Shakespeare, Geheimwaffe des Westens

Blog23. April 2016, 14:00
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Er legte die Grundlage für Europas Siegeszug und ist heute noch das Bollwerk zur Verteidigung liberaler Werte

Vor 400 Jahren war Westeuropa noch nicht der Nabel der Welt. Die stärkste Militärmacht auf dem Kontinent war das Osmanische Reich, das Mogulreich im Nordindien war auf dem Höhepunkt seiner Pracht, und in China begann der Siegeszug der dynamischen Qing-Dynastie über die Ming. Die Staaten an der europäischen Atlantikküste hatten zwei Stärken: Durch überlegene Schiffstechnik beherrschten sie die Weltmeere, und sie hatten das Werk William Shakespeares.

Seine Theaterstücke und Sonette waren bei seinem Tod am 23. April 1616 (nach dem julianischen Kalender) zwar noch wenig bekannt, aber sie verkörperten jenen Geist des emanzipierten bürgerlichen Individualismus, der Europa in den kommenden Jahrhunderten groß machen sollte.

Durch die Kraft seines Verstands

Der Freigeist, der unabhängig von Hof und Kirche im elisabethanischen England allein durch die Kraft des Verstandes, Kreativität und Geschäftssinn das größte Kunstwerk der Menschheitsgeschichte schuf, war Wegbereiter der wissenschaftlichen Revolution, der Aufklärung mit ihren liberal-demokratischen Werten und letztlich auch des Kapitalismus. Denn Shakespeare war vor allem Theaterdirektor in einem umkämpften Unterhaltungsmarkt, der nur überleben konnte, wenn er den Geschmack des Publikums traf.

In seinen Stücken zeichnete er eine moderne Welt fast ohne Gott und Religion, in der Könige Schurken und einfache Bürger Helden waren und in der es keine Gewissheiten gab und Weisheit nur durch menschliche Erkenntnis kam. "Welch ein Meisterwerk ist der Mensch" – Hamlets humanistisches Credo war Jahrhunderte vom Mittelalter entfernt.

Keine andere Kultur bot diese Freiräume

Den Rückstand bei Schiffen hätten Osmanen, Inder oder Chinesen aufholen können, aber Shakespeare war nur im Europa der Neuzeit möglich. In keiner anderen Kultur gab es jene Freiräume abseits von Herrschaft und Religion, die es einem Einzelnen erlaubt hätte, Autorität so sehr infrage zu stellen und dieses Universum an Charakteren und Schicksalen zu erschaffen, das Shakespeares Stücke auszeichnet.

Der Dichter lebte auch nicht ganz zufällig in England, von wo auch viele weitere philosophische, politische und wirtschaftliche Revolutionen ihren Ausgang nahmen. Ohne diese geistigen Möglichkeiten, die Shakespeare aufgezeigt und fiktional selbst verwirklicht hat, hätte es den Siegeszug des Westens in den folgenden Jahrhunderten nie gegeben.

Der Dichter hätte sich geniert

Vieles ist danach in Namen der europäischen Kultur passiert, für das sich der Dichter genieren würde – von den Verbrechen des Kolonialismus bis zu den Genoziden des 20. Jahrhunderts. Kurz nach seinem Tod brach der Dreißigjährige Krieg aus, der Kontinentaleuropa verwüstete und das Shakespearische Zivilisationsversprechen auch hätte völlig vernichten können.

Aber es kam anders. Die Welt, die heute Shakespeare verehrt, ist reicher und gerechter, als er es sich je hätte vorstellen können – das auch dank seines Werkes.

Wenn die Werte des Westens gefährdet sind

Wer heute die Werte des Westens gefährdet sieht – durch empfindliche Präsidenten in der Türkei, autokratische Parteichefs in China oder mörderische Islamisten – und die mangelnde Verteidigungskraft unserer Kultur beklagt, der kann beruhigt sein: Die Geheimwaffe Shakespeare ist immer noch einsatzbereit. (Eric Frey, 23.4.2016)

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