Aigner wetzt auf dem roten Samt des goldverzierten Barocksofas hin und her, er wirkt unentspannt. Zwölf Jahre an der Seite des ersten Mannes im Staate soll er resümieren, doch die Anekdoten wollen nicht sprudeln, der Kopf ist längst woanders.

Viel mehr fiele ihm zur Flüchtlingspolitik der Regierung ein, erst recht zur Haltung seiner SPÖ – und man darf getrost annehmen, dass der Parteispitze nichts davon gefallen würde. Aber Aigner beißt sich auf die Zunge, verkneift sich jedes böse Wort. "Es juckt mich schon gewaltig", sagt er, "doch ich will nicht im letzten Moment illoyal sein."

Zusammenreißen muss sich der 74-Jährige noch bis zum 8. Juli. An diesem Tag wird nicht nur Heinz Fischer als Bundespräsident abtreten, sondern auch die politische Symbiose zweier Charaktere enden, die auf den ersten Blick wenig gemeinsam haben.

Ein halbes Leben lang stand Aigner, der rastlos Unzufriedene, der die SPÖ fast schon so lange kritisiert, wie er bei ihr Mitglied ist, seinem prominenteren Parteikollegen Fischer, dem harmonieverliebten Prediger des Ausgleichs, zur Seite: als Pressesprecher, Sekretär, Vertrauensmann. Stünde nicht der Auszug aus der Hofburg an, gäbe es am 1. September das 40-jährige Jubiläum zu feiern – Rubinhochzeit auf politisch.

"Ich wundere mich selbst manchmal, warum es so gut funktioniert hat", sagt Aigner. Ein Geheimnis, wenn man so will: "Respekt vor der Funktion des jeweils anderen, der das Verhältnis nie in Kumpanei ausarten ließ".

Gekreuzt haben sich die Wege der beiden in besseren Zeiten, als die Arbeitslosigkeit nahe null und Bruno Kreiskys SPÖ bei Wahlen bei über 50 Prozent lag. Die Strahlkraft des roten "Sonnenkönigs" reichte bis ins Herz des Kapitalismus, nach New York, wo Aigner neben einem Job in einem 24-Stunden-Diner für das deutschsprachige Blatt "Staatszeitung und Herold" schrieb.

Gemeinsam mit Freund Herbert Lackner, dem späteren "Profil"-Chefredakteur, diente sich der Arbeitersohn aus Waidhofen an der Ybbs, den die sakral anmutenden Maiaufmärsche seiner Kindheit ebenso geprägt haben wie die Proteste der 68er-Bewegung, bei der SPÖ an, um im Wahlkampf 1975 als "Junge Österreicher für Kreisky" zu werben. "Lasst's die Buben machen", soll der Kanzler gemurmelt haben.

Eiterbeulen und Parasiten

Kreisky hätte seine absolute Mehrheit womöglich auch dann verteidigt, wenn die zwei Aktivisten nicht mit Austropopper Wilfried und den Crazy Babies im Schlepptau 65 Städte abgeklappert hätten, doch karrieretechnisch war die Tour umso folgenreicher: Lackner heuerte bei Zentralsekretär Karl Blecha an, Aigner bei Klubobmann Heinz Fischer.

In naiver Euphorie glaubte Aigner, dass die rote Blüte nie welken würde, doch bald offenbarten sich dunkle Seiten der Allmacht, mit der sich der idealistische Sekretär partout nicht abfinden wollte.

Er nannte den Club 45, eine von SP-Promis mitgeknüpfte Seilschaft, öffentlich eine "Eiterbeule", diagnostizierte beim AKH-Skandal "parasitäre Erscheinungen" – und entfaltete, obwohl in der Hierarchie nur dritter Zwerg von links, erstaunliche Resonanz.

Die Medien adelten ihn zum "Querdenker", die Reaktionen der Parteispitze zum Rebellen. Eine schriftliche Rüge von Vorstand und Präsidium hat sich Aigner wie eine Trophäe an die Wand gehängt.

"Es ist kalt geworden in der Partei", lautet ein zum Markenzeichen gewordener Satz Aigners aus alten Zeiten. Dass er dennoch nicht aus selbiger flog, sei sicher dem "Schutzschirm" Fischers zu verdanken, sagt er.

