"Luxusprobleme": Geprellt oder gegrillt

22. April 2016, 17:18
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Die zweite Soloschau von Cäcilia Brown in der Wiener Galerie Gabriele Senn

Für Indy Jones wäre so was kein Problem gewesen: Mit einem Hechtsprung hätte er sich am letzten erreichbaren Absatz der weggebrochenen Treppe festgeklammert und hochgehievt. Aber Cäcilia Brown (geb. 1983) hat nicht an eine Herausforderung für Abenteuerhelden gedacht, als sie auf dem zentralen Objekt ihrer Ausstellung Luxusprobleme – weit außer Reichweite – Stufen angebracht hat. Diese oder vielmehr deren hohle, in Stahl gefertigte Umrisse führen in luftigere Gefilde – vielleicht in ein exklusives Dachgeschoß – bleiben aber definitiv unerreichbar.

foto: iris ranzinger, gabriele senn
Architektonische Versatzstücke, die uns auf die Plätze verweisen.

Browns Objekt (Ohne Titel, 2016) als Zitat eines Gebäudes zu lesen, dabei helfen auch die Massivität dieser 450 Kilogramm schweren Gipswand und ihre fleckig-anthrazitgraue Färbung. Wie eine Hausmauer baut es sich in der Galerie Senn vor dem Betrachter auf, geht ganz auf in der Rolle der unsympathischen Barriere.

Es sind aber auch die fragileren Objekte dahinter, die beim Entschlüsseln helfen: Diese plakatartigen Steher – Fotodrucke auf mit Gips verstärktem Stoff – machen einen sehr prekären Eindruck, so als könnte sie die nächste Windböe umwerfen. er zieht ein und ich zieh aus, heißt einer von ihnen, der ein eher zerbeultes Treppenfragment am Gehsteig zeigt. "Guten Tag", grüßt die Gentrifizierung. "Adieu", sagt der Altmieter.

Zerbeult ist überhaupt ein gutes Wort für die neuen Werke Cäcilia Browns. Oder auch: hergenommen. Denn tatsächlich ist die Künstlerin mit ihren Skulpturen nicht sehr pfleglich umgegangen, hat ihnen Gewalt angetan. Stahlkörbe, die an öffentliche Mistkübel erinnern, hat sie von Brücken geworfen oder in ihnen ein Feuer angezündet: überqualifiziert und isst gerne koreanisch heißt die eine, innerstädtischer Grillgeruch ihre rußige Schwester.

foto: iris ranzinger, gabriele senn

Fast schon zynische Titel für trotzig gute Arbeiten, die in uns Medienbilder von radikalerer Zerstörungswut wachrufen. Das gesellschaftliche Frustrationspotenzial manifestiert sich aber höchst wirkungsvoll in Browns Objekten. Luxusprobleme, der Titel ihrer Ausstellung, wird zum Wortspiel: verkehrt sich zum Problem, den man mit Luxus haben kann.

Der öffentliche Raum ist der Ort, an dem und mit dem die Künstlerin seit langem operiert: Mal spielerisch in Form schwimmender Zebrastreifen oder improvisierter Schaukeln, mal herausfordernd, indem sie reglementierendes Inventar – etwa Begrenzungsgestänge und -poller – zitierte, machte sie Funktionen und Potenziale des urbanen Raumes zum Thema. Nun scheint sie eher in Spuren und Narben unseres städtischen Lebensraums – und den sich dort abzeichnenden Aggressionen – zu lesen. (Anne Katrin Feßler, 22.4.2016)

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