Barbi Markovic: Revolution von unten, Klassenkampf von oben

Rezension26. April 2016, 10:17
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Die Heldinnen des zweiten Romans der Autorin wollen auch ein Stück vom Kuchen, mit dem die Mittelschicht ihr Leben feiert

Mit meinem Namen fragt mich in Österreich niemand, woher ich komme, weswegen ich auch nicht ständig allen erklären muss, wie ich gefälligst hier gelandet bin. Die drei Superheldinnen des gleichnamigen Romans von Barbi Markovic werden in ihrem Wohnort Wien ständig damit genervt, weil sie ständig auf ihren zufälligen Geburtsort Ex-Jugoslawien reduziert werden.

Außerdem sind sie ständig mittellos, obwohl sie ständig arbeiten, und sind ständig mit Schicksalsblitz und Auslöschung zur Hand, um "Vertreter[n] vulnerabler Gruppen, Klassen und Ethnien" (in absolutistischen Interventionen) zur Seite zu stehen. Was diese magischen Werkzeuge können, soll selber nachgelesen werden, die Lust zu spoilern muss man in einer Rezension demütig aussitzen. Ebenso demütig sollte man mit Verantwortung umgehen.

Als Rezensentin liegt es in meiner Verantwortung, was ich hervorhebe und hintanstelle. Stelle ich die rigorose Kritik an einer hierarchisierenden Gesellschaftsstruktur hintan, lobe lieber Form, Witz oder Coolness der Figuren, rezensiere ich als Mittelschicht.

Wenn Mittelschicht rezensiert, wird Klassenkämpferisches auf sozialromantische Größe geschrumpft, bevor es en miniature weiterkriechen darf. Mascha (die auf Gesundheit statt Schönheit setzt), Direktorka (die das Fach der Empathie autodidaktisch studierte) und das erzählende weibliche Ich (immer versucht, ihre Magie zu missbrauchen), drei kriegsbeschädigte Frauen Mitte dreißig, haben zwar von ihren Ahninnen das Zaubern erlernt, aber sind es nicht gewohnt, "ein normales, menschenwürdiges Leben zu führen".

Nun wollen sie, wenigstens für einige Jahre, auch einmal sorgenfreie Mittelschicht sein dürfen. Wo deren Grenze verläuft, ist ihnen unklar, aber sie wissen, "dass wir es mit Geld leichter haben werden". Mal essen gehen, sich überhaupt regelmäßig Essen leisten können, oder sogar Kinder mitsamt Familienkutsche – im Kasino muss das doch zu holen sein.

Sich von Klavierstunden ein Auto kaufen können? Kunst machen können einzig mit der optimistischen Hoffnung auf das nächste Stipendium? Die Superheldinnen kaufen das niemandem ab: "Bist du eine Taube, musst du ununterbrochen vorsichtig sein. Bist du ein Mensch ohne Rückendeckung, ebenfalls." Ihre zum Weinen "hungrigen nervösen Biografien" inklusive Lohndumping sind es, die ihre Leben so klein und scheiße machen.

Optimismus muss man sich leisten können. Die drei leisten sich bloß Grammatikfehler in der Horoskope-Redaktion. Am Konsum partizipieren sie nur, wenn sie für die unerschwingliche Dauer einer Dönerplatte eine "Pause von der Armut" nehmen. Die restliche Zeit über schielen sie auf die Parallelwelt der Abgesicherten, wissend, dass sie selbst als "Menschen niedrigster Ordnung" gelten.

Starke gegen Schwache

Das Vertrauen in die eigene Existenzberechtigung in dieser sozialen (Un-)Ordnung ist so geschwächt, dass die drei die Revolution von unten als auswegloses Unterfangen sehen, solange sich der Klassenkampf von oben dagegen stemmt: "Die Stärkeren schlugen die Schwächeren mit Baseball-Schlägern." So wechseln die drei Superheldinnen ihre Städte nicht, weil das geil ist, sondern weil sie Chancen suchen.

Die topografische Anordnung um Wien, Arbeitergasse, mit einer Exkursion nach Berlin, die Montage zeitgenössischer Versatzstücke aus Werbung, Politik und Esoterik sowie das Abstrampeln der Protagonistinnen erinnern an Alfred Döblins Berlin Alexanderplatz, die Gerechtigkeit einfordernde Frauenbande und die Erzählform der Rückblende an Joyce Carol Oates' Foxfire – ebenfalls Romane, die in die Köpfe von Figuren mitnehmen, denen Dinge zustoßen, "die niemandem zu[stoßen], der auf sicherem Boden steht".

Ja, klar, Form, Witz, Coolness, aber: Superheldinnen ist vor allem ein politischer Roman und verdient, politisch besprochen zu werden. Inklusive aller Resignation, Depression, "Halssäckchen" voller Neid, Wut, Galle und vor allem Revolutionspotenzial: "Zu Recht würdet ihr fürchten, wir könnten euch den Kopf abbeißen." Man darf und soll sich von Markovic zitternd angesprochen fühlen, wenn man auf der "Rangliste der Menschen" weiter oben rangiert. (Nadine Kegele, Album, 26.4.2016)

Barbi Markovic
Superheldinnen

Residenz-Verlag 2016
176 Seiten, 18,90 Euro

  • "Bist du eine Taube, musst du ununterbrochen vorsichtig sein. Bist du ein Mensch ohne Rückendeckung, ebenfalls": Barbi Markovic.
    foto: www.corn.at

    "Bist du eine Taube, musst du ununterbrochen vorsichtig sein. Bist du ein Mensch ohne Rückendeckung, ebenfalls": Barbi Markovic.

  • Barbi MarkovicSuperheldinnenResidenz-Verlag 2016176 Seiten, 18,90 Euro
    cover: residenz

    Barbi Markovic
    Superheldinnen

    Residenz-Verlag 2016
    176 Seiten, 18,90 Euro

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