Obwohl ihm manch spitzer Kommentar nachträglich selbst ein flaues Gefühl bescherte, sei der Chef nie eingeschritten – vielleicht deshalb, weil Fischer Aigners "Draht nach draußen" schätzte: Während Spitzenpolitiker zwangsläufig viel Zeit in Parteizirkeln verbringen, "verkehre ich am Rand der SPÖ".

Dort blieb Aigner auch. Trotz der Fürsprache von Intellektuellen wie André Heller, Pavel Kohout und Gerhard Roth endeten die Versuche, 1990 und 1994 ins Parlament einzuziehen, auf den chancenlosen Listenplätzen 49 und 55. Von der Partei geschnitten, von Journalisten immer öfter ignoriert – in den Neunzigerjahren hatten zunehmend die Spötter in der SPÖ die Lacher auf ihrer Seite, wenn sie Aigner häkelten: "Bruno, ist dir schon wieder kalt?"

Gut möglich, dass der Querdenker in der Nachred' zum Querulanten verkommen wäre, hätte Heinz Fischer 2004 nicht die Präsidentenwahl gewonnen. Auch wenn Fischer ein Schweigegebot nie direkt ausgesprochen habe: Mit dem Einzug ins überparteiliche Amt sei klar gewesen, sagt Aigner, dass die kritischen Rundumschläge nun tabu waren.

Letzter Rest von Widerstand

Rebellion blieb fortan auf Symbolisches beschränkt. "Weil der Bruno so gut gearbeitet hat", schrieb ihm Fischer nach siegreicher Wahl als Widmung unter ein Bild, "muss er jetzt eine Krawatte tragen." Doch heute spaziert der Sekretär immer noch mit geschlossenem, aber nacktem Polohemdkragen durch den Prunk der Hofburg. Ob beim Papst oder im Kreml: Aigner hat den Bürgerstrick verweigert – "der letzte Rest vom Widerstand eines 68ers".

Ansonsten hat sich der Altlinke mit den monarchischen Facetten des Amtes arrangiert, wenn nicht sogar angefreundet. Das Protokoll hat er schätzen gelernt, um Karawanen bei Staatsbesuchen zusammenzuhalten, der bedächtige Arbeitsrhythmus, der sich der Atemlosigkeit der Tagespolitik entzieht, kommt ihm zupass.

"Ich bin sehr für Entschleunigung", sagt Aigner, wie sein Boss ein Freund des breitgewälzten Gedankens, und outet sich dem Mediensprecherdasein zum Trotz als "digitaler Muffel": "Einladungen auf Facebook lösche ich sofort."

Abgefärbt auf seinen Schatten hat auch der Hausherr selbst. Fischers Gabe, "mit dem Kopf des anderen zu denken", habe er sich wohl ein Stück weit angeeignet, "ich sehe heute nicht mehr alles nur Schwarz und Weiß, sondern auch die Grautöne". Und selbst Diplomatie kann Aigner: Neulich, in Prag, hat er sich beim Bankett mit einem Nuntius glänzend über Fußball und Sizilien unterhalten. "Das Thema Religion", sagt Aigner, wie Fischer ein Agnostiker, "wollte ich ihm nicht antun."

Bald könnte es mit der Zurückhaltung aber wieder vorbei sein. Obwohl längst über jede Pensionsaltersschwelle hinaus, will Aigner, privat mit der grünen Politikerin Terezija Stoisits liiert, nach dem Abschied aus der Hofburg "rund um die Uhr politisch aktiv" bleiben, und wer weiß: Vielleicht feiert sogar der Querdenker Auferstehung. "Reden wir in ein paar Wochen weiter", sagt er, "dann bin ich entfesselt." (Gerald John, 23.4.2016)

  • Der Altlinke Aigner hat sich mit der barocken Pracht der Hofburg arrangiert: "Ich sehe heute auch die Grautöne."
    foto: robert newald

    Der Altlinke Aigner hat sich mit der barocken Pracht der Hofburg arrangiert: "Ich sehe heute auch die Grautöne."

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