"Touristin": Von Teheran nach Isfahan

24. April 2016, 12:00
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Die Wiener Galerie nächst St. Stephan zeigt eine Fotoserie der Künstlerin Aneta Grzeszykowska

Man ahnt, dass irgendwas auf den Bildern nicht stimmt: Die insgesamt 75-teilige Fotoserie Iranian Film Stills dokumentiert die Reise von Teheran nach Isfahan, die Aneta Grzeszykowska mit ihrer Tochter (und ihrem Mann, der die Fotos machte) unternahm. Sie fahren gemeinsam im Bus, besichtigen eine Moschee oder ruhen sich in der kargen Landschaft aus. Nur einmal sieht man die Künstlerin allein vor einem Spiegel, in dem sie ihr Kopftuch eingehend prüft. Damit verdeutlicht Grzeszykowska sehr subtil, dass sie auf ihrer Reise durch das islamische Land eigentlich eine Rolle spielt, es sich um inszenierte Aufnahmen handelt.

Aneta Grzeszykowska (geb. 1974 in Warschau) geht es aber nicht um die Ablehnung des Kopftuchs; vielmehr scheint sie einmal mehr an der spezifischen Konstruktion weiblicher Identität interessiert zu sein. In ihrer Auseinandersetzung mit Frauenbildern tauchen Kostüme und Masken schließlich des Öfteren auf: Als Referenz für ihr Reisetagebuch Iranian Film Stills (2015) hat ihr etwa Cindy Shermans berühmte Fotoserie Untitled Film Stills (2006) gedient. Aneta Grzeszykowska interpretierte und reinszenierte Shermans Klassiker, wobei ihre Aneignung sowohl als Hommage als auch als erneute Befragung der Bilder gedacht war.

In ihrer Ausstellung Touristin in der Wiener Galerie nächst St. Stephan ist dieser Verweis auf Sherman nicht vordergründig spürbar. Was allerdings irritiert, ist die Tatsache, dass man anstelle von "Film-Stills" hier nur Fotografien sieht. Neben einer Auswahl großformatiger Abzüge an den Wänden der Galerie werden alle 75 Iranian Film Stills zudem in einem Fotoalbum präsentiert.

Um die Reise von Anfang an zu verfolgen, muss man den dicken Wälzer – wie bei Büchern in arabischer Schrift üblich – von hinten nach vorn durchblättern: Von der Freitagsmoschee in Isfahan über ein Gästezimmer mit Mosaikbrunnen bis hin zu modernen Bauwerken sind die Impressionen zwar sehr imposant, vieles wirkt aber auch unmodern, teils extrem trist.

Am Ende des Albums landet man aber doch noch im Ausstellungsraum des Studio of Contemporary Creation in Isfahan, wo die als Artist in Residence geladene Künstlerin eine Ausstellung realisiert hat. Mit diesem Blick auf einen gegenwärtigeren Iran gelingt Aneta Grzeszykowska eine Differenzierung des Blicks auf das Land, das man ansonsten nicht unbedingt mit Künstlerinnen oder gar Feminismus assoziiert.

Das Private ist politisch

Franciszka, die Tochter der Künstlerin, bildet die Verknüpfung zu einer weiteren in der Galerie ausgestellten Werkserie. Die Arbeit Franciszka besteht aus mehreren selbstgenähten weißen Puppen, die das Mädchen in der Zukunft – im Jahr 2016, 2018 und 2027 – darstellen sollen. Hat die Tochter das imaginierte Alter erreicht, wird die jeweilige Puppe durch ein Foto ergänzt. Das macht die Puppen als Objekte leider nicht viel interessanter. Spannender ist da schon der dahinterliegende grundsätzliche Antrieb Grzeszykowskas, sowohl die Trennung von privat und politisch einzuebnen als auch Familienarbeit mit der künstlerischen Produktion zu verknüpfen. (Christa Benzer, 23.4.2016)

Bis 7. 5., Galerie nächst St. Stephan, Grünangergasse 1, 1010 Wien

  • Inspiriert von Cindy Shermans Serie der "Untitled Film Stills",  hat Aneta Grzeszykowska ihre Iran-Reise mit einer Reihe inszenierter Fotografien begleitet: "Iranian Film Stills" (2015).
    foto: aneta grzeszykowska

    Inspiriert von Cindy Shermans Serie der "Untitled Film Stills", hat Aneta Grzeszykowska ihre Iran-Reise mit einer Reihe inszenierter Fotografien begleitet: "Iranian Film Stills" (2015).

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